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Ost und West · 1907-10-01 · Heft 10 (Oktober 1907) · p. Seite 643 - 644

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 10 (Oktober 1907)
Article
S. I. Abramowitz
Date
1907-10-01
Page
Seite 643 - 644 (sequence 6)
Language
German
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643 Dr. Eliaschofr, Warschau: S. I. Abramowitz. 644 Nicht nur damit allein stillt der Kabzansker Jude seinen brennenden Hunger. Bei einem Blatt Gemara vergißt er sein trauriges Leben, ein Kapitel Schar erhitzt seine Phantasie, die alten Moralbücher lehren ihn: leiden und schweigen. In „Winschfingerl" sehen wir die gewaltige lindernde Kraft unserer alten geistigen Vergangenheit. Das kochende Leben der Halachah nimmt das kindliche Gemüt eines „Mauschele" gefangen, sowie das Herz tausend anderer seiner Altersgenossen. Und wenn „Reb Abraham" vor seinen Sorgen ins Bethhamidrasch flüchtet und seinen Sohar liest, so deucht ihm, dieser Sohar „sei kein Buch, sondern ein feuerspeiender Berg der göttlich reinen Liebe, allwo Erde und Himmel sich vermählen, Engel, Seraphim und Menschenkinder einander liebend umarmen und einer dem andern göttliche Worte zu flüstern.'4 Jede Woche schließt bei den Kabzansker Juden mit einem Sabbath. An diesem Tage wandelt sich der Hund zu einem Prinzen; der Jud kriegt eine gehobene Seele, einen lautern Geist, einen geraden Rücken. Ein Meer von Gefühlen durchflutet die Seele eines Juden in der Zeit von Freitagabend bis zum Sabbathausgang. Niemand nach Heine hat uns die Umwandlungen, die an einem Sabbath in des Juden Herzen vorgehen, so meisterhaft veranschaulicht, wie S. I. Abramowitz; ja, Abramowitz ist noch weit tiefer als Heine in die jüdische Sabbathseele eingedrungen, indem er uns die verschiedenen Nuancen der drei Tageszeiten: des Freitagsabends, des Sabbaths und des Sabbathausgangs — meisterhaft zeichnete. In der Selichoth-Zeit erscheint in Kabzansk die „jüdische Nachtigall". Sie erscheint in Gestalt eines Vorbeters, der mit seinen schmelzenden Tönen in den Herzen der Juden Gefühle der Liebe erweckt. Und des Juden Liebe hat einen wunderlichen Charakter; sie ist von Mitleid durchtränkt. Die „jüdische Nachtigall", die an den hohen Feiertagen als Dolmetsch der Gefühle der Andächtigen fungiert, schafft sich seine eigenen tieftraurigen Melodien. Man hört in ihnen keine Krafttöne, keine Stimme eines Heldenvolkes, sondern ein ewiges Klagen, ein zitterndes Gebet, das Flehen eines verlassenen Kindes zu seinem strengen, aber liebevollen Vater. Die „jüdische Nachtigall" versteht es, den Augen der Juden Tränen zu entlocken. Es ist nicht gut möglich, in einem kurzen Artikel die vielseitigen Motive von „Winschfingerl" zu erschöpfen. Im allgemeinen sehen wir in „Winschfingerl" eine Judengemeinschaft, die, von einer altreligiösen Kultur durchdrungen, wie ein Volk von Priestern lebt. Zwischen den Lücken ihres materiellen Lebens treten die zarten Glieder eines vermaskierten Königskindes hervor, oder, besser gesagt, eines vertriebenen Hohenpriesters, der in Sklavenkleidern einherwandelt. Die Knechtschaft und der hohe Adel sind in Eins zusammengeschmolzen und haben Lebensformen und Sitten geschaffen, die von Tausenden innerer Widersprüche durchtränkt sind. Sie zwingen den Dichter, der sie beobachtet, zu lachen und zu weinen. Ebenso „Fischke" wie „Winschfingerl" enthalten meisterhafte Schilderungen des materiellen und geistigen Lebens der erwähnten Judengemeinschaft. Wer diese Judengemeinschaft von der einen oder der andern Seite'kennen lernen will, der muß beide Bücher lesen. Denn das eine Buch ergänzt das zweite. * * * Nach dem Obengesagten ist es klar, daß Abramowitz zu den Männern gehört, die tief in die unterirdische Welt unseres Volkes hineingeblickt haben. Er hat schärfer, klarer, aber auch unbarmherziger als alle seine Zeitgenossen die Wurzeln des frommen, vorzeitlichen jüdischen Lebens im Osten aufgedeckt. Wenn auch Abramowitzens Wrelt nicht mehr die unsere ist, so sind doch seine W7erke für uns von unschätzbarem Wert. Aus ihnen können wir ersehen, wie groß die Strecke ist, die die östliche Judenheit im Laufe der letzten Jahrzehnte zurückgelegt hat. Abramowitzens Werke sind der sicherste Maßstab für die Entwicklung des jüdischen Volkes im Osten. Sie bieten einen Trost, indem man zurückblickt und konstatiert, wie weit man sich von dieser alten und veralteten Welt entfernt hat. Abramowitz war es vergönnt, die Grenzlinie anzuzeigen, die zwei Wrelten von einander scheidet : die neue und die alte jüdische Welt im Ghetto.

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