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Ost und West · 1907-10-01 · Heft 10 (Oktober 1907) · p. Seite 641 - 642

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 10 (Oktober 1907)
Article
S. I. Abramowitz
Date
1907-10-01
Page
Seite 641 - 642 (sequence 5)
Language
German
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641 Dr. Eliaschoff, Warschau: S. I. Abramowitz. 642 in der Luft einen Zirkel mit dem dicken Finger und kaut dabei das Spitzbärtchen: gewiß auf eine gute Idee verfallen ... Da laufen in atemloser Hast Makler, Schadchoniin, Trödler, Judenweiber mit Körben, Juden mit Säcken, rundbäuchige Baale-Batim (Bürger); jedes Gesicht flammt; man hat keine Zeit; ein Dukat — die Minute......" Sowohl die alltäglichsten wie die heiligsten Beschäftigungen der von Abramowitz geschilderten Gesellschaft ist vom Krämergeist durchdrungen: alles trägt an sich die Merkmale eines maklerischen Handels, selbst die Ehe ist ein Geschäft. ,,Man feilscht um ein Weib, setzt den Preis fest, die Mitgift, die Aussteuer. Sind die Bedingungen günstig und kommt man den Verpflichtungen nach, dann, liebes Bräutchen, komm unter die Chuppe, mit dem Schadehen, mit dem Badchen, mit dem ganzen Pack der „heiligen Dienerschaft" (die von diesem Geschäft ebenfalls einen Knochen abzulecken kriegen), sei ein Weib und teile mit mir das freudlose finstere Dasein. Ob du klug bist oder dumm, schön oder häßlich, das ist deine Sache. Wir sind keine Prizim, uns mangelts an Zeit, derartigen Sachen unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Juden sind wir, Kaufleute, Makler, Krämer44 .... In der Erzählung „Fischke" treten auch all die „großartigen Gebäude" zum Vorschein, die dieses finstere Ghetto aufzuweisen hat. Wir sehen das jüdische „Hekdesch" (Armenasyl), das jüdische „Bad", die altjüdische Kretschma (Schenke). Diese Bilder malt Abramowitz mit der Hand eines Künstlers. Wer diese Schilderungen liest, glaubt die aus diesem Dunstkreis emporsteigenden „Gerüche" in seiner Nase zu verspüren. In Abramowitz's altvaterischer Welt war das Bad eine Art von Rathaus. Es spielte im materiellen Leben nicht minder eine Rolle wie die Klaus im geistigen Leben des Volkes. Die Angesehensten der Stadt besaßen dort ihre „Vorderwand". Kam der Arme dorhin, so mußte er so lange warten, bis der Reiche auf der „obersten Bank" Platz genommen hatte. Zugleich mit dem Bad spielte das Hekdesch eine wichtige Rolle im jüdischen Leben; ein Volk von Bettlern braucht ein Hekdesch notwendiger als ein Bad. Übrigens waren in früheren Zeiten das Hekdesch und das Bad zwei nahe Verwandte. Der Bademeister und sein Hausgesind pflegten im Hekdeschgebäude zu wohnen, und umgekehrt pflegten die Hekdeschleute an den Tagen, an denen das Bad nicht geheizt wurde, hier auf der feuchtkalten Diele ihre Glieder auszustrecken. Das ehemalige Hekdesch diente auch als Fremdenlogis, als Krankenhaus und zu ähnlichen humanitären Zwecken. Welches Jammerbild es darbot, kann man daraus ersehen, daß heute das Wort „Hekdesch" mit Schmutz, Krankheit und Fäulnis synonym geworden ist. Niemand hat diese „Institutionen" des jüdischen Gemeinschaftslebens so meisterhaft geschildert wie Abramowitz. Der künftige Historiker der jüdischen Volksmasse in Rußland wird Abramowitz Dank wissen für seinen „Fischke", indem er uns in epischer Ruhe eines satirischen Homer das Hekdesch, das Bad und die jüdische Kretschma malt. V. „Fischke" ist das Buch, in dem Abramowitzs Verachtung für die jüdische Volksmasse zum Ausdruck kommt. „Fischke" ist das Buch, in dem Abramowitz das materielle Leben der jüdischen Gemeinschaft schildert. — Sein Antipode ist das „WinschfingerT. Das ist das Buch des großen jüdischen Mitleids. In „Winschfingerl" .vertieft sich Abramowitz in die geistige Welt der jüdischen Gemeinschaft. Nur durch das große Mitleid mit den gepeinigten Maklern und Krämern, die sich den Namen „Kaufleute" beilegen und Einkünfte wie Bettler haben — nur durch das große Mitleid mit diesen unglücklichen Menschen hat Abramowitz in diese Welt, von der ihn eine Kluft.der Empfindungen trennt, einzudringen vermocht. Abramowitz's Jud, der Kabzansker Einwohner, dem sein Kabzansk der Markstein der Schöpfung ist, hinter dem sich nur noch eine Wüste mit wilden Tieren hinzieht — steht zum Ribaunau schel aulom (Herrn des Weltalls) in einer recht nahen Verwandtschaft. Gott sorgt für ihn wie ein zärtlicher Vater. Er läßt den Regen hinunterströmen, damit das liebe jüdische Vieh zu trinken hat, damit die Ziegen ihre Weide haben und nicht das Stroh von den Dächern zu fressen brauchen. Er sendet sonnige Tage, damit die Weiber ihre Vorbereitungen für den Sabbath treffen können. Er läßt Zwiebeln und Kartoffeln gedeihen, damit die Juden ihren Magen sättigen. Die Juden zeigen sich auch dankbar dafür; sie blasen Schofar am Neujahrstage und singen den „Melech-Eljaun", sie essen zu Ehren der Prinzessin Sabbath Schalet, und sie tanzen am Freudenfeste mit der Thora. Außer Kabzansk gibts noch eine Stadt: Jerusalem, wo die biblischen Juden hausen, begraben, aber doch lebendig. Jerusalem war einst eine heilige Stadt, von Engeln und gottgesandten Männern erfüllt. Heute jedoch ist sie wüst und leer, keine Stadt mehr, keine W7elt, und für die Juden ist nur noch eine W7ohnstätte geblieben — Kabzansk. Der „Dalles pfeift" in Kabzansk, und die Juden, die mit gekreuzten Händen dasitzen und nicht wissen, wie seiner los zu wrerden, erinnern sich an wunderliche Geschichten von Messias- Zeiten und träumen mit leeren Magen von den Tagen, da Gott sein „siebentes Wunder" zeigen wird: Meschiach ben Jossef wird erscheinen und den Frevler Romulus besiegen; darauf wird das „achte Wunder" geschehen, und ein mächtiger Posaunenschall wird die Juden von allen Ecken der Welt zusammenrufen. An warmen Sommerabenden liegen die Kabzansker Juden ausgestreckt vor den Türen ihrer engen stickigen Häuschen und suchen den hungernden Magen mit allerlei leeren „Wünschen" zu überlisten. „Infolge des ständigen Mangels an Befriedigung der notwendigsten Bedürfnisse, sowie infolge des durch Erwerbslosigkeit hervorgerufenen ständigen Müßigganges, schufen sie sich eine Beschäftigung, damit die Zeit totzuschlagen: das Wünschen." Kabzansker Juden wTünschen sich vor allem soviel Geld wie Sandkörnchen am Meeresufer; sehen sie den besternten Himmel, so -wünschen sie sich soviele Rubel wie Sterne am Himmel. Man wünscht sich in der Regel die Hälfte von Rothschilds Reichtum, von Korachs Vermögen usw.

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