Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Zwei Ärzte
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 3)
- Language
- German
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559 Dr. med. Theodor Zlocisti: Zwei Aerzte. 560 Voii den stillen Gräbern lockt uns der freundliche Tag. Der Erinnerung an. unsere Toten ganz hingegeben, — iii diesen heiligen Minuten sollen nicht Tränen rinnen — so will es unser Judentum, das den Willen zum Leben fordert — sollen Loblieder erschallen auf unsern Herrn; und wir flehen: J?hei sch'lomo rabo. Die Fülle des Glückes im Leben senke sich über uns und ganz Israel vom Himmel hernieder." Ein Heiler und Helfer starb — freuen wir uns der lebenden Heiler und Helfer! Die Tage sterben verdrossen und schwarz dahin — klammern wir uns au frohe Stunden! Eine frohe Stunde will ein Schüler festhalten: sie kam, als sein Lehrer geehrt wurde.-----j Nach dem Tode des Meisters der deutschen Chirurgie Ernst von Bergmann hat die angesehenste Vereinigung deutscher Aerzte Hermann Senator zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Virchow hatte die Berliner medizinische Gesellschaft durch viele Lustren geleitet. Seine sella curulis ist geweiht; und nur wer die höchsten Weihen der Heilkunst empfangen, darf von dieser Stelle zu diesem Forum sprechen. Diese hohe Auszeichnung durfte Senator mit dem leisen Gefühl der Genugtuung hinnehmen. Nicht auf den winkligen Schleichwegen, die sich an den Personalienchef unserer preussischen Hochschulen heranschlängeln: — durch den freien Willen einer hochstehenden Vereinigung, durch den freudigen Zuruf bedeutender Männer, die Leistungen zu werten wissen, ist Senator zu dem ehrenvollen, ragenden Ziele geschritten. Es ist eine kleine Genugtuung für viele, die mit Bitternis die Zurücksetzung sahen, die Senator von der Hoch schul Verwaltung durch viele Jahre erfahren musste: auch Senator hat es nie zum ordentlichen Professor gebracht. Mit einem Lehrauftrag und leeren Titeln wurde er abgespeist, und er durfte mitansehen, wie jüngere Kräfte und kraftlose Jüngere ihm vorgezogen — vorgezogen wurden. Die Berliner Universität ist nach Levin Goldschmidts Tode vor der peinlichen Gefahr, vor dem — nationalen Unglück behütet worden, einen Juden unter den Ordinarien zu dulden. Und als die unheimliche Rumpelkammer der Charite endlich einem modern-hygienischen Neubau weichen sollte, wurde die dritte medizinische Klinik,an der Senator mehr als ein Jahrzehnt als Lehrer und Forscher gewirkt, aufgehoben. Er war derfrischen Luft näher gebracht worden: physikalisch-diätetische Therapie der Verwaltung. Aber Senator bekam zur weiteren Stärkung eine neue Poliklinik, der ein paar Betten angefügt wurden. Aeusserlich war Senator also die Möglichkeit geblieben, auch klinische Vorlesungen neben den poliklinischen zu halten, die ihm seit Josef Meyers Tode anvertraut waren. Auf Senators ernste Lippen hat sich sicher nie ein Wort über die mannigfachen schmerzhaften Zurücksetzungen gedrängt. Jn getreuer Erfüllung seiner Pflichten hat er die Befriedigung gesucht. Und er muss sie gefunden haben. Viele Generationen deutscher Aerzte danken ihm Wissen und die Kunst der Beobachtung. Senator ist ein Meister in der Zergliederung des Materials, ein Diagnostiker voller Scharfsinn und eindringender Kritik. Und ein gediegener Lehrer. Zu seinen Vorlesungen drängen sich die Studenten, die lernen wollen, was sie draussen in der wechselreichen Tätigkeit leiten kann und woraus sie zu Helfern und Heilern werden. Senators Vorlesungen haben nie an die Ergötzlichkeiten des Zirkus erinnert, in dem der Professor den Clown in vollendeter Groteske markiert. Sie suchen nicht zu fesseln durch pikante Ueberraschungen, sondern durch die Gliederung des Lehrstoffes, durch planvolle Pädagogik und durch die zielsichere Erziehung für den praktischen Beruf. Dabei bleibt Senator immer den Forderungen ehrlicher Wissenschaftlichkeit gerecht, ohne freilich in den Fehler zu versinken, seine Vorlesungen für erfahrene Aerzte statt für Studenten einzurichten. Sein Vortrag ist trocken — aber man wird dieses trockenen Tones nicht satt. Es ist kein Sprühfeuer des Witzes, dessen Eaketen aufleuchten und dann die Nacht nur noch dunkler erscheinen lassen. Er verbreitet ein geruhiges Licht, das milde leuchtet und dessen Abglanz nicht mehr aus der Seele verschwebt. Es ist kein Prunk in Senators Gediegenheit. Sie ist schlicht und stolziert nicht in gestenreicher Pose einher. Man fühlt an jedem Fortschritt noch die hemmende Bleilast des Zweifels. So ist Senator vielen Aerzten auch im späteren Leben Berater geworden. Ein Consiliarius, von dem man sich der Entwirrung verknäuelter Krankheitssymptome sicher weiss, von dem man die. Wegesrichtuug zur Lebenserneuerung erwartet. Wer aber einen Patienten „in Schönheit sterben44 lassen will und narkotisiert von ätherischen Worten; wer für die zerfliessenden Angehörigen einen gallertigen Tröster braucht, oder wer durch fleissiges Konsultieren für einen Sohn oder Verwandten — eine Assistentenstelle ebnet, der zieht Senator nicht zu! Das ist sein Euhm. Das macht seinen seelischen Reichtum aus. Sein Wort ist ernst, gemessen, oft einsilbig. Seine Geste schlichi, bestimmt, voll hoheitsvollen Ernstes. Manchem mag sie als kalt und nüchtern erscheinen. Aber niemand wird das Gefühl der Abweisung, der Distanzierung haben, in der sich Gelehrtenmumieu gefallen. Es gibt sicher nur wenige Menschen, in denen äussere Gehabung und seelische Art sich so harmonisch zum Bilde einer geschlossenen Persönlichkeit aneinanderfügen. Zwischen der steifen Kravatte ( ich kenne sie freilich erst seit 10 Jahren —) und seiner klinischen Vorlesung liegt nicht ein Spalt von einem Millimeter. Und in seinen wissenschaftlichen Arbeiten sieht man noch das ernste, ausdrucksreiche und so wenig dithyrambische Auge, das auf die Blätter des Manuskriptes sah. Und diese wissenschaftliche Arbeit, die einem halben Jahrhundert persönlichen Lebens Inhalt und Weihe gab, trägt ganz ihres Schöpfers Züge. Grosse Gebiete, auf denen das Unkraut wild in die Höhe schoss, hat er durchpflügt, dass die Schollen fein