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Ost und West · 1907-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1907) · p. Seite 549 - 550

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1907)
Article
Der poetisch verherrlichte Moses Mendelssohn
Date
1907-08-01
Page
Seite 549 - 550 (sequence 1)
Language
German
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549 550 DER POETISCH VERHERRLICHTE MOSES MENDELSSOHN. Eine Ausgrabung vom Jahr 1787. — Von Dr. Leopold Hirschberg (Berlin). Nachdruck verboten. WtfffiffltnUUföu; fcr 3B<tf« ttnt> Ux Stafcfj. fin f9?if<Mttaft<f$e« ®*fci$t in ei<r ©ffättjsm ton SR. £♦ ÖTöiis. Für den denkenden Bücherfreund, d. h. für den, der ältere Bücher nicht bloss sammelt, um dann, wie Richard Wagners Fafner sein „Ich lieg und besitz, Lasst mich schlafen!" herauszurufen, sondern die Werke als Spiegel der Zeit vom kulturgeschichtlichen Standpunkt aus betrachtet, — für den denkenden Bücherfreund also eröffnet sich beim richtigen Betrachten scheinbar unwichtiger Dinge eine Perspektive von meist beträchtlicher Weite. Die ehrwürdigen, bezopften Gestalten vergangener Zeiten treten leibhaftig vor ihn; das Milieu, in dem sie sich bewegen, erscheint deutlich und klar; ihre Neigungen undBestrebungen, ihre Erfolge und ihr Missgeschick, ihre Liebe und ihr Hass — alles das zeigt sich dem, der zu sehen und zu lesen versteht. Bücher — vielfach sogar ganz unbedeutende und verschollene — sind der Spiegel der Zeit, der ihr Bild unverzerrt, sine ira et studio, wiedergibt. — Von diesem weiten kulturgeschichtlichen Standpunkte aus wollen wir einmal eia Büchlein von kaum 101) Seiten betrachten, das ein Zufall mir vor kurzem in die Hände spielte. Denn „Moses Mendelssohn, der Weise und der Mensch. Ein lyrisch-didaktisches Gedicht in vier Gesängen von M. C. Ph. Conz. Stuttgart 1787" (so lautet der Titel des Buches) in seinem poetischen Werte zu würdigen, dazu liegt, wie wir noch sehen werden, keine Veranlassung vor; und es dürfte wohl kaum ein Literarhistoriker von Fach von der Existenz der Dichtung wissen, geschweige sie gelesen haben. *vr*H*jrsjrsif*jf>*K^ */ in Stomiftm bei go&. %>tmh äftflieti *787. Originale-Titel,, verkleinert. Wer ist Carl Philipp Conz gewesen? Ein Heimatsgenosse Friedrich Schillers, nur drei Jahre jünger als dieser, in Jena ein Hausfreund des grossen Dichters. Er hatte in Tübingen Theologie und Philologie studiert, war längere Jahre Pfarrer und Diakon, bis er endlich (ein Jahr vor Schillers Tode) ordentlicher Professor der klassischen Literatur und Eloquenz in Tübingen wurde, wo er vor 80 Jahren (1827) gestorben ist. Wir besitzen sogar eine recht drastische Personalbeschreibung des gelehrten Mannes, die wir, um ihres berühmten Autors willen, hierhersetzen wollen. GustavSchwab erzählt in seiner Schiller- Biographie (Stuttgart 1840, p. 462) folgendes: „Viele Männer unseres Schwabenlandes von mittlerem Alter erinnern sich von ihren Tübinger Studentenjahren her recht wohl eines mit Fett gepolsterten Kopfes, dem die Wangen zu Mund und Äugen kaum Platz Hessen. Der ganze dicke Leib rührte Sich nur schwerfällig, und die Lippen brachten, in Gesellschaft oder auf dem Katheder, Töne hervor, die mit Mühe sich zum Artikulierten steigerten. Aber wenn der Mann ins Feuer kam und die blauen Augen freundlich zu leuchten begannen, so lösten sich die Worte allmählich verständlicher von der sich überschlagenden Zunge: feine Bemerkungen, gewürzte Scherze, sprühende Funken Geistes, selbst tiefere Gedanken und gelehrte Untersuchungen Hessen sich unterscheiden, und man konnte dem stammelnden Lehrer der Beredsamkeit das Zeugnis des alten Poeten nicht versagen: In uns waltet ein Gott, sein regend Bewegen erwärmt uns.

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