Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Der poetisch verherrlichte Moses Mendelssohn
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 551 - 552 (sequence 2)
- Language
- German
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551 Dr. Leopold Hirschberg, Berlin: Der poetisch verherrlichte Moses Mendelssohn. 552 Es war der Professor der Poesie und Eloquenz zu Tübingen, der schwäbische Dichter Carl Philipp Conz." Wir werden am Schluss uns mit einem Teil der Conzschen Poesien noch kurz zu beschäftigen haben; das oben genannte Mendelssohn-Gedicht scheint die erste Pegasus-Besteigung des damals Vierundzwanzigjährigen gewesen zu sein. Es ist Jacob Friedrich Abel, Professor der Philologie und Moral und „dermaligem Prorektor an der hohen Karlschule in Stuttgart", gewidmet. Der Autor übergibt das Kind seiner Muse dem Publikum mit ziemlicher Verzagtheit: „Wie sehr wünschte ich, dass die Verzögerung meiner Arbeit die vollendete Güte derselben zur Folge haben könnte. Aber eine Sache aufschieben, heisst nicht immer sie, bey ihrer Erscheinung, besser liefern. Sollte ich sie darum noch länger zurückbehalten haben, um ihr den mir möglichen Grad der Vollkommenheit zu ertheilen. dies hiesse, so sehr es auf der einen Seite die Achtung gegen das Publikum zu erfordern scheint, auf der andern doch wieder, wann man etwas schon lange versprochen hat, ebendasselbe beleidigen, und das Interesse der Sache, das schon etwas geschwächt seyn dörfte, noch mehr schwächen oder gar zernichten." Moses Mendelssohn war ein Jahr vorher gestorben (4. Januar 1786), und während dieses Jahres war dem Verfasser, wie er weiterhin selbst gesteht, „aller Umgang mit den Musen schlechterdings abgerissen" worden. Wir werden nach diesem etwas komisch klingenden Geständnis nicht viel erwarten dürfen. Durch den Tod des Weisen in eine „ sanft begeisternde Wehmut" versetzt, gelobte Conz ihm ein geringes Denkmal, derart, dass er den Lehrdichter mit dem Lobredner vereinigen wollte, da ein blosser Panegyrikus ihm zu schaal erschien. Er wollte sich selbst ausserdem den Weg zur didaktischen Poesie über die lyrische bahnen. Das beste des ganzen Gedichts ist zweifellos die Einleitung, ein den Klopstockschen Oden glücklich abgelauschtes und geschickt verfertigtes Stück allgemeinen Inhalts, in dem von Klopstock besonders bevorzugten (Alcäischen) Versmasse, dessen drei Strophen lauten: „Doch, wer, wie Du, des Lebens Gehalt und Werth Auf sichrer Wagschal wog, und, wie Du, so warm An jenes bessre Jenseits glaubte, Dem ist die Larve des Todes nicht furchtbar. Dem ist er kein Zerstörer, dem ist er nur Mit ausgelöschter Fackel ein Genius, Wie ihn Dein Lessing uns geschildert, Selber gesehn und noch mehr verstanden, Als ihm aus seinen Zweifel die Wahrheit sich, Wie aus dem Kampf der Dämmrung der sonnige, Der hohe Morgen in der Gottheit Urlicht, dem staunenden Geist emporwand." Schlimm siehts dagegen mit dem Dichten Conzens aus, wo der Keim angewendet wird. Hier passiert ihm, wie der gleichfalls von Apoll geküssten Friderike Kempner, manchmal das Unglück, zum Zwecke des Gelingens der Verszeile Sylben kassieren zu müssen. Wenn sich schon die Abkürzung von Aristoteles in „Aristot" seltsam genug anhört, so ist dies noch mehr bei dem Helden des Gedichts selbst der Fall: „Und so, wie wenn der Tag in schönem Lauf, Ein schöner Jüngling, die Welt herauf Sich hebt und wächst im Gehen, So blühte Mendel auf, Ein Wunder anzusehen!" Komisch klingts, wennConz vondemnachmaligen Hofpoeten Ramler erzählt, dass dieser, als er Mendelssohns Freund wurde, noch die „Begeisterung im Busen verhalten habe", trotzdem er bereits „insgeheim Liebling der Musen" gewesen sei; wenn er ferner von der „Weisheit grossem Schwur", den Moses und Lessing zusammen leisteten, mit folgenden Hyperbeln berichtet: „Da schwüret ihr der Weisheit grossen Schwur: Ihn hörten jauchzend die Engel, ihn hörte jauchzend Natur: Der Aberglaube grinst', als er die Kunde vernahm, Die zur erschrocknen Hölle kam. Die Dummheit schüttelte arbeitend, schwer ihr Haupt Von Mohn beträuft, von Lotos umlaubt, Die Trägheit gähnt' und fuhr aus ihren Eiderbetten, Und Teufel bissen in die Ketten." Bei der ungemein tiefsinnigen Behauptung: „Zum Kinde von dem Embryonen Ist grösser noch der Sprung, als von Huronen Zu einem Leibnitz" merkt man das Stöhnen des gemarterten Hippogryphen, desgleichen bei dem wie eine Bombe einschlagenden Schlussreim: „Seligkeit athmet im Rosenstrauch, Seligkeit duftet aus der Morgenflar Hecken, Schimmert aus der Wiese farbigten Decken, Woget in des Weltmeers Bauch".