Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Die Sänger
- Date
- 1907-12-01
- Page
- Seite 769 - 770 (sequence 1)
- Language
- German
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769 770 DIE SAENGER. Von Hermann Menkes. Nachdruck verboten. Im Souterrain eines der morschen Häuser in der ,, Schulgasse" einer galizischen Stadt, in einem kleinen, feuchten und lichtlosen Raum, wohnte Löbl, der Apfelhändler. Er war ein kleines Männchen und sah, trotzdem er erst 45 Jahre zählte, mit seinem dichten, etwas ergrauten Bart und seinen welken Zügen schon greisenhaft aus. Er hatte von frühester Jugend an Not und schwerste, endlose Arbeit gekannt, konnte nie trotz seiner Anstrengungen auf einen grünen Zweig kommen L. KRESTIN Verbotene Lektüre. (Zum Artikel „Ausstellung jüdischer Künstler".) OELGEMAELDE. und wurde nach kurzen, kümmerlichen Glücksjaliren seiner Ehe Witwer. Solange seine Frau lebte, bildete sie seinen einzigen Stolz. Sie besaß trotz der Derbheit ihres Äußern einige Schönheit, und Löbl schaute mit Glück auf sie, da sie so stattlich aussah wie die Frauen der Wohlhabenderen und Gesegneteren. Auch half sie wacker mit im Arbeiten und Verdienen, wußte draußen auf dem Markte die Kundschaft durch feinere Art an sich heranzulocken, und so lange sie lebte, ging es ja leidlich gut. Es bildete lange beider Schmerz und Traurigkeit, daß sich Kindersegen nicht einstellen wollte. Weil ihnen dies unerträglich war, und sie sich vor den Leuten, die sie mit ihren Fragen bedrängten, schämten, hatte sie unter Tränen nahezu sich entschlossen, ihre Ehe aufzulösen und von einander zu gehen. Doch gerade um diese Zeit stellte sich der Segen ein. Die Frau gebar einen Knaben, aber nach wenigen Tagen innigster Glückseligkeit starb sie an den Folgen der Geburt. Von da ab ging es abwärts mit Löbl. Nicht nur, daß er seinen klaglosen, stillen Kummer nicht überwinden konnte, auch sein sonstiges Elend nahm zu. Er konnte nicht mehr ,,die Stell"' mitten auf dem Marktplatze behalten, die bessere Kundschaft wandte sich ab, da die Frau mit ihren schmeichelnden Worten nicht mehr lockte, und Löbl wurde ein fliegender Händler mit zweifelhaften und schwer genießbaren Waren, mußte sich vom grauenden Morgen bis in späte Abendstunden bei Frost und Wetter noch mehr abrackern, und schlimmes, bitteres Leid fügte ihm das verlassene Kindlein zu, dessen sich nur die Nachbarn zuweilen annahmen und das ihm gar keine Freude bringen konnte. Wie oft saß er in später Nacht an der Wiege, mit geneigtem Haupt und geschlossenen Augen darüber nachsinnend, wie wenig Segen und Glück darin lag, was er so heiß erfleht. Mußte er bei grauendem Morgen an Wintertagen mit seinen Waren wieder hinaus und das Kind verlassen, da geschah es. daß sich dem sonst resignierten Manne die Klage entrang: „Glücklich bist du, daß du tot bist, Chane, und weh* mir, daß ich dich überlebt!''' Das hörte niemand und die Worte zerrannen in dem einsamen grauen und wie in Trübsal erstarrten Morgen. War Löbl wieder unter den Leuten, da mußte all das vergessen werden, und aus einem versteckten Winkel seiner Seele holte er ein kleines Rest eben von Humor hervor, das der arme Jude benötigt, um mit Welt