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Ost und West · 1907-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1907) · p. Seite 515 - 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1907)
Article
Meine Tante Chane
Date
1907-08-01
Page
Seite 515 - 516 (sequence 2)
Language
German
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515 Anna Schapire: Meine Tante Chane. 516 nicht «ehr viel Namen von trauernden Hinterbliebenen enthielt. Am unangenehmsten aber berührte sie es, wenn der Tote in einem recht hohen Alter verschieden war. Dann haderte meine Tante Chane förmlich mit dem lieben Gott, vor dem sie sonst einen gewaltigen Respekt hatte, und warf ihm ziemlich unverblümt vor, warum er so einem alten Menschen, der sich sicherlich schon stark ans Leben gewöhnt hatte, nicht noch ein paar Jahre Zeit liess. Der Tod von jungen Leuten berührte sie weniger. Gott weiss, was denen noch für ein Schicksal geblüt hätte, manch einem ist das Leben so bitter, dass der Tod zur Wohltat wird, aber ein alter Mensch, der schon alles hinter sich hat, Leid und Freud, dem sind seine letzten Jahre immer lieb, und man sollte sie ihm nicht kürzen. Das war meiner Tante Chanes Lebensphilosophie, und sie richtete sich wenigstens selber streng nach ihr, was sich nicht von allen Verfechtern von Lebensphilosophien sagen lässt. Als das Sterben an sie kam, da kämpften die alten Knochen einen zähen Kampf, und der Tod hatte Mühe, bis er sie bezwang. Wochenlang lag sie in ihrem Dachstübchen und rang mit ihm schwer und bitter, bis sie doch allmählich den Kürzeren zog. Da wurde sie still ERNST JOSEPHSON. und verdriesslich und es gelang ihren Hausgenossen nur selten, sie aufzurütteln. Ein Mittel freilich hatten sie, und es bewährte sich bis zu allerletzt. Wenn die Kranke apathisch wurde, dann brauchte sich nur ihre Lieblings-Grossnichte — denn die Tante Chane war gar keine wirkliche Tante, man nannte sie nur aus Höflichkeit so — mit ihrem Strickzeug an ihr Bett zu setzen. Das Mädchen hielt die Nadeln ungeschickt zwischen den dicken Fingern, und darüber amüsierte sieh Tante Chane und lachte so, dass ihr grosse Tränen über die runzligen Wangen kollerten und der Tod erstaunt in seiner Arbeit einhielt. Aber es half ihr alles nichts; eines Tages lag sie tot in ihrer alten Bettstelle. Ach, Tante Chane, wenn ich an deine letzten friedlichen Jahre denke, dann dünkt es mich wie ein wirres Märlein, was sie mir alles von dir erzählt haben, und wenn ich mir dein runzliges verfallenes Gesicht vorstelle, dann scheint es mir unmöglich, dass es einmal schön war, sehr schön sogar, sagen die Leute. Was sagst du? ich soll nicht weiter reden? Die Schönheit, gerade die war dein Unglück und brachte dir soviel Leid, [.dass du damals gar den Tod riefst, mit dem du später einen so harten Strauss fochtest, und Schande brachte sie dir, sagst du, soviel Schande, dass du anfangs nicht wusstest, wie sie tragen! Ach, Tante Chane, es war wohl nicht die Schönheit allein, auch ein Tropfen südlichen Bluts wird mit Schuld gewesen sein. Das südliche Blut, das ihr von Urväterzeit mitgebracht habt in galizische Sümpfe und Sandflächen. Die Männer konnten es nicht verwahren, die hatten genug mit Talmud und Thora zu tun, über dem vielen Lernen, was die Väter gesagt und was sie gewollt, verloren sie 's; aber ihr Weiber, bei euch hielt es sich besser. Ihr tummelt euch mehr unter Gottes blauem Himmel und mehr auch in seinem. Kot, den er dortzulande nicht eben spärlich geschenkt hat. Die einen das Blut, die anderen die Lehre, es klappt nicht immer, wenn das zusammenstösst. Was sagst du? aufhören soll ich, du hättest es schwer genug gehabt, bis die Leute still wurden mit den alten Geschichten. Ach, Tante Chane, die Leute, denen ich heute erzähle, die wissen ja nichts von dir. Tritt nur still bei Seite und leg dich ruhig in dein Grab zurück, kein Mensch soll dich stören, ich erzähle die Geschichte eines jungen Mädchens. In einem galizischen Marktflecken war es, ein paar mühselige Wegstunden hinter einer grösseren Handelsstadt. In der „TANTE". Handelsstadt gab es gemauerte Häuser

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