Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- S. I. Abramowitz
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 635 - 636 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583964-2589151--07571-2589219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
635 Dr. Eliaschoff, Warschau: S. I. Abramowitz. 636 noch mit der der russischen Bauern vergleichen. Die Armen einer Großstadt sind in der Regel Verlassene, Entkräftete, Trunkenbolde, kurz: der Abfall der Gesellschaft, der dahinsiecht und keinen Nachwuchs zurückläßt. Was in dieser Bevölkerungsschicht an leistungsfähiger Kraft noch vorhanden ist, wird in den sogenannten Sweat-Shops ausgenutzt oder von Leuten mit unsauberem Gewerbe ausgebeutet. Der jüdischen Armut ist die Fabrik fremd. Die jüdische Armut lebt in kleinen Städten und in armen Gemeinden, ist fruchtbar und mehrt sich, und kann auf einen Stammbaum von Vätern und Großvätern zurückblicken, die gleichfalls arme Leute waren und im Finstern wohnten. Der russische Bauer ist bei all.seiner Armut doch gewissermaßen Herr auf seinem eigenen Stückchen Boden; seine Not währt nicht ewiglich; man empfindet, daß früher oder später eine Besserung der Lage eintreten muß. Das Reich selbst sinnt auf Mittel, die Armut des Bauern zu verringern. Bei der jüdischen Armut aber versagt jedes Heilverfahren; der Jude ist aller Mittel bar, sich aus der Not herauszuhelfen, und bei den gegenwärtigen Verhältnissen im Osten, unter denen dort der Jude sein Leben fristet, dürfte kaum ein radikales Mittel gegen die schreckliche jüdische Armut ausfindig gemacht werden. Er lebt wie ein Städter selbst in den Ortschaften, wo ihn das Leben der Mutter Erde und der Natur näher bringen müßte, und hungert wie ein Bauer im Dorfe zu Zeiten einer Mißernte. Denn besitzt die jüdische Volksmasse, die uns Abramowitz vorführt, eine gar merkwürdige Vergangenheit. Sie ist der Träger einer zweitausendjährigen Geschichte. Der Geist der Großväter lebt noch unter ihnen ,und sie wandeln in den Fußtapfen vergangener Geschlechter. Diese Gemeinschaft lebt von der sie umgebenden Welt isoliert, wie eine Insel auf dem weiten Meer, und alles das, was im Lande, in dem sie wohnt, vorgeht, berührt sie nur oberflächlich. Die Menschen dieser „Gemeinschaft" sind derart unzertrennlich verbunden und aneinander gekettet, daß demjenigen, der aus ihren Reihen treten will, nichts anderes übrig bleibt, als sich „in des Meeres Wellen zu stürzen", die ihn auf ewig weit, weit weg von der jüdischen Welt tragen. Das enge Band mit der toten Vergangenheit, vollends aber die Armut und Isoliertheit machten sie zu Asketen, erzeugte in ihrem Herzen die Verachtung aller Lebensfreuden dieser Welt. Sie leben in beständiger Angst, sie könnten, Gott behüte, einenSchritt von dem engen Pfade weichen, den ihnen die „Alten" gezeigt haben; sie verzichten selbst auf jene harmlosen Vergnügungen, die nach dem Religionsgesetz erlaubt sind. Sie bauen einen Zaun vor den andern: sie bauen stets engere Käfige für die ruhelosen Seelen. Sie vergraben ihre fünf Sinne und gebrauchen sie nur so weit, als es ihnen für dieses finstere Leben notwendig erscheint. Sie gebrauchen das Ohr nur so weit, um dem Baal-Kore (ThoraVorleser) zu lauschen, das Auge, um in der Mesuso oder in der Thorarolle Korrekturen vorzunehmen und die Stimme, um „ Schma-jisroel" zu rufen. Dabei besitzt diese Judengemeinschaft eine wunderbare alte Kultur. In der „Schul" wie im Beth-hamidrasch verhallt nie die volltönende Stimme des „Mathmid" (Fleißigen). In halb vermoderten Schränken stehen Dutzende von alten Folianten mit zerrissenen Einbanddecken und zerknitterten schmierigen Blättern. Eine ganze Armee von Büchern bestimmt jeden Schritt dieser Judengemeinschaft. Der Talmud erhält den Geist rege, die Moralbücher erwärmen das Herz, und der Midrasch und der Sohar erfüllen die düstere Seele mit lichtvollen Traumgebilden. Gleichzeitig mit der asketischen Weltanschauung beherbergt diese Gemeinschaft zwei Gedanken an das ewige Leben. Sie glaubt erstens fest und unerschütterlich, daß sie, die Gemeinschaft, das „Salz der Erde" sei und daß das jüdische Volk nie untergehen werde; ebenso fest und unerschütterlich glaubt sie, daß jeder Jude nach seinem Ableben einen Anteil am Jenseits erhalte, und daß er am jüngsten Tag zum ewigen Leben auferstehen werde. Sie verachten die Lebensfreuden dieser W7elt und vergöttern die Bibel, das Produkt jenes Volkes, das jede Askese verpönte und welches den Lebensquell durch alle fünf Sinne strömen ließ. Sie dünken sich als die „Auserwählten" und fristen dabei ein — Hundeleben. Sie glauben ans Jenseits und ihre Ideale gehen über die Verheiratung ihrer Söhne und Töchter, die Vorbereitung eines Säckchens Palästinaerde und Leinwand auf Totenkleider nicht hinaus. Sie träumen von einem ewigen Leben, und ihrer Sorgen Anfang und Ende ist die Sorge ums tägliche Brot, die Sorge um die Familie. Das „ewige Volk" in Abramowitz's Judengemeinschaft lebt von Federnrupfen und vom Liefern der „heiligen Dienerschaft" für die Glupsker „Schulen"; sie nagt am Hungertuche und gerät völlig aus dem Häuschen, wenn der Poritz vorbeifährt, bei dem man einen Rubel verdienen kann. Mit dem Unsterblichkeitsgedanken konnte sich aber der Magen nicht zufrieden geben. Diese Asketen verschmähten es, in die Wüste zu flüchten. Ihr ausgetrockneter Körper besaß den festen AVillen, von dieser sündhaften Welt so spät wie möglich Abschied zu nehmen. Ein Einsamer und Abgesonderter mit verschlafenen Sinnen, blieb dem Asketen nur der klügelnde, tüftelnde und grübelnde Geist, der, um den Körper am Leben zu erhalten, verschiedene eigenartige Erwerbszweige ersann, die lange den andern Völkern eine terra incognita blieben. Die Armut, die Isoliertheit, die Verachtung der reinen Lebensfreuden, der Glaube an den ewigen Bestand des gemarterten jüdischen Volkes im allgemeinen und jedes einzelnen Juden im besonderen, die schlaffe Sinnestätigkeit, der scharfe findige Geist — alles das trug dazu bei, eine Gemeinschaft von Juden hervorzurufen, die in einem ewigen Kampf leben mit ihren eigenen Gefühlen, die sich in einem Kreislauf von Widersprüchen bewegen und der Welt das Bild eines Volkes offenbaren, das innerlich und äußerlich einen sonderbaren logischen Widerspruch darstellt. Bevor noch die Welt diesen Widerspruch erkannte, hat ihn schon der Ghettojude in sich verspürt. Wären seine Sinne infolge der stetig geübten Askese nicht schlaff und unempfänglich geworden, er hätte sicherlich wie ein Verzweifelter mit verbissenen Lippen alle