Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Meine Tante Chane
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 523 - 524 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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523 Anna Schapire: Ä4eine Tante Chane. 524 ERNST JOSEPHSON. ERNST THIELS QALLERIE Spanischer Zwerg. ihr gab. und bei jedem bösen Wort, das von der Mutter kam. Anfangs war die Mutter nur böse und schlug und schimpfte, aber später, als sie das Schlimmste entdeckte! Das waren ein paar arge Monate für die kleine Chane. Die Mutter sperrte sie in die Kammer und Hess sie nicht vor die Tür. Ihre Tochter sei krank, erzählte sie den Nachbarn, und müsse das Bett hüten. Aber die Leute wussten plötzlich alles. Die einen hatten sie mit dem Bocher lachen gesehn, ein zweiter tuschelte, wie der kluge Bocher so Knall und Fall aus dem Haus geworfen war, und gestohlen hatte er doch wohl nichts, Ziffre Mendel aber lief umher und sagte allen Leuten, die es hören wollten, sie habe nie Vertrauen zu der Familie gehabt. Dann kam sie zur Mutter zu Besuch und wollte wissen, was Chane fehle. Chane dachte damals, sie müsse vergehen vor Schande und Schmerz. Der junge Leib wehrte sich gegen die schwere Bürde, er keuchte und bäumte sich, und der törichte Kopf war ganz angefüllt mit schweren Gedanken. Warum die Menschen so schlecht seien, und warum der Vater nicht mit ihr reden wolle, und warum die Mutter nicht lieber den Bocheraus der Stadt hole und ihr die Chuppe*) mit ihm stelle, dass sie sich nicht mehr verstecken müsse vor aller Welt. Sie mochte ihn gar nicht mehr, aber es war immer noch besser als das alles allein tragen, Aber die Mutter wollte nichts von dem Schuft hören, sie hatte andere Pläne. Ganz heimlich in der Stille wurde das' Kind geboren. Dann nahmen sie es ihr fort und schickten es in eine andere Gemeinde. Ein jüdisches Kind war es und sollte in einem jüdischen Hause leben, aber die junge Mutter sollte nichts von ihm wissen,, und die Leute auch nicht. Die wussten es doch und tuschelten und zischelten, dass Chane nicht wagte, den Kopf zu heben. Als sie wieder gesund war, brachte die Mutter sie zu den Verwandten in die Stadt, Chane war so müde und unglücklich, dass sie sich nicht recht darüber freuen konnte. Am liebsten wäre sie gestorben. Die Leute wussten auch hier alles. Hatte Ziffre Mendel geschwatzt oder hatte sich der Bocher verraten, sie redeteten und höhnten hinter ihr her, immerzu, immerzu, Sie wollte gar nicht aus der Stube, die Strassen und Kaufläden lockten sie nicht mehr. Und dann kam Srul Bär heim. Srui Bär, der Spassvogel, der sich unten in der Türkei herumgetrieben hatte und von dem man behauptete, er habe dort sogar seinen Talles**) an einen Muselmann verkauft, Srul Bär, dessen Geschäfte dunkel waren und von dessen Charakter man auch nicht das Beste wusste. Für den war sie gerade die richtige Frau, Kein guter jüdischer Mann hätte ihm seine Tochter gegeben, sowie er Chane seinen Sohn verweigert hätte,, Das gefallene Mädchen und der Abenteurer, die passten zusammen. Er nahm sie, er nahm auch die Mitgift, die die Eltern gaben. Wieder redeten die Leute. Aber als Srul Bär einen regelrechten Handel begann, wie die anderen, da wurden sie still. Und auch Chane wurde ruhig. Anfangs hatte sie sich vor dem schrecklichen Menschen mit den stechenden Augen gefürchtet, dann gewöhnte sie sich an ihn. Ihm machte das hübsche Meine Ding Spass.; er erzählte ihr viel und lehrte sie sogar das deutsche ABC. Bis er eines Tages fortfuhr und nicht wiederkam. Wieder sass Chane mit einem kleinen Kinde da und wollte sich die Augen ausweinen. Und. die Leute zischelten auch wieder: natürlich, der Lump, sie hatten es gleich gewusst, Aber diesmal nahm ihr niemand das Kleine weg. Die Verwandten richteten ihr einen kleinen Mehlhandel ein, davon lebte sie bis die Tochter *) Der Trauhimmel, unter dem die Trauung vollzogen wird. **) Betmantel,