Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Die Tochter Jephta
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 543 - 544 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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543 Richard Huldschiner: Die Tochter Jephta. 544 Schlank wie die Gerte der Weiden Auf dem Berge Libanon, Und hob die Arme nnd sang . Und beweinte ihr frühes Sterben Im Jungfrauenalter. Auf den Bergen weinte sie da Und warf ihre Klagen hinaus In den Wind Vom Berge Ramah, Und gab sie dem Wehen Das nächtlich aus der Wüste emporsteigt — Königstochter! Wir klagen mit dir. Unsere Haare hängen Trauernd herab, Unsere langen, seidigen Haare, Die knistern, wenn des Geliebten Hand Liebkosend darüber hinstreicht . . . (Der Gesang verhallt leise im Morgengrauen.) Jobeka: Was zittern deine Hände, Amme? Amme: (eilfertig) Das ist vom frühen Morgen, ist vom Fasten . . . — Ich weiss nicht — ist vielleicht vom Südwind; Ich bin schon alt . . . Jobeka: Du, alt? Amme: Sehr alt, seit dieser Zeit, Da jephta heimgekehrt vom Kriege. Jobeka: Was sangen sie? Amme: Ein Trauerlied — Jobeka: (träumerisch in die Ferne starrend) Ich stand in diesen Wochen oft allein Hoch über unsern Zelten auf dem Berge Und hört' den stillen Atem ihrer Einsamkeit, Und dachte nach, ein ganzes Leben . . . Ists nicht genug, zu wissen, dass Das Licht des Tages freudvoll ist, und dass Kein einzig Leben kann erlöschen, das Nicht auch ein anderes an sich entzündet hat? So arm ist keiner, dass er nicht Bei einem hinterliess ein Trauern. Und als ich dies erkannte, wurd ich froh Und alle Angst versank ins Wesenlose. Die Myrthe hebt die Krone froh empor, Und sinkt sie auch, noch hat sie Schwestern, Und nimmer leer wird diese Welt Vom Hauche ihres zarten Atems. Amme: Wie du, ist keine, keine . . . (s*e hebt eine der Haarflechten Jobekas empor und drückt einen Kuss darauf.) Ach, dies Haar! Ich sah es wachsen. Als du kamst zur Welt, Da hattest du ein dunkles Häubchen Von seidenweichem Haar, so fein, dass, wenn Ich küsste, zerging der Hauch Wie Schnee auf meinen Lippen. Du sogst an meiner Brust, ich hielt dich Wie eine Krone stolz im Arm Und lauschte auf den leisen Schlag Des Herzens, der eilfertig ging und wieder ging. Du warst sehr still und machtest Mir niemals Müh. Ich sass an deiner Wiege. Ich sang .... Jobeka: Was sangst du noch? . . . ich weiss — Als ich schon älter war, vielleicht fünf Jahre, Da sangst das Lied vom Reiter du . . . (sie beginnt leise zu singen) Reiter! Reiter! wohin? Lanze hast du und Schwert . . . Willst du nach fernen Landen ziehn? Ist dir die Heimat nicht wert? Reite nicht, Reiter! o schau! Grün ist der Wiesenplan, Wasser genug hat die Au . . . Wer hat dir Leides getan? Feige und Myrthe und Wein Grünet vor meinem Zelt. Und meine Herde wird dein Und meines Vaters Feld. Und meiner Arme Band Schliesset dich warm. Wer seine Heimat fand Kennt keinen Harm. Reiter! Reiter! wohin? Lanze hast du und Schwert . . . Willst du nach fernen Landen ziehn? Ist dir die Heimat nicht wert? Es klingt mir noch, das kleine Lied, Liebkosend nach; der Reiter zieht, Die Sehnsucht bleibt und blickt vergebens in die Ferne (sie hebt ihr Haupt zum Fenster) Der Tag! Der Tag! Schon wird der Himmel hell Lind seine Sterne schwinden mählig, Nun gilt kein Säumen mehr. Was hast du da? Amme: Ein weisser Schleier ist es, nie getragen . . . Mit purpurrotem Saume — Jobeka: Und die Spangen? Amme: Für deine zarten Arme. Lass sie mich Noch küssen, eh das schwere Gold Ich um sie lege. Jobeka : (hält ihr still die Arme hin) Hast du auch Mir Schuhe mitgebracht? Amme: Auch das. Sandalen, weiss, vom feinsten Leder Aus eines Milchkalbs Haut gemacht. Sie sollten für deine Hochzeit sein. Sie sollten tragen dich, wenn du Dem Gatten würdest zugeführt von Vaters Hand, Und wenn der Priester über euch Den Segen spräche. Ach, wie träumte ich So oft davon! Ich dachte, dass dich nur Ein König dürfte führen in sein Haus, Ein stolzer Stammesfürst in Israel. Ich aber wollte tragen deiner Schleppe Saum Und wollte wachen nachts vor deinem Zelte. Jobeka: Als Jungfrau sterbend, darf ich auf .Sandalen Zum Tode schreiten, darf Den weissen Mantel sterbend um mich breiten. Und wenn du wachen willst, so wache denn An meines Scheiterhaufens stiller Reinheit. Amme: (schluchzend): Gott wird mir bald vergönnen, dir Im Tod zu folgen.