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Ost und West · 1907-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1907) · p. Seite 521 - 522

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1907)
Article
Meine Tante Chane
Date
1907-08-01
Page
Seite 521 - 522 (sequence 5)
Language
German
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521 Anna Schapire: Meine Tante Chane. 522 aber ging an ihr vorüber und fährte ihn direkt zum Vater, der in der Stube sass und lernte. Chane schlich hinterdrein und machte sich drinnen zu schaffen, so dass sie alles hörte, was sie verhandelten. Die Mutter hatte den Bocher*) bei Verwandten gefunden. Er war ein feiner Kopf und ein armer Teufel obendrein. Angehörige hatte er nicht. Er schlief im Bethaus und ass nur zu Mittag, wenn mitleidige Leute ihn zu Tische riefen. Dabei wusste er ungeheuer viel, den ganzen Talmud hatte er gelesen und wichtige Abschnitte kannte er auswendig. Da hatte die Mutter gedacht, dass er wohl ein Jahr bei ihnen bleiben könne, um mit den Jungen zu lernen. Das bischen Essen kostete nicht viel und für Kleider wollte sie auch sorgen, alte Sachen waren genug vom Vater da. Der Bocher blieb. Anfangs war er schüchtern und schweigsam, aber das änderte sich allmählich, und die Mutter brauchte ihn beim Essen nicht mehr zu nötigen. Er entwickelte sogar einen Appetit, der ihr zu denken gab, während ihre sachlichen Bemerkungen über die schädlichen Folgen eines überladnen Magens wenig Eindruck machten. Die Mutter wurde immer kühler gegen ihn, aber Chane gefiel er immer besser. Er wusste von der Stadt zu erzählen, er schalt sie nicht immer wie die anderen, und dazu wurde er immer hübscher, seit er nicht mehr so hohlwangig und duckmäusig umherschlich. Und auch Chane wurde immer schöner mit ihren fünfzehn Jahren. Seit der Bocher da war, langweilte sie sich nicht mehr, und da sah man erst, was sie für schöne blitzende Augen hatte. Sie blitzte auch den Bocher mit ihnen an, und er fand langsam Gefallen an ihnen, genau so wie an ihrer Mutter Klössen. Aber niemand warnte ihn zu viel hineinzugucken, wie die Mutter vor dem vielen Essen warnte. Immer häufiger lachten sie sich an, drinnen wenn die anderen draussen waren, und auf dem Vorbau, wenn die anderen in der Stube sassen. Immer wärmer wurde ihnen dabei und immer stärker schoss das Blut in Chanes törichten jungen Kopf. Er lag nachts in der Kammer mit seinen drei Zöglingen, die schliefen so fest wie junge Hunde. Wenn Chane vorsichtig zu ihm hinüberschlich, denn ■die trägen Glieder waren jetzt flink und hurtig geworden, merkten die Jungen nichts und auch die Eltern, die in der Stube hinter dem Vorhang schliefen, hörten nichts. ERNST JOSEPHSON. FRAU JEANETTE RUBENSON. Als die Mutter endlich dahinter kam, gab es tüchtige Prügel. Der Vater verhaute den Bocher, Chane bekam ihre Ohrfeigen von der Mutter. Dann musste der Bocher sein Bündel schnüren. Xicht einmal Abschied durften sie nehmen. Chane sah ihm verstohlen durch das Kammerfenster nach. Die Mutter hatte ihm die Kleider wieder abgenommen, er trug die alte abgerissene Pekesche, in der er gekommen war, und schlich mit gesenktem Kopf und gebeugtem Bücken über den Marktplatz, so demütig wie damals, als er zum ersten Male ins Haus kam. Chane ballte die Fäuste, sie hätte sich nicht fortjagen lassen, wie ein räudiger Bettler, nein, sie nicht, Aber er war eben doch ein Chederjingel*) und hatte nur Mut solange es ihm gut ging. Fast widerwärtig wurde er ihr in diesem Augenblick. Nein, um ihn wollte sie nicht weinen. Das nützte ihr freilich wenig, es kamen so böse Zeiten für die junge Chane, dass sie kaum mehr wusste, um was ihre Tränen flössen. Sie flössen immerzu, bei jedem Schlag, den die Mutter *) einer, der immer im Bethaus hockt.

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