Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Die Tochter Jephta
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 541 - 542 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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541 Richard Huldschiner: Die Tochter jephta; 542^ Und Hülfe hoffen, da es dann zu spät ist? Ich sah in tiefer Nacht beim Gilgal oben Die Priester ihre Rüstungen betreiben, Ich sah den Platz umhegt, die goldenen Gefässe, sah das Messer auch, Jobeka . . . Jobeka: (still mit sanfter Klage): O sprich nicht weiter so, dass ich im letzten Denken Nicht grausam dich, o Abdon, nennen muss. Abdon: Vergib! Vergib! Ich weiss nicht, was ich rede, Das Herz zieht sich in grausem Weh mir wild Zusammen. Schon bricht an der Tag, Entflieh mit mir, o komm! Ich höre Schon Menschen reden auf den Strassen. ---Ein roter Streifen Licht liegt auf dem Bisamberg; Und in den Pferchen regen sich die Kühe. Ich sehe Fackeln auf den Dächern, O komm, Jobeka, komm! zum letztenmal Ruf ich bei deinem Namen dich . . . Jobeka: (Kaum hörbar, aber fest): Es ist zu spät. Ich hab mich Gott geweiht. Was Gott gehört, gehört ihm ohne Wanken. Abdon: Es nähern Schritte sich der Kammer . . . (fast schreiend) : Ich höre leise gehn! O komm Zu mir! Mein bist du, komm! Jobeka: Ich hab mich Gott geweiht! Ich bin Nicht mehr mein Eigentum. Abdon: Vorbei! So mag mit dir mein Hauch in Wind verwehn! Auch mich wird diese Stunde sterben sehn . . . (Er verschwindet. Der Wipfel des Baums bewegt sich heftig hin und her. Dann Rufe. In der Ferne sanftes Spiel einer Flöte.) Jobeka: (Verharrt immer noch regungslos auf den Boden gekauert und von ihren Schleiern wie von einer Wolke verhüllt. Dann still vor sich hin sprechend): Du meiner jungen Tage Traum, du stirbst Im Schatten still. Ich ging einher Mit blossen Füssen, tanzte froh Auf leichtem Rasen, grüsste Nacht und Tag Und Schlaf und Wachen mit der gleichen Liebe. Ich sah dir, Sonne, fröhlich nach und badete Mein Haupt in deinem Lichte, Mond. Ich ging durch dichten Wald, wo Baum an Baum In ihrer Kronen rauschendem Gewühl Sich drängte, und nur hier und dort Sah wie das ferne Schimmern froher Zukunft Ein Stückchen dunstger Ferne blau mich an. Wie gross ist dieser Wald! Er hat kein Ende. Was fern ist, bleibt mir fern in Ewigkeit! Du meiner jungen Tage Traum, du bist, Ein Sturm, der Wolken türmt zu Häuf; Du bist das Meer, das seine Wogen wälzt Vom Westen her in grünlich-blauen Scharen, Und dessen letzter Wellenschaum Auf weissem Sande tönend stirbt; Du bist ein Regenbogen nur, Der immer fern bleibt, immer ferner schwindet Dem Wanderer---- du bist ein Mannesarm, Der wild und fest um meinen Nacken Sich legt--o stirb, mein Traum! Der Nebel hüllt mich ein, die Ferne schwindet, Ich halte meine Hände vor der Brust Und gehe still den steilen Pfad--- (Ihre Worte verlieren sich immer mehr in einem stillen Murmeln; da; wird der Vorhang zur rechten zurückgeschlagen, und es erscheint die Amme eine ältliche grosse Frau, die einen Kasten mit Kämmen, Nadeln und. Salbenbüchsen vor sich her trägt. Sie steht zuerst eine Weile still, sieht schmerzlich auf die Kauernde, dann tritt sie behutsam vor): Mein Täubchen, betest du? Jobeka: (aus ihrer Betäubung erwachend) Du willst mich schmücken, Amme? Amme: (mit trocknen Lippen, kaum fähig zu sprechen) Ja. (Sie stellt den Kasten auf ein Tischchen.) Jobeka: So komm! Amme: (bricht plötzlich in verzweifeltes Weinen aus, wirft sich vor Jobeka zu Boden und küsst den Saum ihres Kleides) Mein Täubchen du . . . mein weisses Lamm . . . Mein Cedernapfel . . . Jobeka: Still! nicht weinen! Wenn du mich lieb hast, weinst du nicht. Ich bin so froh-- Amme: Vergib du mir! Ich weiss Nicht, was ich tue. Diese Nacht hat mich So krank gemacht. Ich bin ganz still-- Ich bringe Salben dir und Kämme Von Ebenholz und hellem Horn. Und Schleier, Spangen für den Arm. Ich habe meine Hände mir mit Oel Gewaschen, dir nicht weh zu tun, Wenn ich das Haar dir schlichte. Ich will so zart sein, wie die Mutter war-, Die dir so früh gestorben ist. Ich will Nicht sprechen, wenn du Stille wünschest, Und will dir singen, wenn du willst, Ein Lied, wie ich es dir so oft gesungen, Als klein du warst, ein Püppchen, grösser nicht Als so . . . mein Täubchen du, soll ich dich hier Auf diesem Stuhle schmücken, oder willst Du lieber auf das Ruhebett dich legen? Jobeka: Nein, bleib! Die Amme: (nimmt ihr den Schleier ab, kniet hinter ihr nieder- und beginnt ihr das Haar aufzumachen) Dein Haar ist weich und seidig, Ein Wasserfall von dunklem Gold, Und kaum zu bändigen mit Kamm und Spange. Du bist sehr schön--o schön, wie keine Von Israels Töchtern. Ja, so mag Rahel vielleicht gewesen sein, da Jakob Den Stein vom Brunnen wälzte--- (Im Garten erklingt eine zarte Musik; dann setzt Gesang ein der Töchter Israel: (unter dem Fenster) Auf den Bergen hüteten wir, Schneeweisse Lämmer hüteten wir; Eine Königstochter unsere Gespielin! Wind vom Berge Rarnah, Was wehest du kalt Ueber die heisse Stirn!---- Still sassen wir in den Zelten, Tranken Milch und tranken Meth, Rund im Kreise ging der Schöpfnapf. Und es erhob sich des Königs Tochter,