Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Aus anderen Gemeinden Persiens
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 589 - 590 (sequence 2)
- Language
- German
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589 Mitteilungen der Alliance Israelite Universeile: Israeliten in Persien. 590 die Israeliten, so geringes Ansehen man ihnen sonst gönnt Eine Massendepesche zugunsten der einen oder anderen Partei kann, ohne an sieh entscheidend zu sein, bis zu einem gewissen Grade den Streitenden dienlich sein. Die Vorkommnisse dieser Woche beweisen das wieder einmal: Salar-es-Sultan, Sohn des Kawam, hat den beiden GrossrabMnen sagen lassen, dass sie aus Erkenntlichkeit für die yon seiner Familie den Israeliten geleisteten Dienste und um sich für die Zukunft Ruhe zu sichern, mit einer Gesetzesrolle sich gleichfalls in den Toren der Moschee einfinden sollten, am für ihre Ergebenheit gegenüber der Familie des Ivawam Zeugnis abzulegen. Zugleich befahl er ihnen, eine Massendepesche nach Teheran zu schicken, in der sie von dem Schutz sprechen, den sie bisher genossen, und von den Angriffen, denen sie von Seiten der Verfassungsfreunde ausgesetzt seien. — Die Kurzsichtigsten konnten das Uebel voraussehen, da die Niederlage der Verfassungsgegner fast sicher ist. Ich habe meine Glaubensgenossen angehalten, in dieser Sache unbedingte Neutralität zu wahren. Unsere unglücklichen Brüder haben eine unsagbare Fcircht vor dieser Familie, durch die sie seit Generationen so viel gelitten haben, dass es unmöglich ist, sie zu überzeugen, die Macht jener Leute könne eines Tages ein Ende haben. Ich habe den Rabbinen jede Mitwirkung geradezu verboten. Wir sind entschlossen, unter den schwierigen Umständen mit grosser Umsicht zu handeln. Salar-es- Sultan hat mich durch einen Abgesandten bitten lassen, ich möchte die Israeliten zu einer Mitwirkung bestimmen und selbst an die französicshe Gesandtschaft eine Depesche mit der Meldung schicken, dass unsere bisher so wohlgeschützten Schulen jetzt in Gefahr seien. Für den Fall des Erfolges machte er mir überdies die liebenswürdigsten Versprechung! n. — Diese Tatsache beweist, welche Bedeutung die Ortsbehörden dem tatkräftigen Schutz beimessen, den man als seitens der Gesandtschaft uns zugesagt voraussetzt. — Ich erwiderte dem Abgesandten, dass die Haltung der Familie des Kawam uns grosse Genugtuung bereite, und dass ich nach Teheran depeschieren würde. Ich habe das nicht getan und hatte es auch nicht beabsichtigt. Die Sorge für die Wohlfahrt unserer Glaubensgenossen zwingt uns, unser Verhalten den Sitten des Landes anzupassen. In einem Fall, wie der vorliegende einer ist, gebietet unsere Pflicht, nur an die Sicherheit unserer Brüder zu denken. Eine übel angebrachte Offenheit von unserer Seite könnte ihnen unwiderbringlichen Schaden bereiten. Wir sind also darauf angewiesen, beide Parteien zu schonen, damit der Sieger wreder aus unsern Worten noch aus unsern Handlungen einen Vorwurf gegen uns herleiten könne. Die Lage der Gemeinde von Schiras ist gegenwärtig überaus traurig. Kein Jude hat den Mut, das Viertel zu verlassen, nicht einmal am hellen Tage. Die anglückseligen Tagelöhner, die die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung bilden, sind gezwungen, innerhalb ihres Viertels hin und her zu gehen, damit sie sich beim geringsten Alarmzeichen in ihre Wohnungen einschliessen können. Die Wohlhabenderen sind auch nicht glücklicher. Sie haben laufende Rechnungen mit verschiedenen Mohamedanern. Die Schuldner entfliehen ihnen, indem sie sich in die Moscheen oder ins Telegraphenamt flüchten, und weigern sich, ihre Schulden zu bezahlen; die Gläubiger dagegen folgen den Juden bis in ihre Wohnungen und zwingen sie, wohl oder übel das letzte zusammenzuraffen, um entweder die schuldige Summe oder die landesüblichen ungeheuerlichen Zinsen zu zahlen. Damit ist das Uebel noch nicht erschöpft. Ein Haufe nach Strafgeldern gieriger Farachen verlässt das Judenviertei niemals, denn anderwärts ist überhaupt auf keine Einnahme zu rechnen. Es ist verboten, irgend welchem Muselmann alkoholische Getränke zu liefern. Unsere Glaubensgenossen haben sich diesem Befehl gewissenhaft gefügt, um den von der Menge so eifrig gesuchten Vorwand zu einem Angriff zu vermeiden. Aber was sollen diese armen, wehrlosen Leute tun, wenn die Taugenichtse mit bewaffneter Hand eine Flasche Branntwein von ihnen verlangen, für die sie nicht einmal einen Pfennig bezahlen? Der Gouverneur nrass selbst zugeben, dass er nichts gegen die Leute tun kann, die die Anarchie in der Stadt herrschen lassen. Die Farachen laufen, so schnell sie können, sobald eine bewaffnete Gruppe sich dem Viertel naht. Sobald aber einer unserer unglücklichen Brüder mit Gewalt gezwungen worden ist, das verlangte Getränk zu geben, erscheinen die Farachen wieder, lassen sich in seinem Hause nieder und erheben eine Busse von 2—5 Tornau. Der Aermste schreit, und war unterstützen ihn; aber keiner in der Stadt will uns hören. Sie können sich unsere Machtlosigkeit vorstellen und unsere üble Lage gegenüber den Leuten, die von uns wirksamen Schutz erbitten. Ich muss mir nochmals die Freiheit nehmen, dem englischen Konsul Herrn Grahame für die bewundernswerte Hingebung zu danken, mit der er uns bisher bei unserer schweren Aufgabe beigestanden hat. Ich darf wiederholt feststellen, dass in Schiras mehr als anderswärts das Schulwerk uns bedeutend weniger Mühe und Arbeit macht als der fortgesetzte Schutz, den wir unseren Glaubensgenossen gewähren müssen. Mit der Zeit werden wir uns nur noch mit unserer zivilisatorischen Aufgabe zu beschäftigen und allein in den schwierigsten Fällen einzuschreiten haben. Noch aber sind wir in Schiras nicht so weit. Wir müssen langsam und mit grossem Takt vorgehen, damit diese Aenderung eintreten kann. Zu Anfang ist es in den anderen persischen Städten ebenso gewesen. Heute brauchen Ihre Vertreter sich nicht mehr soviel wie zu Beginn mit Prozessen, Streitigkeiten usw. zu befassen.