Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Narcisse Leven, Präsident der Alliance Israélite Universelle und der J. C. A., über die Tätigkeit der Jewish Colonisation Association im Jahre 1906
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 499 - 500 (sequence 4)
- Language
- German
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499 Präsident Narcisse Leven über die Tätigkeit der Jewish Colonisation Association im Jahre 1906. 500 die Ansiedler gewinnen aus ihrer Arbeit nicht nur ihre Subsistenzmittel, sondern auch die Möglichkeit, ihre Schulden an unsere Gesellschaft abzuzahlen. Die Kolonie Moisesville liefert gerade jetzt einen bemerkenswerten Beweis: Die beiden letzten Jahre sind für den Getreidebau sehr ungünstig gewesen und die vor einigen Monaten, zur Erntezeit, an uns gelangten Meldungen lauteten ebenfalls sehr beunruhigend. Aber dank der verschiedenen Zweige ihres Betriebes haben die Ansiedler trotzdem das zu ihrem Leben Nötige, gewonnen und uns noch eine Jahresabzahlung von ungefähr 110 000 Fr. leisten können. Die wirtschaftliche Lage schwankt natürlich, je nach den Kolonien und auch nach den verschiedenen Ansiedlern selbst. Einigen von ihnen geht es sehr gut (man nennt in Mauricio mehrere Kolonisten, die in diesem Jahr von ihren Luzerne- Feldern über 30 000 Fr. Einnahme hatten), andere sind weniger günstig gestellt. Im allgemeinen aber herrscht zui Zeit Wohlstand in unseren Kolonien. Die Ansiedier leben gut und zahlen uns von Jahr immer grössere Summen ab. Sie zahlten im Jahr 1900 72 820 Fr. „ „ 1901 221100 „ „ „ 1902 189160 ,. „ „ 1903 175 780 „ „ , 1904 214060 „ „ „ 1905 461640 „ „ „ 1906 614 900 „ Wir ziehen hier verschiedene andere Einnahmen nicht inbetracht, z. B. von Terrains und Immobilien, die von Jahr zu Jahr in gleichem Verhältnis zunehmen. Man sieht für das Jahr 1907 noch weit höhere Abzahlungen voraus. Die Ansiedler schicken auch von Jahr zu Jahr immer bedeutendere Geldmittel nach Eussland zur Unterstützung dort lebender Verwandten (im Jahr 1906 waren es über 163 000 Fr.). Sie beschäftigen eine immer grössere Zahl jüdischer Landarbeiter, wie im Jahresbericht aus der Bevölkerungstabelle der Kolonien zu ersehen ist, und viele Ansiedler machen beträchtliche Ausgaben zur Verbesserung ihrer Betriebe. Schliesslich gewinnt der Boden, auf dem sie angesiedelt sind und dessen Eigentümer sie mit der Zeit werden, in manchen Gegenden bedeutend an Wert Diesem materiellen Gedeihen entspricht die Entwickelung des sozialen Lebens; es ist jetzt so wohlgeordnet, dass es sich in voller Freiheit entfalten kann, und die Kolonien stehen fest genug, um sich selbst zu verwalten. Ihre Bevölkerung besteht aus Leuten, die desselben Ursprungs sind, dieselbe Sprache und dieselben Bedürfnisse haben, es sind demnach alle Vorbedingungen zur Verständigung vorhanden. Wir haben homogene Gruppen zusammengestellt, was unsere Aufgabe sehr erschwert hatte. In den Vereinigten Staaten hat man mit denselben Bevölkerungselementen das entgegengesetzte System der einzelwohnenden Pächter versucht, d. h. genauer gesagt: man hat einzelne Pächter mit der umwohnenden Bevölkerung zu vermischen gesucht. Man verzichtet aber allmählich auf dieses System; die Erfahrung hat gezeigt, dass man besser daran tut, richtige Kolonien zu begründen. Nachdem das Leben der Kolonisten gesichert und die Besorgnis geschwunden ist, dass wir bei etwaigem Missgeschick im Feldbetrieb für ihren Unterhalt würden eintreten müssen, können wir unserem Unternehmen eine weitere Ausdehnung geben. Alles begünstigt seine Entwicklung: man kann in Argentinien noch grosse Terrainstrecken erwerben, und wir haben tüchtige Arbeiter dafür. Das sind Leute, die ins Land gekommen sind, um den Feldbau zu lernen, die in unseren Kolonien eine Lehrlingszeit durchmachen und die wir nach ein- und zweijähriger Probearbeit für geeignet halten, als Ansiedler etabliert zu werden. Da wir jetzt die richtige Methode zur Entwickelung unserer Kolonien kennen, dürfen wir auch sagen, dass wir über ihre Zukunft beruhigt sind. Ihr Gedeihen wird durch die allgemeine Lage des Landes erleichtert. Argentinien hat seit einigen Jahren bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung genommen. Das Land bedeckt sich mit einem Netz von Eisenbahnen; die Beziehungen werden zahreicher und bedeutender; mit der landwirtschaftlichen Produktion verbundene Industrien werden neu geschaffen oder entwickeln sich weiter — was braucht es mehr für den Ackerbauer? Die Kolonien in Palästina, für deren Lebensfähigkeit ihr Begründer so viele Mittel hat hergeben müssen, stehen jetzt ebenfalls günstiger- Das Land ist gut, die Erde fruchtbar, und die Ansiedler haben genügend Land und entsprechende Ausrüstung bekommen, um sich ohne weitere Unterstützung durchzubringen. Wir haben den grössten Teil unserer Verwalter entlassen, die Kolonien verwalten sich selbst nnd die Kolonisten arbeiten ernsthaft. Die Verwaltungsform des Landes und der Modus der Steuererhebung allein halten den Fortschritt der Kolonisation auf. Ich habe die glückliche Entwickelung unseres landwirtschaftlichen Werkes so stark betont, nicht