Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Aus anderen Gemeinden Persiens
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 591 - 592 (sequence 3)
- Language
- German
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591 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Israeliten in Persien. 592 Schon bei unserer Ankunft hier ist diese Sachlage mir aufgefallen, uud ich habe die Möglichkeit gesucht, mit einer gewissen Berechtigung in die Angelegenheiten unserer Glaubensgenossen einzugreifen. In Persien sind die religiösen Häupter der armenischen Gemeinden fremde Untertanen. Wir glaubten, bei unseren Gemeinden könnte es ebenso sein. Deshalb habe ich von den Oberrabbinen und den Notablen ein Schriftstück unterzeichnen lassen, in dem diese mich als religiöses Haupt anerkennen. Auf diesen Titel gestützt, habe ich wiederholt meine Stimme zu Gunsten unserer verfolgten Glaubensgenossen erheben dürfen. Wir können auch öfters den Fall irgend eines Juden dadurch zu dem unseren machen, dass wir diesen veranlassen, sich zu uns zu flüchten. Herr Grahame interessiert sich für alle diese Angelegenheiten und interveniert, wenn ungerechte Massnahmen gegen unsere Brüder zur Anwendung kommen. Loria. Schi ras, den IL Juli 1907. In dieser Woche sind hier 26 Israeliten aus Lar angekommen, die in wahrhalt bemitleidenswertem Znstand waren. Seit ihrem Eintreffen in Dseharum hatten unsere Glaubensgenossen in dieser ktadt unter übler Behandlung seitens der Muselmanen zu leiden. Die Priester fingen an, davon zu sprechen, dass sie das Beispiel der Geistlichkeit von Lar nachahmen und die kleiLe Gemeinde von Dscharum vertreiben wollten. Aus Furcht vor Ausführung dieser Drohuug zwangen die Israeliten von Dscharum die Zuzüglinge von Lar förmlich, anderwäits hinzuwandern. Die Laris verliessen Dscharum in grossem Elend; ihre ganze Habe bestand in den Kleidern, die sie auf dem Leibe hatten. Unter Hitze, Ermüdung und Hunger leidend, legten sie den Weg zu Fuss zurück. Die Frauen, die ganz erschöpft auf den Etappenstationen eintrafen, mussten in den Strassen ein Stück Brot für ihre Kinder erbetteln. Sobald sie hier angekommen waren, begaben sie sich an den Platz, wo alle unsere Brüder Trost und Unterstützung im Elend finden. Weinend erzählten mir die Unglücklichen von den Leiden, die sie während der letzten Monate ihres Aufenthalts in Lar haben erdulden müssen. Sie hatten keine Minute Ruhe, sahen mit täglich wachsender Angst dem kommenden Massakre entgegen. Ihren Geschäften nachzugehen war ihnen vorboten, strenge Ueberwachung hinderte sie an der Ausübung der religiösen Bräuche, Unsere Glaubensgenossen mussten in einem Winkel ihres traurigen Heims vegetieren und ihre geringe Habe aufzehren, ohne an den morgigen Tag denken zu können. Ihre Drangsal wurde so gross, dass sie sich endlich zum Massenaufbruch aus Lar entschlossen. Die Geistlichkeit verbot den Muselmanen, die Häuser der Juden zu kaufen. So waren die Juden gezwungen, ihre Häuser in den Händen ihrer Feinde zu lassen und zu sehen, wie ihre Synagoge — die Zeugin der unerhörten Leiden, die die Gemeinde Jahrhunderte hindurch zu ertragen gehabt — von dem Pöbel zerstört wurde. Glücklicherweise hatten sie die Gesetzesrollen an dem Tage entfernt, an dem ihnen untersagt worden war, sich zum Gottesdienste in der Synagoge zu versammeln. Die israelitische Gemeinde von Schiras hat grosse Opferwilligkeit bewiesen. Ich hatte mich an sie gewandt, um das unermessliche Elend etwas zu mildern. Grossherzig ist die Gemeinde dem Ruf nachgekommen. Der driugendste Bedarf wurde alsbald gedeckt, den jüngsten Zuzügliugen wurde Arbeit verschafft. Wir bemühen uns, für die anderen Arbeitsgelegenheit in den sonstigen Ortschaften der Provinz zu finden. In vergangener Woche ist endlich der neue Gouverneur von Fars, Nezam-es-Saltaneh, in unserer Stadt eingetroffen. Seit seiner mit Ungeduld erwarteten Ernennung war alle Welt überzeugt, dass die Kühe bald wiederhergestellt sein würde. Mau hatte Recht. Unser neuer Gouverneur ist ein Greis, der während seiner ganzen Laufbahn mit allen Kräften sich bemüht hat, Persien auf den Weg zu leiten, den es seit einigen Monaten betreten hat. Nezam-es-Saltaneh gehört zu den eifrigsten und angesehendsten Anhängern der Rchabi- Sekte. Sein Sohn, dessen Händen alle Geschäfte anvertraut sind, ist ein wohlunterrichteter junger Mann, der lange Jahre in Europa gelebt und sich für die Verwaltung mit den Anschauungen seines Vaters erfüllt hat. Ein Vorkommnis der jüngsten Zeit beweist, dass wir unter dem neuen Gouverneur auf eine Besserung der Lage unserer unglücklichen Brüder rechnen dürfen: Der Vorsteher des jüdischen Viertels hatte einen unglücklichen israelitischen Erdarbeiter festnehmen lassen unter der Beschuldigung, dass er in dem Hanse, an dem er arbeitete, einen Schatz gefunden habe. Unser Glaubensgenosse wurde ins Gefängnis geworfen und tausend Qualen ausgesetzt. Tag für Tag erhielt er die Bastonnade, wurde er mit glühenden Zangen gezwickt. Unsere Bemühungen, ihm die Freiheit zu verschaffen, waren vergeblich, bis der neue Gouverneur kam. Als ich ihm den ersten Besuch machte, erzählte ich ihm von unseren unglücklichen Bruder. Der Sohn des Gouverneurs schickte sofort nach dem schuldigen Beamten, liess an ihm vor den Angen des gequälten Juden strenge Strafe vollziehen und entsetzte ihn seines Amtes. — Das machte in der Stadt den besten Eindruck, denn seit vier Jahren haben unsere Glaubensgenossen nur selten gesehen, dass einer der Gewalthaber ihre Verteidigung gegen die kleinen Tyrannen übernahm. — Während der Unterhaltung, die diesem Akt der Gerechtigkeit folgte, liess uns Nezam-es-Saltaneh hoffen, dass für die Israeliten von Fars bessere Zeiten kommen werden. „Sein Sie überzeugt", sagte er mir, „dass ich den Leiden ein Ende machen werde, die die Israliten von Schiras seit langen Jahren haben erdulden müssen. Wenn mein Wort nicht genügt, die Fanatiker zu beruhigen, so werde ich Gewalt anwenden. Es ist