Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Verblasste Gestalten
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 621 - 622 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583964-2589140--07544-2589212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
621 A. S. Rabbinowicz: Verblasste Gestalten. 622 er erlernt hatte, war wohlverwahrt in seinem Gedächtnisse. Hatte er ja sein Wissen mit schwerer Mühe, mit außerordentlichem Fleiß und wahrer Aufopferung erworben. Es traf sich nicht selten, daß er den ganzen Tag fastete, weil er nichts zu essen hatte; gleichwohl lag er, wie immer, seinen Studien ob und gönnte sich keine Minute Ruhe. * * * Nach sieben Jahren trafen wir uns wieder in der Jeschiba1) zu W. Er zählte schon fünfundzwanzig Jahre und hatte bereits die schwierigsten Partien des Talmuds bewältigt. Einen großen Teil wußte er fast auswendig. Wir erneuerten unsern Freundschaftsbund und studierten zusammen. Außerdem hatte er noch seine besonderen Studiengegenstände. Sein Fleiß war unbeschreiblich. Offenbar verdankte er seine Erfolge nicht nur einer Entwicklung seiner Fassungskraft, sondern auch seines Gedächtnisses. Seine Liebe zur Lehre war aufrichtig und tief. Er schien sich gar keine Rechenschaft darüber zu geben, warum und wozu er lernte. Er lernte buchstäblich nur um des Lernens willen. Die Kenntnis der Lehre war in seinen Augen das höchste und erhabenste Ziel. Der Rektor achtete ihn ungemein. Er erhielt das größte Stipendium unter allen Schülern: 75 Kopeken die Woche! Außerdem erteilte er einem jüngeren Kollegen Privatunterricht und erwarb damit — einen vollen Rubel monatlich. Davon lebte er und legte noch etwas beiseite, um sich Kleider anzuschaffen. Es war auffallend, daß er, trotzdem er stets in äußerster Dürftigkeit lebte, viel auf Sauberkeit und anständige Kleiduug gab. Es machte ihm nichts, Hunger zu leiden, aber sein Rock mußte stets ganz und sauber sein und auch gut sitzen. Er gestand mir nur einmal, daß er seit zwei Wochen nichts Warmes gegessen hatte, da er jeden Pfennig aufsparte, um sich einen besseren Oberrock zu kaufen. : Nach einigen Tagen traf sich ihm eine günstige Gelegenheit, einen guten Rock zu billigem Preise zu erwerben. Einem jungen Durchreisenden war unterwegs das Geld ausgegangen und er wollte seinen Oberrock veräußern, um die Fahrt mit der Bahn fortsetzen zu können. Man riet ihm, in die Jeschiba zu gehen, wo sich leichter Käufer finden könnten. Mein Freund probierte das Kleidungsstück an und war außer sich vor Freude. Es war wie eigens für ihn genäht und dabei aus besserem Stoff. Der Fremde forderte 5 Rubel, aber der Käufer versicherte, daß er nicht mehr als vier besaß. Der Fremde ging auch auf diesen Preis ein. Jener beugte sich über seinen Koffer nieder, um das Geld hervorzuziehen, und eine Weile sann er nach. Dann trat er auf den Fremden hinzu. „Mein Herr, Sie wollen Ihren Rock verkaufen, da Ihnen das Reisegeld fehlt. Hier sind die 4 Rubel, aber Ihr Kleidungsstück kann ich nicht nehmen/' „Aber ich bin ja kein armer Mann", antwortete dieser erstaunt. *) Akademie für tahmidische und rabbinische Studien. HUGO REINHOLD NATIONALGALERIE, BERLIN. Am Wege. (Marmorgruppe 1894.) „Jn diesem Augenblicke sind Sie arm. Übrigens gebe ich Ihnen kein Almosen, Gott behüte, sondern nur ein Darlehen, wenn Sie nach Hause kommen, können Sie es mir ja zurücksenden/*' Der Fremde war verwirrt und weigerte sich noch immer, das Geld anzunehmen. „Genieren Sie sich nicht, das Sprichwort sagt, zwei Berge kommen nicht zusammen, wohl aber zwei Menschen. Besonders wir Juden; heute sind wir hier und morgen verschleudert uns der Wind auf die andere Seite des Ozeans/4 Diese schlichten Worte bewogen den Fremden endlich, das Geld anzunehmen. Als einige Monate vergingen und der Mann noch immer nichts von sich hörrn ließ, lachten die Kollegen