Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Die Tochter Jephta
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 533 - 534 (sequence 1)
- Language
- German
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533 534 DIE TOCHTER JEPHTA.C Ein dramatisches Gedicht von Richard Huldschiner. P ersonen: Jephta, der Richter Die Amme Jobeka, seine Tochter Die zehn Aeltesten Abdon Chor der Töchter Israels. (Das Recht der Aufführung vorbehalten) (Eine Stunde vor Tag. — Das Frauengemach im Hause Jephtas. Ein grosser Raum. Mit Fellen und Teppichen belegte Ruhebänke. Ein breites offenes Fenster geht auf den von niedrigen Mauern umsäumten Hof hinaus, auf dem, im Dunkel der Nacht kaum sichtbar, zwei Terebinthen stehen, deren Wipfel das Fenster links und rechts einrahmen. Darüber hinaus freier Blick in die baumlose Ebene. — Im Hause tiefe Stille. — Jephta. der Richter, ein kräftiger Mann mit vollem, grauem Haar kniet im Vordergrund, gen Osten gewendet und betet. Er ist waffenlos und ganz in Linnen gekleidet. — Am Fenster stellt Jobeka. Sie hat den linken Arm über sich auf den Fensterpfosten gelegt und stützt das Haupt darauf, •die Beine ein wenig übereinandergeschlagen in einer leicht ruhenden, sehnsüchtigen Stellung, mit Augen, die träumerisch in die Ferne sehen. Sie spricht, mehr für sich, als an den Vater sich wendend, der zudem ganz in sein Gebet versunken ist.) Jobeka: So sinkst du hin, du tiefe Nacht, vergehst in Stille. Schon weht vom Berge kalte Morgenluft, Die Terebinthen rauschen leise Und schlagen ihre Zweige sanft zusammen, Erschauernd so wie ich vorm Licht des Tages. Noch ist der Himmel schwer von Nacht, Und seine Sterne funkeln still, als galt Es, hundert Jahre so in trautem Farbenspiel Zu leuchten, ja als käme nie ein hellrer Glanz, Der ihre goldnen Herden jäh verschlingt. Noch klingt das leise Tönen dieser Nacht, Als kam aus unterirdschen Höhlen ferner Ruf, Das Klirren goldner Becken weit im Schoss Der Erde; noch kein Laut in Haus und Stall. Ich aber seh im Geist die Sonne still sich heben. Ich kenne sie, -ich hab ihr oft ins Antlitz, Ins feuerstrahlende geschaut, Bis grün ihr Schild, von rotem Rand umwunden, Jenseits geschlossnem Lide sank und sank, Und immer, wenn ich ihn emporzuheben dachte, Von neuem sank in purpurrote Nacht. Ich kenne, Sonne, dich, ich lief dir oft Entgegen, weit die Arme ausgestreckt, Vom Berg hinab ins ebne Land Und mit der Schwalbe um die Wette. (Sie horcht plötzlich in die Nacht hinaus) Horch! zwitschert da nicht etwas unterm Dache? Mein Schwälbchen, bist du wach? Nein, nein 's ist alles still noch, alles schläft. Und doch, mein Gott! Die Sonne naht . . . (Ein Laut des Schmerzes, der vom Vater kommt, macht sie zittern. Jephta hat sein Gebet beendet, kniet da, das Antlitz gen Himmel gewandt, die Hände mit nach oben gekehrten Flächen erhoben, in einer Gebärde der Ergebung in Gottes Willen). Vater! Vater! Jephta: Kind, Ich höre deine Stimme wie durch Tränen; Nicht deine Tränen, meine sinds, Die wie ein dichter Schleier mich verhüllen. (zitternd): Wie weit ist schon die Nacht? Jobeka: Zu Ende bald. Jephta: Zu Ende bald! Ich kanns nicht sehn. Ist schon Ein lichter Schein im Osten? Jobeka: Ja, vielleicht . . . Ich weiss nicht . . . doch . . . ein roter Saum, Hebt langsam sich empor. Jephta: Mein Kind! (Er schleppt sich auf den Knien zu ihr hin) Ich liege hier im Staub vor Gott, von dem Ein Teilchen du bist, Kind. Gib deine Hand, Dass ich die trocknen Lippen darauf hefte! Jobeka: Wir wollen fröhlich sein, mein Vater, Da Gott mich ausersehen hat, zu sterben. Ist das nicht Gnade, für ein ganzes Volk Der Dank an Gott zu sein? Für alle stolz Zum Opferstock zu gehen und sein Haupt Dem Opfermesser schweigend darzubieten? Ich werde gehn, als ginge es zur Hochzeit, Und werde froh auf Ros und Myrrhe treten Und unter Palmen zweigen wandeln, Und lächeln will ich stolz dem neuen Tag, Von deiner Hand geleitet, Vater! Jephta: (Ganz zusammengesunken auf ihre Hand murmelnd): Ich war ein stolzer Krieger vor dem Herrn, Und meines Rosses Mähne wehte wie des Löwen; Und hielt ich in der harten Faust das Schwert, So fühlt ich kühnlich mich als Gottes Boten. Im Rausch der Schlacht, wenn die Trompeten bliesen, Und wenn der Staub der Wahlstatt mich Wie Qualm vom Opferbrand umwehte, Und wenn das Schwert des Lebens rote Quellen Dir, Gott, zum Lob in heissem Strahl erschloss, Dann dacht ich dein, geliebte Tochter, Und deines Lächelns, deiner Stimme, Die meiner Heimkehr froh Willkommen sprach. Von deiner Sorge wohlbehütet dacht ich Des Alterns graue Trage zu verbringen; Denn du warst meines Lebens höchste Krone. Nun hab ich dich dahingegeben. Gott sprach; ich warf mich in den Staub