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Ost und West · 1907-12-01 · Heft 12 (Dezember 1907) · p. Seite 771 - 772

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 12 (Dezember 1907)
Article
Die Sänger
Date
1907-12-01
Page
Seite 771 - 772 (sequence 2)
Language
German
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771 Hermann Menkes: Die Sänger. 772 und Menschen noch auszukommen. So lockte er mit Witzworten und humoristischen Zurufen die Leute, zumeist junges, dankbares Schulvolk, an sich heran und fand in dieser Weise kärglichen Verdienst. Gott hilft über alles hinweg. So war denn das Kind immer größer geworden, behielt nach einigen Krankheiten, die es überstand, eine dürftige Gesundheit und konnte in die Talmud-Thora, in eine armselige religiöse Schule gesteckt werden, die sich von Spenden reicher Juden und der Unterstützung der jüdischen Gemeinde erhielt. Hier bekamen die Kinder nebst der geistigen auch einige leibliche Nahrung, die ebenso dürftig war, wTie die Kleidungsstücke, die man zur Winterszeit ihnen verabreichte. Aber, das sah nun Löbl einmal ein: der Knabe hatte etwas von der Schönheit der Mutter. Ja, vielleicht, daß seine Augen noch schöner waren, große, schwarze, traurige Augen, daß man weinen konnte, wenn man sie anblickte und ein Stimmlein, zart und wie Mädchen - gesang erklingend. Löbl stahl sich oft einige Augenblicke Zeit, eilte in die Talmud-Thoraschule zur Zeit, da die Kinder sich im Hof ergingen, um seinen Knaben zu sehen. Geschäfte hier wie vor anderen Schulen zu machen, durfte er nicht hoffen. Wenn er den Hof mit seinen nüchternen W7änden und seiner Öde betrat, da saßen die Kinder teils müde und wie leidend an allen Ecken oder versuchten zaghaft und nutzlos Spiele zu veranstalten. Lärm und Trubel'gab es da nicht, vielleicht ein wenig Angst oder bestenfalls ein , Pr < t.*'W^ ^.j« 'i^atifTilBhri. ,w SOLOMON J. SOLOMON Die Familie des Künstlers. (Zum Artikel «Ausstellung jüdischer Künstler", trauriges Behagen an der Ruhe und ein Aufatmen darüber, daß es für wenige Minuten die Strenge der Lehrer nicht mehr für sie gab. Kam sein Knabe auf ihn zu, da streichelte Löbl mit seinen vom Frost aufgedunsenen und rauhen Händen das feine, reiche Haar des Kindes, hob es zu sich empor und verließ dann still den Hof. Er lächelte nicht und hatte kein bewußtes Glücksgefühl. Aber seit dieser Zeit klagte er nicht und dankte Gott nicht mehr, daß er seine Frau all das viele Leid nicht erleben ließ. Aber von einem ungehemmteren Glück war Löbls kleiner Sohn erfüllt. Hatte er an Frühlings- oder Sommertagen einige freie Zeit, so tummelte er sich auf jenem umfriedeten Platz, den sie den „Friedhof" nannten. Er war da am liebsten allein, und wie viel Glück schuf ihm diese Einsamkeit! Da gab es Sträucher, lärmende Spatzen und bunte Schmetterlinge, da und dort einen Hügel oder ein kleines Regenbächlein. Die bildeten seine Märchenreiche. Hie und da drang mit sausendem und musizierendem Wind Gesang aus der Synagoge zu ihm, und der Knabe sang mit, still und scheu und doch ein wre.nig wie von feierlichem Glück erfüllt. Kam aber das Kind nach Hause in den düsternr schmucklosen Keller, so war jener Zauber und alles Glück gewichen. Früh kam ihm die Ahnung, wie hart und freudlos das Leben ist. Auch des Vaters Zärtlichkeit war glücklos und wurde unter Seufzern und Sorgen gegeben. Und gerade der Samstag wrar ein Tag, der dem Kind Unbehagen und einige Ängstlichkeit brachte. Sein Vater hatte einen Freund, den er nach den Gebetsstunden in der kleinen Synagoge stets mit sich nach Hause brachte. Ein gewisser Gram und Zorn gegen das Leben hatte zw*ei Menschen zusammenzubringenvermocht, die sonst nichts miteinander teilen konnten. Löbls Freund hieß Rüben, war rothaarig, zählte 40 Jahre, sah aber viel älter aus und hatte ein kleines ärmliches Amt als Aushilf svorbeter. Es war nichts von Gemüt und Freundlichkeit im Wesen dieses Mannes. Ihm war der karge Humor fremd, mit dem sich ein armer Jude über Not und Tücken des Lebens zu helfen weiß. Seine Stirn war hart geformt und in seinen Augen war nie ein sonniger Schein. Er hatte ein Weib, viele Kinder, und nichts konnte ihn j e versöhnlich und freudig stimmen, keine Sehnsucht, kein Traum lebte in oelgemaelde:

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