Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 693 - 694 (sequence 3)
- Language
- German
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693 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums. 694 meinden in erster Linie die Berliner, aber auch manche anderen deutschen Gemeinden haben ihre Pflicht erkannt, diese Anstalt zu unterstützen. Denn da sie alle Teile Deutschlands mit Theologen versorgt, so ist sie wert, in ihren Anstrengungen gefördert zu werden, aber wie viele Gemeinden, wie viele Private lehnen es ab, einer solchen Anstalt Mittel zu gewähren. Es ist schon oft genug den Wohltätigen gepredigt worden, dass es nicht genügt, Arme und Kranke zu unterstützen, sondern dass es nötig ist, in erster Linie den Geist zu pflegen. Und so sei dieser Tag besonders bestimmt zu einem Appell an die Reichen. Ihnen, besonders denen, die der Theologie abgeneigt sind, sei es gesagt: Hier ist keine theologische Pflanzstätte, sondern ein allgemeines jüdisches Bildungsinstitut. Hier liegt der Keim für eine gedeihliche Zukunft, für die Lehrer und Führer einer kommenden Generation. Das Wort, „es ist der Geist, der sich den Körper baut", sei besonders denen zugerufen, die nur für Kranke eine offene Hand und ein mildes Herz haben. Wer den geistig Strebenden die Zukunft erleichtert, der beugt vor und bereitet ein gesundes Geschlecht. Das Heim ist gegründet, es steht zwischen der Hauptsynagoge und der Universität. Es soll beeinflusst und gekräftigt werden durch Religion und Wissenschaft, Es dient der Religion, nicht einer Partei. Es ist der Wissenschaft bestimmt, die nur die Wahrheit verlangt und nur in Freiheit gedeiht. Man hat in neuerer Zeit oft das Schlagwort von der „fröhlichen Wissenschaft" gebraucht, es mag auch hier seine Anwendung finden. Was hier gelehrt und gelernt wird, sei nicht totes Wissen, sondern ein lebendiger Schatz. Was Goethe einmal von der Geschichte sagte: „Das Beste, was wir von ihr haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt", das gelte von der Wissenschaft, die hier gelehrt wird: mit den Kenntnissen, die Freudigkeit sie zu verbreiten, die Verklärung des Geistes, der Opfermut, in ihr zu leben und für sie zu wirken. Denn das Panier sei: „Wissenschaft und Leben": sich nicht der Gegenwart entfremden, sondern frohgemut für sie arbeiten in der Hoffnung und in dem Bewusstsein, dass der redlichen Arbeit die Zukunft gehört. Und so sei es gestattet, diesem Wunsche nach Vereinigen von Wissenschaft und Leben einen Goethesehen Vers als Geleitwort mitzugeben: Was ist denn die Wissenschaft? Sie ist nur des Lebens Kraft. Ihr erzeuget nicht das Leben, Leben muss erst Leben geben. ABRAHAM GEIGER ALS LEHRER. Von Oberrabb. Prot. D. Am 19. Oktober 1874, drei Tage vor seinem Hinscheiden, schrieb Geiger an eine Freundin: n Heute sind es gerade 42 Jahre, dass ich nach Wiesbaden gefahren, in sorgloser Jugend, um meine Probepredigt dort zu halten. Welch eine Zeit und wie Voll des mächtigsten Inhalts! Aber er lastet nicht auf mir, und ich möchte noch eine Reihe von Jahren vor mir haben, um diesen Inhalt zu vermehren."1) Nein, der Inhalt des Lebens hat auf Abraham Geiger nicht gelastet das wird ein jeder bezeugen, der das Glück hatte, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den Füssen des Meisters gesessen zu haben. Nach 34 Jahren sehe ich ihn noch lebhaft vor mir, wie er freundlich nach rechts und links grüssend sich anschickte, seine Vorlesung zu beginnen; ich höre noch den Metallklang seiner Stimme, mit der er uns begeistert und begeisternd in die Tiefen seiner Wissenschaft einx) S. Abr. Geigers, Nachgel. Schriften 5. Bd. S. 366. G. Klein, Stockholm. Nachdruckverboten. zuführen suchte. Lange genug hat er darauf gewartet, ein Amt zu bekleiden, zu dem er, wie nur wenige, berufen war; lange genug hatte er sich gesehnt, mit Jüngern der Wissenschaft unmittelbar zu verkehren und mit ihnen jung zu bleiben. In seinen alten Tagen ist ihm endlich sein Herzenswunsch erfüllt worden, und die vielen und bitteren Kämpfe, die hinter ihm lagen, sind bald vergessen, er möchte noch eine Reihe von Jahren vor sich haben, um sein Leben mit einem noch reichern Inhalt zu füllen. Die kampferfüllte zurückgelegte Wegstrecke, sie hat seine Kraft nur gestählt, sie hat ihn jung erhalten. Jetzt konnte er ganz und gar seiner lieben Wissenschaft leben und das «Professorspielen", wie er in einem Briefe an Nöldeke scherzhaft sagt, gewährt ihm wahrhafte Freude.---Doch über das Schicksal Abr. Geigers ist anders bestimmt worden. Sein Herzenswunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. — Die Berliner Gemeinde ist 20 Jahre zu spät gekommen. — Oder trifft der