Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Meine Tante Chane
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 513 - 514 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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513 514 MEINE TANTE CHANE. Von Anna Schapire. Nachdruck verboten. Wenn meine alte Tante Chane abends ihre Brille aufsetzte und nach der Zeitung griff, überschlug sie jedesmal mit einer nachlässigen Gebärde Leitartikel, Feuilleton und Depeschen. Ihr Interesse begann erst dort, wo das anderer Leute gemeinhin aufhört: beim Annoncenteil. Und auch bei den Annoncen fesselten sie nicht die Rubriken, in die andere Leute einen Blick werfen: Käufe und Verkäufe, Stellengesuche, Wohnungen, Heiratsgesuche und wie alle die schönen Einteilungen heissen, mit denen eine moderne Zeitung ihren Lesern aufwartet. Meine Tante Chane machte keine Gelegenheitskäufe, denn die Kreuzer klimperten nicht reichlich in dem alten schäbigen Geldbeutelchen; Arbeit suchte sie auch nicht, denn in dem muffigen Mehlgeschäft gab es mehr zu tun, als den alten Gliedern heilsam dünkte; und Wohnung — nein, die beiden kleinen Dachzimmer, die die Verwandten ihr grossmütig eingeräumt hatten, waren gerad das Schönste, was meine Tante Chane hatte. Diese Wohnung bot eine ganze Reihe von Vorteilen, die andere vielleicht nicht gleich übersahen, die meine Tante Chane aber sehr zu sehätzen wusste. Dass sie keine Miete zu, zahlen brauchte, war einer der geringsten ■< — meine Tante Chane war eine sehr noble * Natur, obgleich sie nie Geld genug besass, um sich ein gutes Kleid zu leisten. Bei ausserordentlichen Gelegenheiten mussten die Verwandten auch für die Garderobe sorgen, j. Aber durch die freie Wohnung war1 ihre £ Zugehörigkeit zur Familie ein für alle.-: Mal festgelegt und anerkannt. Mochten)" immerhin tagsüber Käufer die alte Frau" hinter dem morschen Ladentisch ein bischen über die Achsel anschauen und freche Weiber um einen Kreuzer so unentwegt feilschen, bis Tante Chane müde wurde und wirklich nachgab; wenn sie abends das rostige Vorlegeschloss an der blechbeschlagenen Ladentür zuklappte, war das alles abgetan. Dann wurde sie wieder das würdige, wenn auch verarmte Mitglied einer würdigen Familie und sass an einem soliden runden Tisch mit einer schönen grossen Lampe drauf, an der kein Petroleum gespart wurde. Ihre Hände waren röter als die der übrigen Hausgenossen. Das kam daher, dass sie Sommer und Winter hinter dem Ladentisch hockte und die blauen Pulswärmer, die sie bei kaltem Wetter trug, die alten Finger nicht genug wärmten. Ihre Kleider waren etwas staubiger und schmutziger als die der anderen: auch das hing mit dem Laden zusammen, und an beide Tatsachen hatten sich alle längst gewöhnt. Vielleicht schimmerte auch hier etwas herablassendes Mitleid durch. Mein Gott, so ein altes verhutzeltes Weiblein, das eigentlich Gnadenbrot isst —, der Vetter war froh, wenn das Mehlgeschäft kein Defizit ergab, das er auch noch decken musste. Aber meiner Tante Chane war Mitleid nicht schrecklich, und sie trug es ganz ruhig, ja sie fand es sogar richtig, dass ihr beim Nachtmahl zuletzt aufgelegt wurde und die Zeitung erst durch alle anderen Hände ging, ehe sie zu ihr kam. Ordnung muss sein, und es ist ein Unterschied zwischen einem reichen Geschäftsmann und einer kleinen Ladenfrau, wenn sie auch zur Familie gehört. Wenn aber alle anderen ihre Lektüre beendet hatten und die Zeitung an meine Tante Chane gelangte, dann feierte sie die gemütlichste Stunde des ganzen Tages. Sie drehte mit einem Handgriff die Blätter um und fing rückwärts auf der letzten Seite an. Dann suchte sie aufmerksam alle Todesanzeigen heraus und unterwarf sie einer sachgemässen Kritik. Sie fand es nicht hübsch, wenn die Anzeige nur einen bescheidenen Raum einnahm, es war ihr auch nicht recht, wenn sie ERNSTSJOSEPHSON. DIE MUTTER DES KUENSTLERS.