Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Verblasste Gestalten
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 623 - 624 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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623 A. S. Rabbinowicz: Verblasste Gestalten. 624 über die Leichtgläubigkeit meines armen Freundes, der sich von einem Windbeutel hatte verführen lassen (wir hatten nämlich inzwischen erfahren, daß unser Fremder ein leichtsinniger Patron war) und ihm seine sauer verdienten Ersparnisse von mehreren Monaten aufhalste. „Mich dauert das garnicht", antwortete er unerschütterlich. Ich bin sicher, daß ich zu meinem Gelde komme." „Wieso wirst du zu deinem Gelde kommen? Glaubst du, Gott wird dir für diesen Lumpen bezahlen?" rief einer spöttisch „Ich bin überzeugt", antwortete jener, ohne sich an den Spott zu kehren, „daß, wenn mir, Gott behüte, ein Unglück zustößt und ich auf die Hilfe anderer angewiesen sein werde, so werde ich gute Menschen finden, die mir beistehen. Richtiger gesagt, habe ich nur meine Schuld abgetragen, denn ich war seit meiner Jugend auf die Hilfe anderer angewiesen." * * * Weitere zehn Jahre waren vergangen. Ich gedachte oft meines Freundes und Schülers, während all der Zeit. Mit Vergnügen erinnerte ich mich seiner eigenartigen Melodie, die er beim Studium der Gemara anwendete, der Freude, die aus seinen Augen strahlte, wenn es ihm gelang, ein schwieriges Problem zu bewältigen oder einem Schüler, der ihn um die Erklärung bat, mit engelhafter Geduld und Gelassenheit eine befriedigende Antwort zu geben. „Ich würde um keinen Preis einen so stumpfsinnigen Kerl tausendmal eine und dieselbe Sache eintrichtern"', sagte ihm einer unserer Kollegen. „Wenn alle Menschen so strenge wären, wie du, dann bliebe freilich nicht viel zu tun übrig", versetzte er lachend. Es kam mir wiederholt der Gedanke, daß er wie kein zweiter, geeignet war, als Lehrer an einer großen Jeschiba zu wirken. Doch war es anders gekommen. Mein Freund wurde zum Rabbiner einer nahe gelegenen Stadt erwählt. Inzwischen beschlossen die Einwohner unserer Stadt, zu dem alten Bethamidrasch eine richtige, größere Jeschiba zu gründen. Es fanden sich einige, die das nötige Geld hergaben, man schaffte Utensilien und Bücher für die ärmeren Schüler an, auch für den Gehalt des Rektors sollte gesorgt werden. Nun hieß es, einen passenden Rektor ausfindig zu machen. Ich erinnerte mich meines Freundes, der jetzt Rabbiner war. und brachte ihn scherzweise in Vorschlag, obgleich ich wußte, daß dies nicht gut anginge. „Das wäre ja eine Degradation und kein Avancement für ihn", wandte der Vorsteher ein. „Doch wäre es ja sehr hübsch für ihn, wenn er als Rektor in demselben Lehrhause fungieren würde, in welchem er zu lernen angefangen hatte." „Wollen wir unser Glück versuchen!" sagte der Vorsteher. „Vielleicht gelingt's. Schön wäre es ja!" Ich schrieb an meinen Freund und war glücklich, nach einiger Zeit eine einwilligende Antwort zu erhalten. Er ging mit Freuden auf meinen Vorschlag ein und war dankbar, daß wir ihm eine Stellung einräumten, die ihm ermöglichte, dem Studium obzuliegen, während das Amt eines Rabbiners ihm alle Zeit raubte. * * * Nach zwei Wochen trug er in seinem alten Lehrhause seine erste Lektion vor, zu der sich ein großes Publikum eingefunden hatte. Mir gegenüber, auf der anderen Bank, saß ein alter Mann und fing jedes Wort des Vortragenden auf. während reichliche Tränen aus seinen Augen flössen. An seinen schwieligen und abgearbeiteten Händen konnte man erkennen, daß er dem Arbeiterstande angehörte, aber seine Züge verrieten, daß er nicht zu den Gelehrten zählte, ich zweifelte keinen Augenblick, daß der alte Mann kein Wort von dem Vortrage verstand, der sich in den höheren Regionen talmudischer Gelehrsamkeit bewegte. Es war mir ein Rätsel, warum er weinte, da der Inhalt des Vortrages keineswegs danach war, Rührung zu erwecken. Später erfuhr ich, daß dies der Vater meines Freundes war; er war ein schlichter Zimmermann, der sein ganzes Leben mit Beil und Balken zu tun hatte. Jetzt lebte er bei seinem Sohne. Ich betrachtete den Alten, der noch immer weinte, und bemerkte allsogleich, daß es Tränen der Freude waren. Der Greis war beglückt, seinen Sohn als Meister so vieler Jünger zu sehen, die seinen Worten lauschten. * * * Kaum zwanzig Jahre sind seit der Zeit vorüber, und es ist, als trennten uns mehrere Geschlechter von jenen Menschen. Mein Freund ist längst tot, die Jeschiba ist aufgehoben, das Lehrhaus ist in einen Trümmerhaufen verwandelt. In einer anderen Straße erhebt sich ein schönes, funkelnagelneues Bethamidrasch mit funkelnagelneuen Stukkaturen und anderen Verschönerungen, daher sind die Preise der Plätze dort teuer, und wer einen vollen Geldbeutel hat, der sitzt obenan. Der Vorsteher achtet strenge darauf, daß alles so neu bleibe wie es ist, daher wird dort keinem armen Schüler gestattet, sich auch nur zu erwärmen. Nach dem Abendgebete brummt einer ein paar Abschnitte Mischnajoth her, und nur zwei, drei Greise hören ihn an. und schlummern dabei. Sonst ist alles ganz modern.