Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Die Tochter Jephta
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 535 - 536 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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535 Richard Huldschiner: Die Tochter Jephta. 536 Vor ihn; und was gelobt ihm ist, Das ist für immer aus des Lebens Buch Gestrichen. Diese Nacht ist deine letzte, Kind. Ich will Verzeihung nicht, ich bin Ja Werkzeug nur in seiner Hand. Dein zartes Leben aber jammert mich, Das, schüchtern kaum dem Licht des Tags erschlossen, Wie eine Blume nun dem ersten Reif Verfällt, und wie das Morgenrot, Kaum dass die Nacht vorüberging, Im grellen Licht des Tages spurlos schwindet. So mache denn bereit dich! bald, In einer Stunde, wenn die ersten Strahlen Der Bäume höchste Wipfel färben, Führt unser Weg zum Gilgal hin. (Er richtet sich langsam auf, das Haupt immer noch auf ihre Hände geneigt. Jobeka aber beugt sich zu ihm herab und küsst ihn langsam, zärtlich und voller Andacht., als sei es eine gottesdienstliche Handlung, auf die Stirn, worauf Jephta rückwärts schreitend die Arme über der Brust kreuzt und mit einer letzten Beugung des Haupts links seitlich durch einen Vorhang verschwindet.) Jobeka (immer noch am Fenster): Noch ist es Nacht---wie lange noch? Bald, bald schon werden Gileads Töchter Zum Brunnen gehn, dann wird Die Kette klirrend niederfahren, und Im klaren Wasser ihrer Eimer wird Das erste Morgenrot sich zitternd spiegeln, Der Himmel klar, und kalt die Luft. Und auf den Wiesen schwindet dann Im Hauch des jungen Tags der Nebel. Ich habe nie so früh gewacht, sah nie Der Nacht allmählich Schwinden, da der Tag Sie ohne Schonung jagt, gleichwie den Löwen Erzürnte Hirten . . . (Sie versA lmt, dann zitternd und leiser): Ach, wie wird es sein? Wird Gott mich treffen ohne Schmerz? Wird meines Vaters Hand mein Leben Auslöschen zart mit einem Hauch, wie wenn Ein Mund ein flackernd Lämpchen still vergehen macht? --Ich bin so jung. Mir ist, als ging ich gestern erst Zum ersten Mal mit eignen Füssen; Ich höre noch mein traumhaft Lallen, Mit dem ich Sonne, Mond und Himmel grüsste; Ich seh mich kindisch nach den Sternen greifen Und meiner jungen Glieder langsam Reifen. Ich bin so jung. Und leg ich meine Hand Auf meiner Brüste leises Wogen, So fühle ich des Herzens zarten Schlag, Von lauten Wünschen nie beschleunigt. --Wie schön ist diese Welt! Wie steht so hoch Die Palme über Myrtensträuchern Und neigt im Winde stolz ihr Haupt! Wie fröhlich ist der Wolken heller Reigen, Der sich am Himmel drängt! Das Abendrot, Wie hold mit seinem frohen Grüssen! Wie schimmert silbrig-v/eiss des Oelbaums Blatt, Wenn vom Gebirge kommt der leichte Hauch! Wie schön bist du, o Mensch!---■------ Was weiss ich Vom Menschen? . . . doch ... die jungen Krieger, Sie tragen goldne Ringe um den starken Arm, Und ihrer Augen dunkle Nacht strahlt stolz Mich an. Und legt ein Mann den Arm Um einer Jungfrau scheue Hüfte, Dann klopft ihr Herz in schnellem Takt, Und ihre Augen füllen sich mit frohen Tränen. Ich weiss, wenn sich der Abend senkt Und Kühlung über Tal und Weiden breitet, Wenn sich die Schatten fernhin lagern Wie satte Kühe an des Baches Rand, Dann schwärmen die Verliebten aus; Das Mädchen lehnt den Kopf an Mannes Schulter, Und ihre Arme sind verstrickt, Und leise Worte gehen traumhaft her und hin. Ich sah sie oftmals wandeln, wenn ich vor Dem Zelte sass da unten in den Bergen, Mein Sehnen aber gab ich ihnen mit. Ich dachte wohl, dass auch um mich Einstmals ein Jüngling würde legen Den starken Arm, und dass mein Mund Zu seinem dürstend sinken würde. Ich weiss, dass Abdon — — (Sie schlägt die Hände vor das Antlitz, in sehnsüchtiges Sinnen versunken. Aber diese Regung geht schnell vorüber. Sie hebt die Anne gegen das steigende Licht im Osten, das in hellgrünem Streifen Himmel und Erde scheidet.) Ach, wie schnell Steigst, Licht, du jetzt empor. Und deine Harfen, O junger Tag, erklingen brausend Von Ost zu West. Das Grün der Bäume Hebt froh aus nächtgem Schatten sich. Wie bist du schön, du junger Tag! Ein Pfirsichbäumchen, weiss und rot Am grünen Bach, ein Wölkchen licht Wie junger Schafe leichte Wolle, und dein Duft Ist süss und herb zugleich und dünkt mich besser Als Myrrh' und Ambra. (Sie atmet tief. Auf dem Hofe leises Geräusch. Die Aeste der linken Terebinthe bewegen sich, als ob jemand den Baum schüttelte. Jobeka tritt wie erschrocken einen Schritt zurück. Aber wie die Unruhe im Baum fortdauert, teilen sich seine Zweige, und in der Höhe des Fensters erscheint Abdons Antlitz. Der Jüngling legt einen Finger auf den Mund und schwingt sich noch weiter empor, sodass nun sein ganzer Körper am Fenster sichtbar wird. Jobeka hat die ganze Zeit in jähem Erstaunen geschwiegen; nun aber errötet sie und schlägt die Hände zitternd vor der Brust zusammen.) Abdon: Jobeka! Jobeka: Abdon, du? In stiller Nacht! (Sie schlägt den Schleier vors Gesicht.) Es ziemt sich nicht, dass eines Mannes Verwegnes Antlitz sich der Jungfrau aufdrängt. Was willst du hier vor meinem Fenster? Erschlichnen Weges . . . Abdon: Ach, es ist nicht Zeit, Der Worte viel zu machen. Komm Jobeka! Ich rette dich, wenn du dich mir vertraust. (Zitternd vor Liebe und Trauer.) Jobeka! Komm! Vertrau dich meinen Annen. Mein Pferd harrt schon gesattelt dort im Garten. Ich trage dich wie Sturmwind mit mir fort. Ich liebe dich, Jobeka, und ich will Nicht, dass du stirbst. Jobeka: (Immer weiter vom Fenster zurückweichend.) Hab je ich dir gezeigt, Dass deinem Blicke ich Erhörung lieh? Hab je ich dir ein karges Zeichen nur,