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Ost und West · 1907-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1907) · p. Seite 517 - 518

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1907)
Article
Meine Tante Chane
Date
1907-08-01
Page
Seite 517 - 518 (sequence 3)
Language
German
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517 Anna Schapire: Meine Tante Chane. 518 und gepflasterte Strassen. Sie hatte viel Verkehr, und ihre Bewohner waren sehr aufgeklärt. Es lag wohl manches durcheinander in diesen Köpfen an alter Talmudweisheit und deutschen liberalen Zeitungsphrasen, denn brave fortschrittliche Männer waren sie, und die Revolution von 48 fand viel Begeisterung bei ihnen. Sie taten blos nicht mit, das schickte sich bei ihnen doch nicht. Klug waren sie auch und verstanden ihren Vorteil. Erst trieben sie offen Handel mit Russland, und als man der Stadt ihre Privilegien nahm und die Freistadt aufhob, organisierten sie den Schmuggel vortrefflich. Es ging zwar nicht mehr so gut wie ehedem, aber dafür konnten sie nichts. HelLe Köpfe waren es, in ganz Gaiizien und noch drüber hinaus in Litthauen rühmte man ihren Verstand. Und aucli kühne Männer gab es unter ihnen, es war gar nicht so leicht für die Ersten, die Stirnlocken abzuschneiden und die langen Röcke zu kürzen. Später, da wurde es Mode, da schlichen selbst die halbwüchsigen Burschen am Samstag hinter die Stadt und rauchten eine Zigarette nach der anderen. Aber anfangs gehörte Mut zu allen diesen Dingen. Nun, sie hatten ihn eben und führten es aus. — In dem Marktflecken war alles anders. Von Strassen war überhaupt nicht viel zu sehen. Die hölzernen Häuschen der Bewohner standen rings um den grossen, unregelmässigen Marktplatz, jedes mit einem kleinen Vorbau versehen, der sich wie Bäuehlein eines sonst zerlumpten Bettelmanns vordrängte: eine lehmgestampfte Diele war es meist, die von breiten hohen Holzbalken eingefasst war, und drüber ein Schindeldach, das sich auf zwei hölzerne Säulen stützte. Die Säulen hatten sonderbare Ausbuchtungen und Beulen und waren rosa oder hellblau angestrichen. Aber die Farbe hielt nicht, und so schimmerte denn überall das wurmstichige Holz durch und bildete zusammen mit dem abgebröckelten Kalkbewurf der Wände einen trübseligen Anblick. Die Vorbauten wurden zu allerlei häuslichen Arbeiten, geschäftlichen Verrichtungen und geselligen Zusammenkünften benutzt. Die "Weiber sassen tratschend auf den Balken, das Strickzeug in den Händen oder ein Kind auf dem Schooss, die Männer hielten Ausschau, ob nicht ein Häuerlein des Wegs käme, dem man ein paar Eier abkaufen oder ein Gläschen Branntwein anbieten konnte, die Kinder spielten hier und balgten sich. Ihre wichtigste Aufgabe aber hatten die Vorbauten im Frühling und Herbst. Dann verwandelte sich der Marktplatz in ein wogendes übelriechendes Kotmeer, in das sich ein Fussgänger höchstens mit Röhrenstiefeln ausgerüstet hineinwagen konnte. Und da Röhrenstiefel ein kostspieliges ERNST JOSEPHSON. FRAU NENNIE OF GEIJERSTAM. das feiste Ding sind und überdies ein unbequemes Kleidungsstück, kletterten die Bewohner lieber von Vorbau zu Vorbau, wenn sie sich besuchen wollten. War der Abstand zwischen zwei Häuschen etwas grösser, so trat man gelegentlich auf einen Stein, der schon fürsorglich im Sommer hingelegt wurde, sonst schwang man sicli ruhig von Diele zu Diele und hielt sich an den Säulen fest. Man machte so oft gemächlich die Runde um die halbe Stadt, wenn man seinem Nachbar, der einem gerad vor der Nase wohnte, guten Tag sagen wollte. Es war etwas umständlich und zeitraubend, aber die Bewohner des Marktfleckens hatten ohnedies nicht viel zu tun. Ihre Geschäfte machten sie an den Markttagen ab, wenn die Bauern aus den kleinen Dörfern kamen. Die Bauern waren misstrauisch und die Juden vorsichtig, es gab viel Geschrei und viel Ueberredungskunst, aber schliesslich kam man zu Rande. An den übrigen Tagen der Woche dösten die Leute ruhig vor sich hin, die Burschen und Minner sassen viel imBeti haus, und studierten auch zu Hause ihre hebräischen Folianten, deutsche Lettern kannte kaum einer von ihnen. Die Weiber machten sich mit der Wirtschaft und den Kindern zu schaffen, am schlimmsten aber waren die Mädchen daran. Für sie gab es keine andere

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