Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Zwei Ärzte
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 557 - 558 (sequence 2)
- Language
- German
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557 Dt\ med. Theodor Zlocisti: Zwei Aerzte. 558 diese Weihe reinen Menschentums webt auch um das Werk derer den heiligen Schein, die ein armseliger Materialismus ihres Gottes, ihres Gottesstrebens beraubt hat. Wer Gottes lacht und doch gottgefälliges Werk vollbringt, ist kein Spötter, auch wenn er sich dafür hält. Er ist nur ein Armer — sein selber nicht bewusst.--- Zu den wundersamsten Umsetzungen spezifischjüdischer Charaktere, wie sie in den letzten hundert Jahren sich vollziehen, gehört der Typ des jüdischen Arztes. Bei den einen: Erstarrung des inneren Arzt-Berufs — der Berufung! — zum ärztlichen Merkantilismus. Bei anderen ungeschwächt und unverbogen - wirksam der Drang der Seele, zu bessern und zu heilem. Aber sie deuten diesen Drang anders. Der alte Trieb, aber neue Antriebe. Der Urgrund der Seele blieb: die Begründung ihres Wirkens aber wurde eine andere. Ein klassisches Paradigma dieser Art gibt das Leben des jüngst gestorbenen Emanuel Mendel. Ein dezidierter Heide in seiner Weltanschauung — und ein gottgesegnetes Lebenswerk! Er lehnte Gott auf allen Wegen ab und „er wandelte in den Wegen Gottes." Mit welcher Ergriffen1 heit haben die russischen Juden von ihm gesprochen! In seiner Poliklinik behandelte er Tausende. Der die Menschenliebe in sich trug — die seit Jahrtausenden lebendige, in ewigen Leiden betätigte, im Ausgeben sich verjüngende und steigernde jüdische Nächstenliebe — suchte armer Juden kranke Nerven zu heilen, die seit Jahrtausenden zuckenden, in ewigem Leiden zermarterten, alternden und gesteigert reizbaren jüdischen Nerven! Mendel fühlte sich, wie so viele jüdische Aerzte, schon früh, zur Seelenheiikunde hingezogen. Als Sohn armer jüdischer Eltern in Bunzlau geboren; hatte sich Mendel unter schweren Mühen in Breslau dem ärztlichen Studium gewidmet. Nach seinem Examen Hess er sich in Pankow, einem Dörfchen an der nördlichen Peripherie Berlins nieder. Er war bald der gesuchteste Arzt des ganzes Kreises; der Arzt. Gründliche Kenntnisse verband er mit edelster Menschenliebe. Still in seiaem Auftreten, bestimmt aber ohne die tönende Aufdringlichkeit und Arroganz des ärztlichen commis voyageur, bedächtig — und doch sicher, ernst und doch voll gütigen Humors und rührend schlicht musste er alle an sich ketten, die ihm einmal nahe traten. Die Armen werden ihn vermissen: wie hoch auch sein Ruhm und sein Euf in den Jahren anstieg, er verstieg sich nie zu „festen Preisen"; und niemand hat wohl ein Wort der „Belehrung" von ihm gehört, der ihm für langwierige Konsultation ein lächerlich niedriges Honorar auf den Tisch legte! Die drei Feldzüge machte Mendel als Militärarzt mit. Laqueur gibt eine Anekdote, die das Wesen Mendels ganz beleuchtet. Das 3. Garde- Grenadier-Regiment „Königin Elisabeth" rückte zum Sturm auf Le Bourget vor. Ein älterer Stabsarzt tritt auf Mendel zu: „Gehen Sie für mich in die Feuerlinie. Sie sind ledig. Ich habe Weib und Kind." Mendel erfüllt die Bitte sofort. Ein Schuss zersplittert sein Schienbein. Eisernes Kreuz! An Auszeichnungen hat es Mendel nicht gefehlt. Zum Ordinarius hat er es freilich nicht gebracht. Ihm fehlte nicht der Segen seiner Kranken, nicht der Segen seiner grossen Schaar von Schülern. Nur der Segen des Kultusministeriums. Freilich ganz war Mendel nicht zu umgehen. Nicht auf der bequemen Rutschbahn des akademischen Assistententums. sondern über die Mühsal des praktischen Arztes hin war er 1873 zur Habilitation zugelassen worden. Gründliche Arbeiten über die „Progressive Paralyse" und die „Manie" und eine Fülle kleinerer Studien, zu denen ihm seine Poliklinik und die von ihm begründete Privat-Irrenanstalt das Material gab, vor allem aber seine ausgedehnte Lehrtätigkeit brachten ihn schon nach 11 Jahren („schon" - für einen Juden!) eine ausserordentliche Professur ein. Allein trotz seiner umfangreichen berufliehen und wissenschaftlichen Arbeit blieb er in engster Beziehung zu den Interessen des Tages. Während zweier Legislaturperioden war er Abgeordneter von Nieder- Barnim — seines Kreises, der seinem unermüdlichen Eifer so viele sozialhygienische und verkehrstechnische Einrichtungen und Verbesserungen verdankt. Mendel sass natürlich auf der „linken Seite" des Parlaments, auf der Seite, auf der, wie er in seiner Vorlesung immer scherzte, auch im Gehirn das — Sprachzentrum liegt. Der heut so scharf — und nicht zuletzt von Mendel selbst angefochtene! — § 51 über die Zurechnungsfähigkeit verdankt Mendel Fassung und Kommentar. Er war durch praktische Erfahrung und gerichtliche Sachverständigentätigkeit ein kompetenter Beurteiler des Problems über die Gebundenheiten des Willens, die durch Bewusstlosigkeit und krankhafte Seelenlage die verbrecherische Tat zu einer unfreien machen. Es wird wohl kaum einen Berliner Studenten gegeben haben, der nicht — wenigstens einmal — seine Vorlesung über Zurechnungsfähigkeit gehört hat. Seinen Studenten, seinen Schülern, der Wissenschaft und den Kranken ist Mendel am 23. Juni in seinem 67. Jahre entrissen worden. Ein Leben der Arbeit, der Freundschaft und reinsten Menschentums ging dahin. Aber die Erinnerung an sein Lebenswerk, das allein unser Leben ist, wird nicht schwinden. Und es soll in der Judenheit nicht schwinden. Hat sich Mendel auch über die traditionelle Weltanschauung Israels hinweggesetzt, so hielt er seinem Stamme die Treue und verschmähte es, die unreinen Ehren des Verräters zu erkaufen, zu ertaufen! Und gegen den Rassenhass kämpfte er als Mitglied des Komitees zur Abwehr antisemitischer Angriffe mit der Entrüstung des freiheitlichen Mannes. Eine geschlossene, aufrechte, reiche Persönlichkeit ging von uns: Ein „dezidierter Heide", der in Gottes Wegen wandelte . . . * * *