Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Israeliten in Persien
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 579 - 580 (sequence 4)
- Language
- German
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579 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die israelitische Gemeinde in Kachan. 580 Zeiten Freundschaften zu sichern, die Notwendigkeit, sich^zur Bekämpfung der alle Konfessionen und Völker- " Schäften gleichmäßig ausplündernden Feinde zusammenzuschließen, bilden die Gründe zur Friedensliebe und treiben Juden und Mohamedaner zur Verbrüderung. Die Seiden- und Wollenindustrie hält ihren Einzug in Kachan, dem Zerstörungstrieb folgt das Fieber der Arbeit. Werkstätten werden improvisiert; Spinnereien. Webereien, Färbereien vervielfältigen sich in der ganzen Stadt, und Kachan wird*'ein von Maschinenlärm erfüllter Ort. Unsere Glaubensgenossen sind, wie üblich, die haupsächlichsten Agenten, wenn nicht die Urheber dieser Industrien. In beständigem Geschäftsverkehr mit ihren Mitbürgern geben sie einer Welt von Arbeitern Verdienst, die für ihre wohlwollende Fürsorge sehr dankbar sind. Unter diesen Vorbedingungen haben die Juden natürlich während der langen Regierungszeit des Schahs Nasr-Ed-Din (1848—1896) und des Schah Muzaffer-Ed-Din (1896—1906) nicht unter den Wechselfällen der Politik zu leiden gehabt und sind von der Geistlichkeit geschont worden, die durch die offene herzliche Haltung der Mohamedaner in Respekt gehalten wurde. Judenviertel. Das Judenviertel von Kachan darf ohne Übertreibung eine Stadt des Schmutzes genannt werden. Ein Hauch von Traurigkeit durchzieht das Durcheinander der zu Labyrinthen'gewordenen Gässchen. Zur Rechten, zur Linken, bis'an die Grenzen des Ghetto nichts als altes Gemäuer von gleichmäßigem schmutzigem Grau, von den heißen Sonnenstrahlen durchglüht. Hausteine kennt man in Kachan nicht, und der Backstein bedeutet großen Luxus. Das*einzige gebräuchliche Baumaterial der Gegend sind* die in vertrockneten Strombetten gesammelten Steine und die an der Sonne getrockneten tönernen Ziegel. Deshalb befinden sich auch alle Wohnhäuser in Verfall. Alte Mauerskelette, Trümmer einstiger Karawansereien zerfallen und zerbröckeln überall durch den Einflußjdes Regens und des Mauerschwamms. Ganze Familien von Jasdis, arm an Geld und reich an Kindern, haben ihr Unterkommen unter diesen Trümmern, die nur durch ein paar Balken gestützt werden. Es gibt da weder Türen noch Fensterscheiben, der Zutritt wird durch eine Art Backofenöffnung vermittelt, durch die alle Winde pfeifen. Mit schwerem Herzen schiebt man sich die Wände entlang. Die Mitte dieser Art Höhle wird durch einen Haufen zerrissener Wolldecken eingenommen, nur ganz spärlich dringt das^Sonnenlicht ein. An den Seitenwänden ist in Nischen der armselige[Besitz der Bewohner unordentlich untergebracht: verlumpte Kleidungsstücke, irdene Teller, von^Schmutz geschwärzte Kasserollen — die ganze Ausrüstung des Elends. In diesem Raum kommen und gehen die Kinder, ein aus einem Lappen geschnittenesfÄHemdchen um den Leib gebunden, und schieben Knochenreste oder, Topfscherben vor sich her. Glücklicherweise werden 'diese 'aus früherer Zeit stammenden Behausungen in Kachan immer seltener. In Ermangelung einer städtischen Aufsicht übernimmt es die Zeit, diese Trümmerhaufen wegzufegen, sobald sie gänzlich unbewohnbar werden. Aber kein Mensch denkt daran, diese Reste vollständig abzutragen und die Plätze neu zu bebauen. Sobald einem dieser Häuser der Zusammensturz droht, verlassen es die Bewohner und installieren sich anderwärts. Das Judenviertel hat dadurch d«e Neigung, sich hauptsächlich südwärts, nach dem höher gelegenen Teil der Stadt auszudehnen. Bisher in das Ghetto eingeengt, hat die israelitische Bevölkerung von Kachan angefangen, überall hin auszustrahlen. Langsam, unmerklich, wie eine steigende Flut, überschwemmt sie die angrenzenden muselmanischen Quartiere. Auf diese Weise haben unsere Glaubensgenossen ganze Straßen beschlagnahmt, angezogen durch die behaglichere Ausstattung der Wohnungen, die freilich noch weit davon entfernt sind, europäischen hygienischen Anforderungen zu genügen. Die Häuser sind allzudicht aneinander gedrängt. Alte Einfahrten, halb in den Boden gesunken, gewähren Zutritt zu gewölbten Galerien, die abwärts in das Innere führen und sich zwei bis drei Meter unter dem Erdboden auftun. Die Mauern entlang geht ein Gäßchen, von dem aus man zu den niedrigen und kläglich engen Gemächern gelangt. Wo man einen Hof zu finden erwartet, gelangt man ins Leere. Neigt man sich über das Geländer der Galerien, so vernimmt man das dumpfe Geräusch der Handwerkstätigkeit und gewahrt, daß dort unten, bis zu zwölf Meter Tiefe vergraben, Geschöpfe wohnen In diese Abgründe steigt man auf Wendeltreppen hinab, auf steilen, schlüpfrigen Stufen. Ist man endlich im Hof, so wird man förmlich betäubt von dem Lärm der von Frauen und Mädchen, unter der Aufsicht eines Werkmeisters, bedienten Webstühle, Haspelmaschinen und Gerätschaften aller Art. Der erste trübe Eindruck schwindet, man ist angenehm überrascht von der in diesen Räumen herrschenden Frische gegenüber der dumpfigen Luft, aus der man gekommen. Die Flucht vor schädlichem Gewürm ist es, die die Übersiedelung in diese Art Höhlen veranlaßt. Die Juden von Kachan nehmen üir Sommerquartier unter der Erdoberfläche und richten sich da für die ganze Saison ein. Zwei in einer Ecke aufgerichtete Bretter dienen der ganzen Familie als Schlafstelle, dort hinauf schwingt man sich, wenn man schlafen will,. Die Angst vor den Skorpionen ist für den Kachiten der Anfang der Weisheit. Auf dem in der Mitte des Raumes stehenden Tisch mit abgesägten Beinen sieht man die üblichen Karaffen voll des mit Zederblüten parfümierten Branntweins. Porzellanlanipen und Leuchter mit matten Glasglocken schmücken den Kamin und bilden den einzigen Luxus der Ausstattung. Alles andere ist Gerümpel. Ausrangierte Rohrstäbchen, Haufen von Wollresten, die von der Teppichfabrikation herrühren, liegen unordentlich in einem Winkel. Ein paar Schritte davon kauert ein kleines Mädchen mit untergeschlagenen Beinchen auf dem Fußboden und arbeitet flink an einer Haspelmaschine. Seidensträhnen hängen an Stricken. In einer Ecke stehen zwei ungeheure bauchige verstaubte Gefäße mit „Sikendjibi", einem aus Essig und Zucker gekochten Likör.