Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Israeliten in Persien
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 585 - 586 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583963-2588984--07484-2589088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5S5 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die israelitische Gemeinde in Kachan. 586 werbe ausüben: Straßenhändler, Obstverkäufer, Lumpenhändler und Tagelöhner; sie leben von der Hand in den Mund. Mit Ausnahme dieser armen Leute, die in der Hoffnung nach Kachan gekommen sind, hier bessere Arbeitsgelegenheit zu finden, ist hiernach die wirtschaftliche Lage unserer Glaubensgenossen weniger schlimm als anderwärts, z. B. in Ispahan. Man hat es ja auch hier nicht mit Kapitalisten zu tun, aber in allen an Arbeit, Ordnung und Sparsamkeit gewöhnten Familien herrscht ein gewisser Wohlstand. Unsere Glaubensgenossen verlieren keine Zeit; Männer, Frauen und Kinder sind bestrebt, durch Fleiß das Wocheneinkommen zu vermehren; die Tätigkeit für den Haushalt geht Hand in Hand mit der Arbeit in der Wollen- und Seidenindustrie. Selten sieht man in Kachan müßige Hände. Die Zahl der jüdischen kleinen Mädchen, die im Hause mit der Vorarbeit an Wollen- und Seidengarn beschäftigt werden, kann man auf 300 schätzen. Die geschicktesten verdienen täglich kaum 10 Schahis, das sind 20 Pfennig, aber sie sind auch nach diesem kleinen Verdienst eifrig und sammeln Groschen für Groschen, um dafür später eine Ausstattung zu erhalten. Allgemeiner Unterricht. Ich habe jetzt nur noch von dem Schulwerk zu erzählen. Außer den beiden erst kürzlich nach dem Muster der Teheraner Gymnasien eingerichteten Schulen gibt es als einzige Erziehungsinstitute hier ungefähr zehn ,,Mektebs", wo die um den Moliah herumhockenden Schüler vom Morgen bis zum Abend den Koran murmeln. Kein Jude besucht diese Schulen. Eine Talmud-Thoraschule gibt es in Kachan nicht. Die Kinder sind in Gruppen von 15 bis 20 kleinen Jungen auf die Nebenräume der Synagogen verteilt, die mit dem Namen „Mollahanes" — Lehrhäuser — geschmückt werden. Ich bin ganz unangemeldet in einen dieser Bienenstöcke hineingeraten. Es war ein für alle Winde offener Laden an einer Straßenecke, der Anblick hätte den Pinsel eines Karikaturenzeichners reizen können: Die Höhle eines Kohlenbrenners mit verräucherter Decke. Bis zur Mitte der Wände ein Aufbau von Brettern, Reste von außer Betrieb gesetzten Webstühlen, und auf diesen Brettern ein Durcheinander von zerbrochenen Leitern, Eimern, Schaufeln und Überbleibsel von Instrumenten, die zur Teppichfabrikation gedient hatten. Der Unterricht hatte schon eine Stunde gedauert; der Raum war durchglüht, die Gesichter von Schläfrigkeit überwältigt. In einem Winkel schnarchte ein Kind' mit geballten Fäustchen; zwei am Fenster sitzende Jungchen schauten gähnend auf die Spatzen draußen; ein anderer Junge hockte dicht dabei und erzählte mit lebhaften Gebärden drei Kameraden ein ihm gestern zugestoßenes Abenteuer. Schließlich sassen im Kreis um einen vom Alter gebrochenen Greis vier oder fünf kleine Bürschchen, den Oberkörper über schmutzige Bibeln gebeugt und brüllten, daß die Vorübergehenden betäubt werden mußten. Der Rabbiner ließ unbeirrt eine Spulmaschine arbeiten. Beim Geräusch, das mein Eintritt verursachte, blickte er auf, und das Geschwirr hörte auf. Der arme Alte versuchte ein paar entschuldigende Worte zu stammeln, aber ich war schon wieder auf der Straße. Als ich meine Verwunderung über diese Zustände aussprach, sagten mir die Notablen, die mich begleitet hatten, daß dies in Kachan so üblich wäre. Die sehr schlecht besoldeten Rabbiner sehen sich in die Notwendigkeit versetzt, ihre Einnahmen zu vermehren, indem sie Wolle spinnen. „Übrigens", fügte einer der Herren scherzend zu, „haben nicht auch die Gelehrten des Talmud ein Handwerk ausgeübt?" „Gewiß", erwiderte ich, „aber sie waren zu intelligent, um zwei Hasen gleichzeitig zu jagen." Die Last von Kenntnissen, die die 140 Schüler der „Mollahanes" auf diese Weise erwerben, ist nicht schwer zu tragen. Mit 15 Jahren können sie kaum die Bibel übersetzen, und alles übrige ist toter Buchstabe für sie. Darum verzichten auch viele Eltern darauf die Jungen in die Schule zu schicken, und lehren sie lieber, vom zehnten Lebensjahr an ihr Brot zuverdienen. Selbstverständlich würden diese Knaben sich sofort in unsere Listen einschreiben, wenn wir eine Schule in Kachan begründeten. Die Schülerzahl würde sich unter den obwaltenden Verhältnissen auf ungefähr 200 stellen, fast ausschließlich Knaben, denn die Mädchen werden für die Wollen- und Seidenindustrie gebraucht. Schluß. Die Begründung einer Schule in Kachan würde unseren Glaubensgenossen dort bessere Ordnung und Sicherheit schaffen und ihre materielle Aufrichtung mächtig fördern. Die an die Disziplinlosigkeit und Faulheit des Talmud Thora gewöhnte Kinderwelt würde Gehorsam, Pünktlichkeit und Fleiß lernen. Eine gut organisierte Handwerkerschule würde sicher die Zahl der Dorf-Hausierer verringern und ihre Tätigkeit entweder der Seidenweberei oder der Handweberei zuwenden. Die in Kachan noch üblichen vorzeitigen Eheschließungen würden nach und nach aufhören, die Frau würde eine höhere Stellung einnehmen und die Rücksichten erfahren, die ihr als Gattin und Mutter zukommen. Der begeisterte und warme Empfang, den Ihr Vertreter in Kachan gefunden hat, beweist, daß die Gemeinde das Werk der Alliance schon kennt. Sie weiß die Bedeutung der Vorteile zu schätzen, die eine Schule ihr bringen würde, und sie freut sich schon heute auf den glücklichen Tag, da das Central-Comitee ihre heißen Wünsche erfüllen und sie mit der Errichtung eines Schulinstituts beglücken wird.