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Ost und West · 1907-10-01 · Heft 10 (Oktober 1907) · p. Seite 639 - 640

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 10 (Oktober 1907)
Article
S. I. Abramowitz
Date
1907-10-01
Page
Seite 639 - 640 (sequence 4)
Language
German
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639 Dr. Eliaschoff, Warschau: S. I. Abramowitz. 640 verbittert, verfolgt von. Eigenen und Fremden, kehrt er in seine dunkle Behausung zurück, in das Grab für Lebende. Dort sitzt er und -überläßt sich seinen melancholisch-clü stern Gedanken. Kaum beginnt Abramowitz den Juden in dieser Lage zu schildern, so verschwindet das stachelichte Lächeln von seinen Lippen. Reine Quellen des Mitleids ergießen sich aus seinem Gemüt. Das jüdische Mitleid klingt alsdann aus jeder Zeile. Es ist nicht das Mitleid eines Starken zum Schwachen, eines Arztes zum Kranken, für dessen Schmerzen er ein Linderungsmittel in Bereitschaft hat; es ist vielmehr das Mitleid einer Mutter zu ihrem kranken Kinde, die nur weinen, ans Herz drücken und zärtlich liebkosen kann; es ist das tiefe Mitgefühl eines liebenden Herzens, „das dieselben Qualen leidet, dieselben Schmerzen empfindet/' Abramowitz beginnt die jüdische Yolksmasse zu lieben, wenn er „das wortlose Klagen über das wüste Leben" vernimmt, wenn ihre Seele zu flehen scheint: ,,0, genug! genug! die Kräfte reichen nicht mehr, um das noch länger zu ertragen!" Alsdann wird Abramowitz's Herz weich gestimmt wie das Herz einer zärtlichen Mutter. Es freut ihn, daß diese Judengemeinschaft noch ein Asyl besitzt, wo sie bei einem Talmudfolianten, bei einem Kapitel Sohar, bei einer traurigen Melodie auf eine Weile ihr elendes Leben vergessen kann. Ihm selbst bringt schon dies wenig Erleichterung; aber gleich einer treuen Mutter ist er zufrieden, daß das kranke Kind noch ein Spielzeug besitzt, mit dem es spielen kann. Im jüdischen Mitleid äußert sich dieselbe Hoffnungslosigkeit, wie im jüdischen Y o 1 k s w i t z , und Abramowitzs Werke tragen den Stempel des Geistes der jüdischen Yolksmasse, die zu gewissen Zeiten sich selbst verleugnet und verspottet. Dank diesem tiefempfundenen Mitleid mit der jüdischen Volksmasse überragt Abramowitz an Haupteslänge seine Brüder, die Aufklärer der Haskalah-Zeit. Ihm allein war es vergönnt, in die gottergebene Seele der jüdischen Yolksmasse einzudringen, er wußte genau abzuschätzen, welchen Trost die Sitten und Gebräuche vergangener Zeiten enthielten. „In des Menschen Seele spiegelt sich eine ganze Welt, die Gefühlsströme im Herzen brechen hervor aus tausend Quellen, deren Ursprung sowohl im Innern des Herzens wie in der Außenwelt zu suchen ist/' Aber nicht alle gehören zu der Kategorie von Menschen, in deren Herzen eine Welt sich spiegelt. Bei vielen von ihnen reflektiert die Welt nicht; sie geht an ihnen spurlos vorüber, ohne selbst einen kargen Widerschein hervorzurufen. Abramowitz war einer jener Auserwählten, denen sich die Welt der jüdischen Yolksmasse in allen ihren Einzelheiten offenbarte; und von den erwähnten Gefühlen beherrscht, vertiefte er sich in die Einzelerscheinungen dieser sonderbaren Welt. In „Fischke der Lahme" und „Winsehfingerl" finden wir den ganzen Abramowitz. Im ersten Buch sehen wir den Juden auf der Suche nach einem Erwerb, den Juden mit dem alten großen jüdischen Bettelsack; im zweiten dagegen sehen wir die niedergedrückte jüdische Yolksmasse, die sich in den Schatzkammern einer alten Yergangenheit vergräbt und in einem überfrommen Lebenswandel auf eine Weile Linderung und Trost findet. „Fischke, der Lahme" ist das Buch der Verachtung der jüdischen Masse, „Winsehfingerl" — dasBuch des Mitleid s. IV. „Fischke", eine Geschichte von jüdischen Wanderbettlern, liest sich wie ein symbolisches Gleichnis, das auf die jüdische Armut im allgemeinen gemünzt ist. Abramowitz schildert nicht eine gewisse Klasse von Bettlern, die von der ganzen großen Arbeitermasse abgesondert leben. Er liefert uns vielmehr in „Fischke" das Bild einer jüdischen Gemeinschaft in der Gestalt eines Heeres von Bettlern und Schnorrern. Nicht umsonst träumt Abramowitz nur von Bettlern, nicht umsonst schwebt ihm immer ein Bettelsack vor den Augen, der alte große jüdische Bettelsack. Nicht umsonst sieht er manchmal hinter jedem Jüdei Geisterscharen stehen und antreiben: „Blühet und gedeihet, Bettler, sprießet hervor wie Gras und Unkraut! Geht, jüdische Kinder, und wandert von einem Haus zum andern!" In der Erzählung „Fischke" kommt das Jüdel zum Yorschein, dessen Magen bis zur Unsichtbarkeit eingeschrumpft ist, das Jüdel, das ewig bemüht ist, die Eßlust zu überwinden und das das ganze Leben mit einem Schnickschnack abfertigt. Wir sehen den schwachen Juden, den entkräfteten, der nur mit der „Stimme Jakobs" gesegnet ist und gegen die „Hände Esaus" nichts ausrichten kann; wir sehen den kummervollen, ohnmächtigen Juden, der nur dann auflebt, wenn er von Geschäften sprechen hört. „Der Jude in der Agonie, kaum hört er von Geschäften reden, erwacht zu neuem Leben; selbst der Todesengel hat alsdann seine Macht über ihn verloren." Die Geschäfte sind jedoch luftige Windbeutel, ohne Geschmack und ohne Duft. Sie sehen aus wie die „goldenen Geschäftchen" Beb Alter Jaknehas' und Reb Mendele Mocher S'forims (des Buchhändlers), die am Wege stehen mit ihren Bummelwägelchen und miteinander Tauschgeschäfte machen: einen Berster Gebetmantel für kleine Taleissim tauschen, ein Bündel acht fachiger Zizith für Wolfszähne, Gebetriemen für Kupfer- und Messinggeräte. Man kann sich von diesen Geschäften und ihren Verdiensten einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß ein jüdischer Buchhändler auf seinem Wägelchen auch Kupfer- und Messinggeräte mitführen muß. Und diesen „goldenen Geschäftchen" widmet sich der Jude mit einer ernsten Betriebsamkeit, als gälte es die Welt aus ihren Angeln zu heben. Betrachten wir einen Jahrmarkt, wie ihn Abramowitz in „Fischke" schildert. „Ein Jüdel auf dem Jahrmarkt ist wie ein Fisch im WTasser . . . Jüden Jahrmarkten4, laufen, handeln, stehen nicht ruhig auf einem Ort ... Es ist ein Tararam, ein Sieden und Kochen . . . Dort, seh ich, lauft ein Jüd, bald ein zweiter, ein dritter, auch paarweis, gebadet in Schweiß, das Käppchen sitzt auf der Spitze des Kopfes . . . Ein Jüdel tappt bald hier, bald dort, macht eine nervöse Bewegung bald nach rechts, bald nach links, beschreibt

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