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Ost und West · 1907-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1907) · p. Seite 519 - 520

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1907)
Article
Meine Tante Chane
Date
1907-08-01
Page
Seite 519 - 520 (sequence 4)
Language
German
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519 Anna Schapire: Meine Tante Chane. 520 Beschäftigung als Stricken und Häkeln. Bs gab Yirtuosinnen unter ihnen, die ihre Kunst mit wahrer Hingabe pflegten; ihre gehäkelten Rosen standen den wirklichen in nichts nach, und wenn man bedenkt, dass sie haltbarer waren, musste man ihnen sogar den Yorzug geben. Aber wenn eine keinen Gefallen daran fand — und die junge Chane, die mit Eltern und Brüdern in einem der geräumigsten Häuser des Fleckens wohnte, fand leider gar keinen Gefallen an den herrlichen Mustern der Gespielinnen. Sie langweilte sich, sie langweilte sich eigentlich den ganzen Tag. Die Mutter trieb einen kleinen Eierhandel, der Yater war ein frommer Mann, der sich nicht gern mit weltlichen Dingen abgab, sondern lieber die Geschäfte der Frau überliess und dafür tagaus tagein aus der Thora lernte. Die Brüder lernten auch. Für Chane gab es gar nichts zu tun, denn fürs Geschäft war sie noch zu jung und zu dumm, und es schickt sich überdies nicht für ein Mädchen. Zum Lernen hielt, sie auch niemand an; man hatte sie lesen gelehrt, damit sie als verheitatete Frau einmal ihr Morgengebet herunterhaspeln konnte, mehr war nicht von Nöten. Sie hockte im Winter in der Stube und im Sommer im Yorbau, es war immer dasselbe. Die schwerfälligen Glieder waren zu dumm zur häuslichen Arbeit und der junge Kopf war womöglich noch dümmer. Yiel Gedanken steckten nicht drin. Wie es wohl in der Stadt aussehen mag, wo die Mutter Verwandte hatte, und wie es wohl ist, wenn man heiratet. Mitunter verschmolzen die beiden Gedankenreihen, und die junge Chane fragte sich, wie es ist, wenn man eine verheiratete Frau in der Stadt ist. Dann wurde ihr ganz heiss, und das junge Blut, das sonst langsam durch den trägen Körper schlich, kreiste plötzlich rascher und trieb ganze Wellen zu dem törichten Kopf empor. Ja, die Stadt, stundenlang konnte Chane sich ausmalen wie das ist, wenn man in der Stadt lebt, wo es richtige Strassen gab und richtige Kaufläden, in denen man alle Herrlichkeiten der Welt kaufen konnte. Ziffre Mendel, die in ihrer Wohnstube ein Warenlager eingerichtet hatte, brachte jeden Frühling von ihrer Geschäftsreise drei Stücke Kattun mit; das reichte gerad' für die ganze weibliche Bevölkerung und sogar noch zu Hemden für die Männer. Chane konnte sich den ganzen Winter ein grünes Kleid mit roten Punkten ausdenken; brachte Ziffre blau mit, so musste sie blau tragen. In der Stadt, oh, da geht man einfach in einen Laden nach dem anderen, und in jedem legen sie einem hundert Stoffe vor, und dann wählt man. Nun ja, das ist einfach und wenn man sich eine ganz merkwürdige Farbe ausgedacht hat, bekommt man sie auch; warum denn nicht! Die Mutter fuhr auch manchmal zur Stadt, aber sie nahm Chane nie mit und sie brachte nichts anderes heim als Tee und Talgkerzen zum Lichtben sehen.*) Für diese Dinge hatte sie dort eine billigere Quelle entdeckt als Ziffre Mendel. Ziffre Mendel nahm das übel und gestattete sich hier und da sarkastische Bemerkungen über die Brenndauer dieser Schabbeskerzen, aber ihre Worte blieben erfolglos, ebenso wie die Grimassen, mit denen sie den Tee hinunterschlürfte, den die Mutter ihr vorsetzte. Chane dagegen hatte keinerlei Interesse für Tee und Schabbeslichter; sie nahm daher auch die Pakete, wenn die Mutter sie ihr vorsichtig vom Wagen herunterreichte, stets mit grosser Gleichgiltigkeit in Empfang. Eines Tages aber brachte die Mutter mehr als Pakete # mit. Neben ihr auf dem Strohsack, der als Sitz diente, sass ein lebendiges Wesen, das sich als ein schmächtiger junger Mann mit eingefallenen Backen und einer grünlich schimmernden, etwas zerrissenen Pekesche entpuppte, als er ungeschickt hinter der Mutter vom Wagen hinunterkletterte. Chane, die gerade auf dem Yorbau herumlungerte, betrachtete ihn neugierig. Die Mutter ERNST JOSEPfiSON. MUSEUM GOETEBORG.; *) Das Gebet der verheirateten Frauen am Freitag Fra Göthilda Fürstenberg. Abend.

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