Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Verblasste Gestalten
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 619 - 620 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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619 A. S. Rabbinowicz: Verblasste Gestalten. 620 Bachur, der den ganzen Tag wie ein Anfänger über dem Chumesch1) saß und jeden Vers und jedes Wort unzählige Male einbüffelte. Ich schätzte ihn im Herzen gering, als ich merkte, daß ihm Sätze unverständlich waren, die ich bereits auswendig wußte. Überdies kam ich ja in das Bethamidrasch nur, wenn ich eine freie Stunde hatte und nicht im Glieder2) zu sein brauchte. Dort spielte ich gern mit meinen Altersgenossen, indem wir im Reigen rings um den Almemor liefen, oder ich briet mir Erbsen, indem ich sie anbiß und dann an die glühende Ofentür klebte. In den Chanuka-Tagen, da ich zum Kapitalisten avancierte — ich besaß nämlich ein „Drehdel" und noch 10 Groschen dazu — und obendrein an den Nachmittagen vom Unterrichte frei war, spielte ich mit meinen Kollegen im Lehrhause, da trat auf mich der arme Bachur hinzu und bat mich, mit ihm einen Abschnitt in der Bibel durchzustudieren. Es tat mir leid, mein Spiel zu verlassen, aber ich erinnerte mich an das Wort unserer Weisen: ,,WTer seinem Nächsten Unterricht in der heiligen Lehre vorenthält, der raubt ihm sein väterliches Erbe". Außerdem schmeichelte es mir, den Lehrer zu spielen, daher willfahrte ich der Bitte und wir gingen ans Werk. J) Fünf Bücher Moses. 2) Kinderschule. HUGO REINHOLD . BRONCEGRUPPE 1893. Affe, einen Schädel betrachtend. Zwei, drei Tage unterrichtete ich ihn fleißig und gewissenhaft, doch bald überzeugte ich mich, daß es keine leichte Arbeit ist, ein Lehrer zu sein, und vollends, wenn man es mit einem solchen Schüler zu tun hatte. Zuweilen wiederholte ich mit ihm ein Kapitel unzählige Male und am nächsten Tage mußte ich mit ihm dasselbe Kapitel von neuem durchnehmen, als hätte er es niemals gesehen. Dabei hatte ich natürlich keine Ahnung davon, wie fleißig er dazwischen seine Lektion wiederholt hatte, während ich vergnüglich schlief. Ich ahnte nicht, daß er unterdessen bereits alle Besucher des Bethamidrasch gequält hatte, ihm bei der Vorbereitung auf den morgigen Unterricht behilflich zu sein. Einmal ward ich ungehalten und rief: „Ich unterrichte dich nicht länger!" „Warum?" versetzte er schlicht. „Du bist träge, bereitest dich nicht genügend vor", antwortete ich zornig und wTandte ihm den Rücken. „Du sollst sehen, fortan werde ich stets gehörig vorbereitet sein", entschuldigte sich der Unglückliche, indem er mich angstvoll anblickte. „Du bist ein unwissender Mensch", donnerte ich, „würdest du bei einem richtigen Lehrer lernen, der würde dich auf die Bank hinstrecken und dir eine Tracht Prügel aufzählen, die Ruthen müßtest du noch selber dazu bringen." „Wenn das dein Ernst ist, so bin ich bereit, mich zu unterwerfen", sagte er mit großer Ruhe. „Du willst dich also selber auf die Bank hinstrecken?" fragte ich lachend. „W'enn du befiehlst ....." Die Sache fing an, mich zu amüsieren. Ich, der kleine Lehrer, sollte diesen großen Jungen prügeln. Das war zu komisch. „Bring die Rute!" befahl ich. mein Lachen unterdrückend und eine ernste Miene machend, wie es einem erwachsenen Lehrer geziemt, der seinen Schüler wegen Müßiggang bestraft. Er tat, wie ihm befohlen ward, ohne eine Miene zu verziehen. „Leg dich hin!"' kommandierte ich weiter. Ich erhob die Rute. Doch augenblicklich sank meine Hand wieder. Bisher hatte mich der Vorgang erheitert, plötzlich jedoch ward ich verwirrt. Ein neuer Gedanke huschte durch mein kleines Gehirn. Die Rute entfiel meiner Hand, Tränen brachen mir aus den Augen, ich fing an, laut zu weinen..... Er erschrak heftig, fuhr auf, nahm mich in seine Arme, streichelte und liebkoste mich und fragte nach dem Grunde meiner Trauer. Er, der so tief Gekränkte, glaubte, mich verletzt zu haben. Doch ich konnte ihm eine Zeitlang vor Aufregung nicht antworten. „Verzeih.....ich.....ich habe dich beleidigt'', stammelte ich mühevoll. Ich fing an zu ahnen, wenn auch ziemlich unklar, welch eine Seelengröße dazu gehört, um der heiligen Lehre willen keine persönliche Erniedrigung zu scheuen. Gegen anderthalb Jahre verweilte ich in meinem Heimatsstädtchen, und während dieser Zeit hatte er vermocht, einen großen Teil der Bibel und die ejste Ordnung des Talmuds durchzuarbeiten, und alles, was