Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 689 - 690 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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689 690 DER LEHRANSTALT FUER WISSENSCHAFT DES JUDENTUMS. - Gedanken und Wünsche. Von Professor Dr. Ludwig Geiger. Nachdruck verboten. Der Lehranstalt, — wir dürfen leider nicht sagen: der Hochschule. Und doch soll die Anstalt, deren neues Heim nunmehr eingeweiht wird, einer Hochschule gleichen, sie soll weder ein Seminar sein, noch eine theologische Bildungsanstalt. Kein Seminar. Denn die Jünglinge, die wir zum Lehensberufe ausrüsten, wohnen weder in der Anstalt, noch erhalten sie in ihr eine bestimmte Eichtung, eine vollkommene geistige Ausstattung. Keine theologische Bildungsanstalt, denn obgleich die bei weitem meisten Jünglinge den theologischen Beruf ergreifen, so sollen sie durchaus nicht ausschliesslich zu Eabbinern vorgebildet werden, sondern zu Jüngern der Wissenschaft des Judentums. Wir dürfen uns nicht verhehlen, dass die Lehranstalt trotz ihrer fünfunddreissigjährigen Wirksamkeit das Ziel, nach dem sie von Anfang strebte, noch keineswegs erreicht hat. Dieses Ziel war eine möglichst gleichmässige Pflege sämtlicher Disziplinen aus dem Gesamtgebiet der Wissenschaft des Judentums. Teils die Beschränktheit der Mittel, teils die Schwierigkeit geeignete Lehrer zu finden, teils die Rücksicht auf die Universität haben den wünschenswerten Ausbau bisher verhindert. Von den beiden ersten Punkten ist nur wenig zu sprechen. Dass auch zu der Verwirklichung der idealsten Dinge Geld und wiederum Geld gehört, das ist eine alte Klage. Was die Schwierigkeit anbetrifft, geeignete Lehrkräfte zu finden, so ist sie in den allgemeinen jüdischen Verhältnissen begründet. Unsere Gelehrten, d. h. diejenigen, die sich der Erforschung jüdischer Dinge zuwenden? müssen, wenn sie nicht durch Zufall materiell unabhängig sind, danach trachten, einen Beruf zu ergreifen, der sie ernährt; es bleibt ihnen daher kaum etwas anderes übrig, als ein Schulamt anzu- Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen, Marburg. Kurator seit 1904. nehmen oder dem Rabbinerberuf sich zu widmen. Unter den Deutschland angehörenden jüdischen Gelehrten ist keiner lebenslang unabhängiger Schriftsteller und Gelehrter gewesen, denn auch Zunz, von dem man dies meist behauptet, war jahrelang Seminardirektor und bezog lebenslänglich eine Pension von dieser Stellung her. Etwas ausführlicher ist von dem dritten Punkt zu sprechen. Unsere Lehranstalt sollte niemals, wie etwa ein katholisches Priesterseminar in einen Gegensatz zur Universität treten. Während eine Anstalt der eben erwähnten Art sich vor jedem freien Luftzug profaner Wissenschaft verschliesst und daher seinen Zöglingen alles was zu ihrem Berufe nötig ist innerhalb seiner Mauern mitzuteilen bestrebt ist, war unsere Stellung von vornherein eine andere. Eine solche Stellung war schon durch die Notwendigkeit geboten. Ein katholischer Priester ist Priester durch die Weihe und bedarf keines anderen äusseren Titels; ein Rabbiner dagegen muss ausser dem Rabbinertitel, den er nach abgelegtem Examen erwirbt, noch durchaus den Doktortitel führen. Diesen zu verleihen, ist aber nur die Universität imstande. Und um einen solchen zu erlangen, bedarf der Kandidat ausser den Kenntnissen des Hebräischen, die er in unserer Lehranstalt sich aneignen kann, zweier Hauptfächer, als die gewöhnlich orientalische Sprachen, in erster Linie arabiseh, und Philosophie gewählt werden. Aus diesem Grunde muss er wie jeder andere Student, mindestens sein akademisches Triennium durchmachen und es recht fleissig benutzen, um in der kurzen Zeit zum erwünschten Ziele zu gelangen. Diesen Zustand wird kein verständig Denkender ändern wollen. Es ist nicht nur kein Unglück, dass die Jünglinge zwei Anstalten besuchen, sondern ein grosses Glück: neben der Fachschule