Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Das jüdische Sprichwörterbuch
- Date
- 1907-12-01
- Page
- Seite 761 - 762 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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761 Dr. B. Rohatyn, Krakau: Das jüdische Spnchwörterbuch. 762 dem Hauptbegriff gewöhnlich auch noch andere Begriffe. Eine Uebersicht über die alphabetisch geordneten Schlagwörter ergiebt also noch nicht den ganzen Begriffsinhalt der Sprichwörter. Um auch die anderen Begriffe dem Leser ersichtlich zu machen, befindet sich zum Schlüsse ein mit erstaunlichem Fleiss und Genauigkeit ausgearbeiteter Index, in welchem sämtliche in dem Buch (ausser den Schlagwörtern) vorkommenden Substantiva verzeichnet sind, jedes mit dem Schlagwort und der Nummer des Sprichwortes, in dem es vorkommt. Sprichwörter, die, obgleich zu verschiedenen Gruppen gehörend, doch dem Sinne nach miteinander verwandt oder ähnlich sind, sind durch Hinweise untereinander verbunden. Was die Orthographie anbetrifft, so versichert uns der Verfasser, er sei ..vorwiegend den von den neuen jüdischen Verfassern beobachteten Kegeln gefolgt." Das trifft glücklicherweise nicht zu. In den Schriften auch der besten neueren jüdischen Schriftsteller, auch solcher, die nicht nur bedeutende Dichter sind, sondern ein hohes Mass von Bildung besitzen, wie z. B. Frug, Abrahamowicz, J. L. Gordon, herrscht leider eine vollständige orthographische Anarchie. Zuweilen findet man dasselbe Wort in derselben Zeile auf verschiedene Weise geschrieben. Der Verfasser befolgte ein eigenes System, welches mit strenger Konsequenz durchgeführt ist und darauf ausgeht, die Etymologie der Wrörter ersichtlich zu machen und zugleich einerungezwungenen, schönen und klaren Aussprache zu dienen. Besonders geschickt und mit grosser Gewissenhaftigkeit ist die Zusammensetzung hybrider Wörter veranschaulicht. Es wäre zu wünschen, dass das Bernstein'sche Sprichwörterbuch dazu beitrage, dem entsetzlichen Chaos in der Orthographie des Jüdischen ein Ende zu machen. (Einwendungen gegen einzelne Punkte siehe weiter unten). Zahlreiche Sprichwörter stehen im Zusammenhang mit Volksbräuchen, Anekdoten, Volksliedern, Sagen, Märchen, abergläubischen Vorstellungen, historischen Reminiszenzen, oder bedürfen sonst einer Erläuterung, da der Witz, oder das Wortspiel, das sie enthalten, nicht auf den ersten Blick M. ANTOKOLSKI Judenkopf. (Zum Artikel „Ausstellung jüdischer Künstler".) BUESTE. wer mag wissen, ob nicht der nächsten Generation schon so manches dunkel sein wird, Avas uns geläufig und selbstverständlich ist. Besondern Dank wird man dem Verfasser wissen lür die Zurückführung sehr zahlreicher Sprichwörter auf ihre biblischen und rabbinischen Quellen. Viele biblische und noch mehr aggadische Wendungen und Aussprüche sind auf dem Wege der beinahe unübersehbaren Homilien- und sonstigen Volksliteratur ins Volk gedrungen und, oft mehr oder weniger umgestaltet, zu Sprichwörtern geprägt worden. Hier findet man die Urtypen, häufig aus den fernsten und verstecktesten Winkeln hervorgeholt und dem lebendigen Sprichwort gegenübergestellt. Auf so manche Volksanschauung, auf so manchen Brauch und Volksglauben fällt dadurch ein helleres Licht. Doch hat sich der Verfasser wohlweislich gehütet, Analogien und klar zu Tage liegen. In allen diesen Fällen hat scheinbare Aehnlichkeiten zu berücksichtigen. Das der Verfasser klare, knappe Erklärungen angebracht, in einem anmutigen, leichten Plauderton, der zum Stil des (ranzen stimmt, der alles zum Verständnis nötige sagt, ohne in Pedanterie und Wichtigtuerei zu verfallen. Hier scheint mir der Verfasser zuweilen ein Uebriges getan und manches erklärt zu haben, was sich von selber erklärt. Doch immer besser zu viel als zu wenig. Und hätte geheissen: sich ins Uferlose verlieren. Denn Analogien existieren zwischen den Sprichwörtern aller Zeiten und Völker. Nur wo eine direkte Entlehnung oder wenigstens eine sichtbare Anlehnung an die alten Quellen vorhanden, sind diese nachgewiesen. Soviel ich sehen kann, ist nur die Bibel und das rabbinische Schrifttum herangezogen, die spätere, so reichhaltige und bis auf die neue