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Ost und West · 1907-10-01 · Heft 10 (Oktober 1907) · p. Seite 637 - 638

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 10 (Oktober 1907)
Article
S. I. Abramowitz
Date
1907-10-01
Page
Seite 637 - 638 (sequence 3)
Language
German
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637 Dr. Eliaschoff, Warschau: S. I. Abramowitz. 638 erdenklichen Anstrengungen gemacht, um in dieses verworrene Leben einen Sinn, ja ein System hineinzubringen. Er hätte den engen Pfad durchbrochen und sich ein Ideal geschaffen, für das er auf Leben und Tod kämpfen könnte. Da er aber seine fünf Sinne nicht mehr in ergiebiger Weise gebrauchen konnte, so war er sozusagen einzig auf seinen sechsten Sinn, den scharf-spitzigen Geist, angewiesen. Und dieser konnte nur lachen und spotten, so oft er logische Widersprüche wahrnahm. So schuf sich der jüdische Volksgeist den Spaßmacher, den Spötter, den Witzbold. Die bekannten Witzbolde Schajke Feifer und Motke Chabad sind für den Kritiker des jüdischen Volkslebens nicht minder interessante jüdische Helden als die hebräischen Poeten der sechziger Jahre. Ein spitziger und witziger Kopf, der sich ruhelos bewegt auf einem halbtoten Körper, empfindet die Schmerzen des Lebens wie in einem Dämmerzustande. Die Schmerzen nehmen den Weg durch die abgestorbenen Sinne und dringen ins Gemüt, wie ein ferner Widerhall, wie der schwache Reflex eines Blitzstrahls, dem kein Donner folgt. Frauen und Kinder, die die traurigen und fröhlichen Ereignisse im Leben mit weniger Verstand, aber mit mehr Herz in sich aufnehmen, sind nicht imstande, Witze zu machen. Sie verstehen auch die Witze der Männer nicht. Der Jeschibah-bachur (Talmudjunge), der seinen darbenden Magen mit dem äußersten Ende eines Herings zu täuschen sucht, kann sich über das Leben eher lustig machen als der Spießbürger oder der stets beschäftigte Kaufmann. Alte Männer, lang unterdrückte Völker, Stiefkinder des Lebens, deren natürliche Instinkte in ständiger Ohnmacht liegen — witzeln und spötteln über die traurigsten und heiligsten Angelegenheiten. Im jüdischen Witz hört man die Verachtung seines eigenen Ich, die Stimme eines Volkes, das mit dem kochenden und rauschenden Leben den Zusammenhang verlor. Aus dem jüdischen Witz spricht zu uns die Hoffnungslosigkeit eines Menschen, der nie etwas Gutes genoß, die Resignation eines Volkes, dessen Leben ein ewiger Widerspruch ist, ein Wortspiel, zu nichts anderem tauglich, als einen guten Witz daraus zu machen. Das ist die allgemeine Basis, die Synthese, auf die Abramowitz seine psychologischen Schilderungen aus dem jüdischen Volksleben aufbaut. Niemand vor ihm hat dieses Leben so klar durchschaut und so meisterhaft geschildert. Allein welche Gefühle verbinden Abramowitz mit dieser Synthese? Wie ist sein Gemüts Verhältnis zu der von ihm geschilderten Ghetto-Welt? III. Abramowitz größte Schöpfungen „Fischke der Lahme'4 und „Das Winschfingerl" (Der Wunschring) sind durchtränkt von zwei Hauptgefühlen: aus jeder Zeile spricht zu uns in deutlich vernehmbaren Tönen die Verachtung für die altvaterische jüdische Volksmasse und fast jedes Kapitel schließt mit den Worten eines traurigen Gemüts, das vor Mitleid weint. In diesen abwechselnden Empfindungen des Mitleids und der Verachtung, denen auch einige Tropfen von Haß beigemischt sind, in der Bitterkeit des Tones, worin diese beiden Hauptgefühle zusammenschmelzen — liegt die Kraft von Abramowitz's hervorragendem Talent, liegt das Geheimnis seiner mächtigen Wirkung auf die Leser. Abramowitz fühlte sich angewidert von der ebenso törichten wie häßlichen Lebensweise jener Asketen, die sich ans Leben klammern und doch seine natürlichsten Freuden verachten; er empfand einen Ekel vor der halbtoten Vergangenheit, mit der sich die jüdische Volksmasse herumschleppt. Wie ein Lebender unter Toten wandelte er unter seinen Brüdern. Er kam sich vor wie ein Friedhofswächter, der die Begräbnisstätte nicht verlassen darf. „Ein feiner Faden war in das Stück Materie gewoben, das den Namen „Jud" trägt, und die schwere Materie rieb ihn auf und verdarb seine Jugend wie die Jugend tausend anderer ähnlicher Seelenfäden/' Er verachtete die jüdische Gemeinschaft, die ohnmächtig war, eine starke Individualität hervorzubringen, jene Gemeinschaft, die „Herschelech" gebar, „deren Jugend rasch verwelkt und deren Kindheit nur eine Weile leuchtet, wie die Sonne an einem häßlichen Wintertag, und dann in einer großen trüben Wolke untertaucht." Er haßte die jüdische Gemeinschaft, die keinen frischen Lufthauch verträgt und keinen lebendigen Gedanken in den engen dunstigen Ghettomauern aufkeimen läßt. In der Art und Weise, wie Abramowitz jede Bewegung eines jüdischen Körpers mustert, wie ihm jedes Fleckchen, jede Bartstoppel nicht entgeht, wie er uns das fratzenhafte Gesicht und den schlendernden Gang seiner Helden malt — in all dem erkennen wir die verbissene Aufmerksamkeit und den scharfen Blick eines im tiefsten Innern gequälten Zuschauers. Wie ein Stiefkind beobachtete er jede Bewegung der jüdischen Gemeinschaft; keine Körperkrümmung, kein Stirnrunzeln entließ er ohne giftigen Kommentar. Sein „Mendele" in den ein Stück von Abramowitz's Seele hinübergewandert ist, hat die Gewohnheit, seinen Brüdern, den Jüdchen, zuzuschauen „mit verzogenen Lippen, auf denen ein stachelichtes Lächeln sich windet." „Ich träume nur von Bettlern; vor meinen Augen schwebt immer ein Bettelsack, der alte große jüdische Bettelsack" — ruft Abramowitz in seinem „Fischke" aus .... Seine Helden gleichen Halbleichen, Menschen, die sich in einem todähnlichen Zustande befinden, Menschen, in deren Körper fast alle Lebensfunktionen stocken. Ein stachelichtes Lächeln zeigt sich auf seinen Lippen, wenn er sieht, wie die Halbleichen eine Weile ihren todähnlichen Zustand vergessen und, von ihrem darbenden, eingeschrumpften Magen getrieben, ein „Gesellschaftstänzchen" aufführen. Nirgends drückt sich Abramowitz's Verachtung so prägnant aus, wie an jenen Stellen, wo er den Juden in seiner Jagd nach einem Erwerb, nach einer jüdischen Parnosso, schildert. Die Verachtung, die der Jude selbst für seine Erwerbszweige, für seine Geschäftchen, seine ganze Lebensart empfindet, hat im Herzen des ersten großen jüdischen Volksdichters ihren Platz gefunden. Der Jude in Abramowitz's Welt jagt nur dem ■Erwerb nach, aber er kriegt keinen. Hungernd, darbend,

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