Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Die Tochter Jephta
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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539 Richard Huldschiner: Die Tochter Jephta. 540 Geliebte, komm! ich fleh dich an. Gib mir Die Hand. Hier ist ein Seil, das ich Zu grösserer Sicherheit am Baum verknote . . . ... Du stehst und starrst mich an; ich sehe Dein Auge durch den Schleier feindlich leuchten, Jobeka-- Jobeka (richtet sich stolz auf. Dann visionär mit erhobenen Armen): Herr, ich sehe! Israels Kinder Wandern durch Wüsten. Weit der Weg, Heiss der Sand, Lechzend klebt Am Gaumen die Zunge. Irre Augen Sehen das ferne, Sehn das verheissene Land. Aber der Mächtige Schwingt die Peitsche. Schwache sinken, Und ihr Wimmern Stirbt wie Seufzen Klagender Winde. Gierig lauern Hinter Felsen Löwe und Schakal. Herr, mein Gott, Soll dein Volk Im Dräuen der Feinde Ganz vergehen? Aber du sendest, Gütiger Vater, Männer der Tat! Und aus Not und Knechtschaft sammelst, Herr der Heerscharen, Du dein Volk. Knecht wird Führer, Stark und froh Kämpft der Mann. Mirjam tanzt, Deborah preiset Jaels Tat-- Herr, ich sehe! Mir auch gabst du Deinen Atem, Gnade liehst du Deiner Tochter, Stolz zu sterben Für ihr Volk. Opferfreudig Steh ich hier Vor deiner Grösse. Dank dir! Dank! Ich preise dich. Jungfraun tragen Rosenkränze, Singen dir, Und du sendest Deine Sterne, Still zu strahlen Deinem Volk--- (Langes Schweigen) Abdon: (streckt verzweifelt die Arme nach ihr aus.) Jobeka, deiner Worte Sinn ist schwer. Jobeka: (erwacht langsam aus feierlicher Versunkenheit) Hab ich gesprochen? Ja? . . . ich sprach? Wenn ich gesprochen habe, weisst du auch Was tief in meiner Seele lebt. Ich habe Irdisches von mir getan, Wie ich die Rose hier an meiner Brust Entblättert lass zu Boden sinken. (geheimnisvoll) Doch weil ich sterbe, ziemt es mir Ganz wahr zu sein, und nicht nur nicht Zu sagen, was nicht sein kann, sondern auch Was ist, und sei es noch so leis und zart In meines Herzens Tiefen wie in einem Schacht Verhehlt, dir zu bekennen, Abdon, (Kummervoll, immer leiser werdend): Ich liebe dich, du warst mir meines Lebens Erlesne Hälfte, warst mir Krön und Fahne, Und deinen Namen sprach ich oft zur Nacht Mit scheuen Lippen lächelnd vor mich hin. — Gott will nicht, dass ich dir gehöre. In stiller Sehnsucht meines Herzens Von keinem Mann berührt, als Jungfrau will Ich rein auch sterben. Gehe hin In Frieden! denke mein! ich will Im Tode dich noch segnen, da du Licht Und Freude mir gegeben. {Sie nähert sich dem Fenster voller Hoheit und streckt die Arme aus.) Geliebter meiner Seele. Lass dein Haupt Von meinen Händen einmal decken. Ich will dich küssen, wie der Sterbende, Der Abschied nimmt. Mein Kuss ist rein, Und meiner Lippen Zittern weiss Von Gluten nichts, die Gott verletzen könnten. (Ihre Sprache verwirrt sich im Schmerz des Abschieds.) Abdon: (Neigt wortlos sein Haupt.) Jobeka: (Küsst ihn auf die Stirn, mit einem unendlich zarten Kuss, der wie ein Hauch ist. Dann tritt sie zurück, kauert sich, ganz in ihren Schleier gehüllt, regungslos zur Erde, während draussen am Horizont gelblich grüne Helligkeit sich immer mehr verbreitet.) Abdon: (Schweigt noch, von tausend Empfindungen schmerzlich zerrissen; dann plötzlich ausbrechend, in dumpfem Entsetzen): Das ist zu viel, Jobeka. Denkst du auch Daran, dass ich ein armer Mensch nur bin, Nicht heilig, wie du bist? . . . ach, dass du dies Gesagt! dass ich nun wissen muss, du liebst mich Und stirbst! hinschwindend wie das letzte Rot Des Tages fern am Himmel Ein Gruss den Menschen, die die Nacht Mit Grauen kommen sehen, dunkle Nacht! Ich soll es tragen, dass du auf den Scheiterhaufen, Ein stilles Opfertier, vom raschen Streich Des Messers hinsinkst! Dass dein Blut Zum Himmel dampft, die zarten Glieder Im letzten Zittern des entfliehnden Lehens Sich strecken! . . . Weisst du auch, Jobeka, dass Du es nicht wirst ertragen, dass du schreien wirst?