Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Israeliten in Persien
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 583 - 584 (sequence 6)
- Language
- German
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5S3 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die israelitische Gemeinde in Kachan. 584 aus Jesd, Schiras und Suitanabad stammende Juden an, die im Laufe des 19. Jahrhunderts nach Kachan gekommen sind, angelockt durch den hier eingetretenen Aufschwung in der Wollen- und Seidenindustrie. Die Gemeinde wird von einem Großrabbi verwaltet, dem eine Anzahl von Notabein, die ,,Risch Sefid" (Weißbärte) zur Seite stehen. Wirtschaftliche Lage. Die wirtschaftliche Lage der Juden von Kachan fängt jetzt an sich zu bessern; aber das materielle Aufblühen wird verlangsamt und erschwert durch die jahrhundertelang von ihnen getragenen Lasten. "Von allen Seiten bedrückt und geschunden, von den Gouverneuren mit einer sogenannten „Schutz"-Abgabe besteuert, von der Geistlichkeit mit dem ,,Horns" belastet (d. i. eine Steuer, die den fünften Teil des Wertes aller von Juden erworbenen Immobilien bedeutet ), hatten die Juden von Kachan bis vor fünfzig Jahren außerdem noch eine Blutsteuer — „Djezieh" — von 400 Tomans jährlich an den Staatsschatz zu zahlen. Jetzt ist diese Steuer auf 25 Tomans herabgesetzt. Große Vermögen konnten sich seitdem in einer Umgebung nicht anhäufen, wo schon etwas Wohlhabenheit unsere Glaubensgenossen zur Zielscheibe aller Art von Begehrlichkeit machte: daher die Zersplitterung der Reichtümer. Ungefähr fünfzehn Notable mit einem Vermögen von 10 000 bis 50 000 Francs bilden den wohlhabendsten Teil der Bevölkerung. Gegen hundert Familien mit 5000 bis 10 000 Francs Kapital halten die Mitte der Staffel, und dann kommen die vielen, die von der Hand in den Mund leben, von ihrer Arbeit im Wollen- und Seidenfach oder vom Hausierhandel. Im Folgenden geben wir eine Übersicht, wie die 350 Familien sich auf die verschiedenen Berufe und Gewerbe verteilen. Kaufleute: 40. Sie hatten bis zum März des laufenden Jahres das Recht, sich im Bazar aufzustellen, während sie in fast allen anderen jüdischen Gemeinden Persiens sich zur Ausübung ihres Handels in Karawansereien zurückziehen mußten. Aber seitdem die Handelskrisis alle Geschäfte des Landes gelähmt und der noch in den Kinderschuhen steckende Parlamentarismus die Tätigkeit der Regierung geschwächt hat, wird den Juden das Recht auf die Wahl ihrer Standorte in den Bazaren bestritten. Nach gemeinsamem Übereinkommen haben sie ihre Plätze verlassen und harren besserer Zeiten. Es ist auch mit Sicherheit zu erwarten, daß nach Wiederherstellung der Ordnung im Lande die jüdischen Kaufleute in Kachan die ihnen von ihren Mitbürgern freiwillig üb erlassenen Vorrechte wieder erhalten werden. Umherziehende Händler: 25; meist Schirasi. Hausierer: 95. Sie wandern zwischen der Stadt und den am Fuß der Hügel liegenden Dörfern hin und her und schleppen alle fertig gearbeiteten Gewebe aufs Land, die rohe Wolle und die übrigen ersten Bestandteile in die Stadt. Da sie inmitten einer fleißigen Bevölkerung leben, die sich weder um politische noch um religiöse Fragen kümmert, können sie in aller Ruhe und Sicherheit ihren Geschäften nachgehen. Arbeiter in der Baumwollen- und Seidengarnfabrikation: 35. Kaufleute, die von der Seidenindustrie leben: 50. Da unsere Glaubensgenossen nur über geringe Mittel verfügen, kommt es für sie nicht in Betracht, die Verarbeitung und den Verkauf der in Kachan fabrizierten Seidengewebe in großem Stil zu betreiben. Sie kaufen die rohe Seide selbst ein. Nachdem die Seide von den Frauen und Töchtern gewaschen und gefärbt worden ist, wird sie Meinen Fabrikanten übergeben, die daraus auf Bestellung die im ganzen Lande bekannten Gewebe herstellen: „Rouhe lalaf" ist ein gewässerter, mit einem Pyramidenmuster gewebter Stoff; „Kemerband" sind breite Gürtel, die unendlich viele Male um die Taille geschlungen werden können; „Sokme", leichtes Baumwollgewebe mit durchbrochener Stickerei aus weißem Seidengarn; „Tschargats", eine Art schwarzer Überwürfe, in die die persischen Frauen sich von Kopf bis Fuß einhüllen, und schließlich allerhand Phantasieartikel, Halstücher, Taschentücher usw. Teppichfabrikation: 9. Der in Kachan verfertigte Teppich ist ebenso wie der aus Kerman zurzeit der beliebteste im Lande, wegen seiner feinen Arbeit und der guten Qualität der dazu verwendeten W7olle. Unsere Glaubensgenossen lassen die Ziegenhaare zuhause waschen, auskämmen, spinnen und färben. Durch einen Werkmeister, der auch das Muster liefert, wird der Teppich in den Rahmen gespannt, und acht- bis zwölfjährige, auf hohen Gestellen sitzende Mädchen machen sich an die Arbeit, Sie bekommen für ihre Arbeit 5 Kras bis 3 Tomans monatlich. Ein Kachaner Teppich wird für 15 bis 20 Tomans pro Quadratmeter verkauft. Schneider: 10. Rabbiner: 4. Fleischer: 3. Destillateure: 3. Musiker: 2. Diese sind in der ganzen Gegend bekannt und kommen auf alle Feste. WTill ein Herr einen Geburtstag, eine Hochzeit feiern, so kommt er zu ihnen. Der erste spielt den „Tar", eine Art Mandoline, die aus einem langen, feinen Griff und aus einer zweiteiligen Calebasse zusammengesetzt ist, über die eine Tierhaut gespannt ist. Der zweite bearbeitet den „Kimantsche", ein unserer Geige ähnliches Instrument , das aus einem spitz zulaufenden Kasten und einem zylinderförmigen Stiel besteht, über den Saiten gespannt sind. Der Musiker stellt das Instrument gerade vor sich und bringt die Töne vermittelst eines Bogens hervor, mit dem er über die Saiten streicht. Friseure: 4. Schuhmacher: 3. Maurer: 3. Goldschmied: 1. Ärzte: 4. Sie genießen bei der ganzen Bevölkerung Kachans, hei Juden und Mohammedanern, großes Ansehen. Apotheker: 1. Außerdem gibt es gegen fünfzig Familien, meist Jasdis, die den Jahreszeiten entsprechend alle Ge-