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Ost und West · 1907-11-01 · Heft 11 (November 1907) · p. Seite 691 - 692

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 11 (November 1907)
Article
Der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums
Date
1907-11-01
Page
Seite 691 - 692 (sequence 2)
Language
German
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691 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums. 692 die allgemeine Bildungsstätte. Einen Lehrstuhl für orientalische Sprachen und einen solchen für allgemeine Philosophie an der Lehranstalt einzurichten, gehört gewiss nicht zu den berechtigten Wünschen. Wohl aber dürfte der Wunsch gerechtfertigt sein, die Fachschule in der Weise auszubauen, dass sie eine gewisse Vollständigkeit erlangt. Seit dem Tode Steinthals ist die Lehrstelle für Religionsphilosophie verwaist und es ist eine dringende Notwendigkeit, dass der geeignete Mann für sie gefunden werde. Damit soll den wackeren und fleissigen Männern, die seit längerer oder kürzerer Zeit an der Lehranstalt wirken, nicht der allergeringste Vorwurf gemacht werden, sie können nur ihrem Fach obliegen und es wäre für sie und für die Schüler ein Nachteil, wenn sie sich auf Nebenwege locken Hessen. Aber auch der Ausweg, der in letzter Zeit getroffen war, führte nicht zum Ziel: die Ferienkurse, die mehrmals von H. Cohen veranstaltet wurden, so sehr sie auch die Zuhörer befriedigten, Hessen mehr das Fehlende erkennen, als dass sie imstande waren, die klaffende Lücke auszufüllen. Mit der Schaffung eines Lehrstuhls für Religionsphilosophie wäre ein notwendiges Erfordernis erfüllt, aber keineswegs das einzige. Gewiss soll eine Fachschule Kenntnisse vermitteln, aber sie soll auch allgemeine Gesichtspunkte aufstellen, sie soll bedenken, dass sie es einerseits mit Anfängern zu tun hat, andererseits mit solchen, die neben der gelehrten Kenntnis einer Anregung bedürfen und gerade durch eine solche zum Sammeln gelehrter Kenntnisse angetrieben werden. Für das erstere bedürfte es allgemeiner Vorlesungen über das Wesen des Judentums, einer Einleitung in die Wissenschaft des Judentums, einer Methodik über die Disziplin, wie sie seit A. Geigers erstem Versuche (1873) an der Lehranstalt niemals wieder gelesen worden ist. Zu dem letzteren wäre es nötig, Publica zu schaffen, etwa wöchentlich einmal in einer Abendstunde im grossen Hörsaal, die allgemeine Fragen, die selbstverständlich eng mit der Wissenschaft des Judentums zusammenhängen, erörtern, auch sich nicht scheuen, von der Gegenwart und ihren Bedürfnissen zu reden. Besonders aber sind es drei Dinge, die eine eifrigere Pflege verdienen, als ihnen bisher zuteil geworden ist. Bei der Pflege des Hebräischen wird naturgemäss in erster Linie die Bibel traktiert; ihre Erklärung steht im Vordergrunde. Aber mit Bibelexegese ist nicht genug geschehen; auch die Bibelkritik fordert unbedingt ihr Recht. Ein zweites ist, eine stärkere Pflege der Geschichte und Literatur. So eifrig ältere Zeit und Mittelalter gelehrt wird, auch die neueste Zeit müsste in den Kreis der Studien gezogen werden. Es erscheint mir wünschenswert und erforderlich, auch den Anteil der Juden an der Weltliteratur darzulegen; aus diesem Grunde wäre es von hervorragender Bedeutung, gerade dem Einflüsse der Juden auf die Literatur anderer Völker, dem Anteile, den sie an solcher fremden Entwicklung genommen und den Urteilen nachzugehen, die sie von den Schriftstellern der verschiedensten Zeiten erfahren haben. Als das Dritte und fast als das Wichtigste sei die Pädagogik genannt. Die Pflege des jüdischen Religionsunterrichts hat in dem letzten Jahrzehnt, nicht nur in der Berliner Gemeinde einen ungeahnten Aufschwung genommen. Es gibt jetzt gewiss, alles zusammengerechnet, 30 jüdische Religionsschulen allein in Berlin. Die an diesen Anstalten wirkenden Lehrer rekrutieren sich, wenn auch keineswegs ausschliesslich, so doch wesentlich aus unserer Lehranstalt. Diese aber sind zu diesem Berufe in keiner Weise vorbereitet. Gewiss kann man auch auf den Lehrer das von dem Dichter gebrauchte Wort übertragen, dass der Lehrer geboren und nicht gemacht werde, aber in viel höherem Grade als der Poet bedarf der Lehrer Kunstgriffe, kleiner und grosser Mittel, der Fähigkeit, seinen Stoff zu ordnen, kurz eine Lehrmethode, die ihm durchaus überliefert werden muss. Es genügt nicht, dass dies alle zwei oder vier Jahre geschieht, eine solche Vorlesung müsste vielmehr jedes Halbjahr gehalten werden, sie müsste begleitet sein von einer Geschichte des jüdischen Religionsunterrichts, von einer Kritik der bestehenden Lehrbücher, vor allen Dingen von praktischen Uebungen, Es dürfte kein Zögling der Lehranstalt eine Religionsstunde an einer Schule erteilen, der nicht mindestens ein Jahr unter der ständigen Aufsicht eines Dozenten wirklich gelehrt und die Methodik des Unterrichtes praktisch bewährt hätte. Zu der Schaffung solcher Einrichtungen und solcher Stellen bedarf es sehr grosser Mittel. Den bisherigen Wohltätern und Spendern, den vielen Mitgliedern, besonders denen, die eifrig bemüht sind, immer neue Gönner herbeizuziehen, soll der Dank nicht verkümmert werden. Aber es ist immer noch nicht genug geschehen. Manche Ge-

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