Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Israeliten in Persien
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 577 - 578 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583963-2588984--07480-2589084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
577 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die israelitische Gemeinde in Kachan. 578 Zustand der Herabwürdigung und. Servilität zu betrachten, zu dem diese Bevölkerung jetzt herabgesunken ist, um sich eine Vorstellung von der Lebensführung der Juden von Kachan zu machen, die in jenen Zeiten der eines verfolgten Wildes gleichkam. Die Thronbesteigung der Sofis war das Signal für die Neubelebung der Verfolgungen. Unter den Auspizien des Schahs Abbas I, des Großen (1557—1628) wurden alle Verordnungen und Ausnahmegesetze gegen unsere Glaubensgenossen gesammelt und unter dem Gesamttitel „Djame Abbassi" herausgegeben. Diese Sammlung für Fanatiker wurde das Lieblingsbuch der mohamedanischen Geistlichkeit, die daraus die drakonischsten Satzungen schöpfte und es übernahm, sie den Juden des Reiches aufzuzwingen, immer unter Bedrohung mit eisengepanzerter Faust. Unter der Regierung desselben Schahs Abbas und nach erfolgtem Massenübertritt der Juden aus Kum geschah es auch, daß zwanzig jüdische Familien aus Kachan in das Lager ihrer Verfolger übergingen und die Reihe der Glaubensabschwörungen begannen, die so vielen jüdischen Gemeinden Persiens zum Verhängnis geworden sind. Die Nachkommen jener Konvertiten werden noch heute mit dem Namen „Djedids" bezeichnet; sie stehen in freundschaftlichen Beziehungen zu ihren früheren Glaubensbrüdern und haben sich der Gemeinde oft nützlich erwiesen durch Übernahme der Vermittlerrolle zwischen Juden und Mohamedanern. Unter der Regierung des Schahs Abbas IL (1.631—1666) besserte sich die Lage der Juden; aber erst im 18. Jahrhundert, unter der Herrschaft Nadir Schahs (1688—1747), wurde Kachan der vornehmste geistige Mittelpunkt der Juden in Persien. Durch den Einfluß der ersten palästinensischen Rabbinen, die zwar keine Reichtümer, aber die ganzen Schätze der jüdischen Wissenschaften des Mittelalters mitbringen, schütteln die Juden von Kachan ihre Müdigkeit ab und setzen ihre Ehre darein, mit den Glaubensgenossen des Abendlandes in Verbindung zu treten. Das kam für sie einer Offenbarung gleich. Mit fieberhaftem Eifer studierten sie die Werke des Maimonides undRaschi; durch ihren Bildungstrieb angestachelt, verschlingen sie bald alle Werke, die der Zufall ihnen in die Hand spielt, die Werke eines Jehuda Halevy, wie die Reisebeschreibungen eines unbekannten Dichters aus Bagdad. Die kleine Gemeinde umfaßte bald einen Kreis von Rabbinen, fdie in ganz Persien populär waren, und denen man die breitete, die in vielen Vorschriften über -das bürgerliche und religiöse Leben unserer Glaubensgenossen zu finden waren. Kachan — seitdem ,,Klein-Jerusalem" genannt — wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Rabbinerschule, die die geistigen Häupter fast aller jüdischen Vereinigungen Persiens ausbildete. Wir nennen unter den bedeutendsten: Mollah Mosche Halevy, Mollah Refua Cohen, Schemue! Bar Nissim, Elischa ben Schemuel, alles Verfasser verschiedener Werke jüdischer Dichtkunst und der „Pismonim9', die noch heutigen Tages beim Gottesdienst am Rosch Haschana und Jörn Kippur gesungen werden. Aber dieser gedeihliche Zustand und diese Entfaltung der jüdischen Literatur konnten nicht lange dauern. Im Jahre 1747 wird Nadir Schah ermordet, die jüdische Gemeinde Kachan wird von den Gouverneuren geschröpft, von der Geistlichkeit besteuert, von den die Straßen durchziehenden Räuberbanden geplündert, und stürzt mehr als sie sinkt von der führenden Stellung herab, die sie im Religionsleben der Juden Persiens innegehabt hatte. Von Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts bis zu dem im Jahre 1834 erfolgten Ableben des Schahs Feth Ali bringt die Geschichte unserer Glaubensgenossen nur eine Reihenfolge gegen sie angewendeter Ausnahmegesetze, Plünderungen und Grausamkeiten aller Art. Die Thronbesteigung von Mohamed Schah (1834 bis 1848) macht diesen Schandtaten ein Ende. Während seiner friedlichen Regierung erstehen Ordnung und Wohlstand wieder im Lande. Die gegen ihren Willen in kostspielige Kriege verwackelte, von Anarchie und inneren Kämpfen zugrunde gerichtete Bevölkerung fängt an, ruhigere Wege zu gehen. Der in den leitenden Klassen herrschende Skeptizismus, der alles religiöse Gefühl zerstört hat, der Wunsch, sich in den schweren schwierigen Stellen unter- Die Alliance^Knabenschule in Bagdad. (Dritte und vierte Klasse.)