Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Die Tochter Jephta
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 545 - 546 (sequence 7)
- Language
- German
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545 Richard Huldschiner: Die Tochter jephta. 546 Jobeka: (ekstatisch) : Mach mich schön! So schön, wie ich noch nie gewesen bin. Mich dürstet, weiss zu leuchten wie Die Sommerwolke über grünem Lande. Mach schön mich für den Bräutigam, Der mich im Schmerz des Tods entrückt . . . (Sie sieht an sich herunter und betrachtet lange ihre weissen Hände.) Amme: (will ihr einen Schleier um Kopf und Hals legen.) Jobeka: Nein nein! den Hals lass frei! Sie sollen Des Lebens Quell nicht lange suchen müssen. Ich biete Gott mich willig dar Wie ein von Sommers Glut gedörrter Weinstock, Der seine Blätter froh dem Regen gibt . . . (Im Oarten hebt sich wieder Musik.) Die TÖChter Israel (unter dem Fenster). Es war kein Richter in Israel, Und die Not des Volkes war gross. Es klagten in den verwaisten Hütten Die Frauen, die Hürden waren leer, Zerstampft die Felder, die Brunnen ausgetrocknet, Den Wüstentieren gabst du uns zum Raub. Doch siehe! es erhob sich uns ein Schwert, Von Jobekas Mund geküsst, Geküsst zum Kampf und zum Tod der Feinde. Soll nicht jubeln mein Herz, Da Freude ihm ward und Rettung? Ja, Frucht wird dem Frommen Und Wasser dem Dürstenden! Von allen Töchtern Israels preise ich hoch Jobeka. Breitet ihr willig die Hände Unter den Schritt ihres Fusses, Dass sie weich einhergehe, Nicht fühle die Härte des Weges! Streuet Rosen und singt: „Feundin!. Jungfraun sehen auf dich; Dein Name wird ewig währen, Und wo eine Jungfrau errötet Unter dem Kuss des Bräutigams, Da wird ihre zitternde Seele sprechen: Dir danke ich meine Liebe, Jobeka!'' Jobeka: (mit ausgebreiteten Armen gegen das Fenster und die steigende Morgenröte gewandt): Wie sollte weinen, wessen Namen Die Mädchen nennen, wenn sie in dem Zelt Am Rocken sitzen, oder an den Brunnen Des Abends Wasser holen! Königlich Ist mein Geschick. Ich preise dich, mein Gott! Du sendest gnädig deiner Sonne Licht, Dass sie die letzte Stunde mir erhelle. Nicht freundlich ist die Nacht mit ihrem Schweigen, Das wie ein Mantel Trost und Hoffnung schwer Verhüllt. Da kämpft der Mensch und beugt Sein Haupt, und seine Tränen Verrinnen spurlos in des Bodens Sand; Da sendest, Herr, mit deines Atems Hauch Du frohe Sonnenstrahlen, deines Willens Beschwingte Boten, und wir sinken in den Staub Und stammeln deinem Namen Dank. Du hast mich auserwählt, mit meinem Leben Dir zu dienen; sieh! ich bin bereit, Und froh und furchtlos folg ich deinem Rufe . . . (Geräusch betender Stimmen kommt näher) Die Amme: (wirft sich zitternd zu Boden und küsst leidenschaftlich Jobekas Füsse) Sie kommen. Steh uns bei, Gott Israel, Und lass uns nicht verzagen jetzt Und dort in unserer letzten Stunde! (Der Vorhang zur rechten öffnet sich. Die zehn Aeltesten treten herein, hinter ihnen, das Haupt von einem Mantel verhüllt, Jephta. Die Männer verbeugen sich vor Jobeka und stellen sich ihr gegenüber auf. Die Arnme liegt regungslos am Boden.) Jobeka: (steht still am Fenster, von der Morgenröte angestrahlt, wie in einer Glorie) Ich grüsse euch! Ihr kommt, mit mir zu beten? Mein Leib ist rein, und meine Seele Harrt andachtsvoll der Opferung. Die Männer: (beten gen Osten gewandt das Sterbegebet): Lass walten, Herr, in voller Grösse Du deine Kraft, wie du verheissen! Gedenke des Erbarmens, Herr, Und deiner Huld! Der Vorbetende: Es möge werden Erkannt der hohe Name Gottes in der Welt, Die er geschaffen hat nach seinem Willen! Es komme bald zu uns sein Reich Und seine Herrschaft! Bald! Bei unserm Leben und In unsern Tagen! Die Männer: Sei gelobt in Ewigkeit Dein grosser Name, Gott! Der Vorbetende: Gelobt, gepriesen Verherrlicht und erhöht in seinem Glänze sei Der Name des Geheiligten! Erhaben ist Sein Name über jedes Lob und Lied Und über jeden Segensspruch, Den sprechen kann der Mensch in dieser Welt. Die Männer: Der Name Gottes sei gelobt, nun und In Ewigkeit! Der Vorbetende: Des Lebens Fülle und Des Friedens komme über uns Und über Israel vom Himmel! Amen! Die Männer: Die Hülfe ist bei Gott, dem Herrn, Der Himmel schuf und Erde! Der Den Frieden schuf in seiner Höh, der schaffe Auch Frieden unter seinem Volke! Amen! Alle Männer: (treten vor mit erhobenen Händen, deren Finger sie so spreizen, dass zwischen Zeige- und Ringfinger eine Lücke entsteht, und sprechen den Priestersegen): Es segne dich Gott und behüte dich! Es lasse dir leuchten der Herr Sein Angesicht und begnade dich! Es wende der Herr sein Angesicht Dir zu und gebe dir Frieden! (Alle ausser Jobeka verharren im stillen Gebet. Das Zimmer wird immer mehr vom Licht des steigenden Tages überflutet. Jobeka vermag keinen Blick vom strahlenden Morgenhimmel zu wenden. Da hebt sich draussen noch einmal der Sang der Töchter Israel: Klaget, ihr Mädchen, um Israels Schönste, Die noch im Jungfrauenalter dahinging. Weiss war ihr Antlitz und rötlich Wie erste Ahnung des Tages, Leicht ihr beflügelter Gang, Wie einer zarten Wolke Weg Ueber den Bergen..... Klaget, ihr Mädchen! Mannes Liebkosung hat nie Jobeka genossen;