Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1907) · p. Seite 497 - 498

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1907)
Article
Narcisse Leven, Präsident der Alliance Israélite Universelle und der J. C. A., über die Tätigkeit der Jewish Colonisation Association im Jahre 1906
Date
1907-08-01
Page
Seite 497 - 498 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583963-2588956--07391-2589044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

497 Präsident Narcisse Leven über die Tätigkeit der Jewish Golonisation Association im Jahre 1906. 498 Schiff, das sie zu wählen haben, tragen Fürsorge für sie bis zur Abreise, als wären sie verwandt oder befreundet, und schützen sie namentlich vor Ausbeutung und Verlusten, bis sie an Bord gelaugt sind. Unter Umständen haben wir uns auch eingreifender zu betätigen. Nach den furchtbaren Pogroms von 1905 beispielsweise stauten sich die vor Plünderung, Brand und Mord fliehenden Israeliten in den österreichischen und deutschen Grenzstädten. Sie wollten fort, nur fort, und wussten nicht wohin, und hatten nichts, womit sie gehen sollten. Das waren nicht eigentlich arme Leute; es waren Handwerker, die sonst von ihrer Arbeit lebten, Kaufleute, die gestern noch in behaglichen Verhältnissen, fast reich gewesen waren, nur augenblicklich durch den Pogrom ruiniert, und wohl imstande, ihre Existenz anderwärts neu aufzubauen. In herrlichem Wetteifer der Bruderliebe hatten die Israeliten Europas und Amerikas beträchtliche Summen zur Unterstützung dieser Unglücklichen aufgebracht. Unser Wunsch war, dass man diese Beträge für die vorbehalte, die daheim geblieben waren oder die man nach Kussland zurückführen niusste. Die Aufwendungen für die Auswanderung haben wir mit anderen Wohltätigkeits¬ und Wohlfahrtsinstituten auf uns genommen, und die Auswanderer sind in die Länder ihrer Wahl übergeführt worden. In Bumänien verfuhren wir vor einigen Monaten in gleicher Weise. Zahlreiche jüdische Familien, die durch den Aufstand oder durch Verwaltungsmassnahmen vom flachen Lande vertrieben waren, mussten unterstützt werden. Für die, die nicht auswandern konnten oder es nicht wollten, wurde das Hilfswerk durch die europäischen und amerikanischen Hilfsorganisationen geleistet. Die Kosten der Auswanderung nahmen wir vollständig auf uns. Die Ausführung des Werkes vollzieht sich unter der Leitung der Israelitischen Allianz in Wien. Ich kann Ihnen, meine Herren, kein vollständiges Bild von unserer Tätigkeit auf diesem Gebiet geben. Dürfte ich länger dabei verweilen, so würde ich Ihnen ein Wort sagen über alle die Institutionen, die in den Vereinigten Staaten von den amerikanischen jüdischen Gesellschaften zugunsten der Einwanderer geschaffen worden sind, und zu deren Unterhalt wir wesentlich beitragen. Gern hätte ich Ihnen auch von der Tätigkeit der Montreal-Gesellschaft gesprochen, die mit dem Empfang und der Unterbringung der Einwanderer in Kanada beauftragt ist. Ich beschränke mich auf die Mitteilung, dass soeben ein neues Comite in Montreal gebildet worden ist, dessen Aufgabe darin besteht, dem Bedarf der zunehmenden kanadischen Einwanderung zu begegnen. Zu den Kosten tragen wir in erheblichem Masse bei. Ich kann mir nicht versagen, Ihre Aufmerksamkeit einige Augenblicke festzuhalten bei dem unbestreitbaren Erfolg unseres landwirtschaftlichen Ansiedlungswerkes, namentlich unseres ältesten Werkes, das seine Existenz dem Gründer unserer Gesellscaft verdankt: den Kolonien in Argentinien. Sie wissen, wie gross die anfänglichen Schwierigkeiten gewesen sind. Die Schwierigkeiten lagen zumeist in dem Unternehmen selbst, das darin bestand: ohne Anleitung irgend einer Erfahrung — denn ähnliches war vorher nie versucht worden — alles von Grund aus neu zu schaffen, mit Menschen, die im Lande fremd waren, nicht seine Sprache noch seine Sitten kannten, in der Regel von Landwirtschaft nichts wussten, jüdische landwirtschaftliche Ansiediungen einzurichten, d. h. nicht blos jüdische Landwirte anzusiedeln, sondern Organisationen zu bilden, die-Lebenskraft genug besassen, um Wurzel zu fassen und sich zu entwickeln. Diese Schwierigkeiten wuchsen noch, als die ersten Ansiedler viel zu wünschen übrig liessen, und aus Mangel an Erfahrung die Grenzlinien zwischen reiner Wohltätigkeit und eigentlicher Kolonisationsarbeit verwischt wurden. Dass es bei Beginn tastende Versuche gab, dass Fehler begangen wurden, dass das Unternehmen sich mit einer gewissen Langsamkeit zu entwickeln schien — wen hätte das überraschen dürfen? Selbstverständlich hat man uns keine Art von Kritik erspart. Wir wollten kein glänzendes, sondern ein solides Werk schaffen, dessen Entwickelung nicht künstlich in die Höhe getrieben, sondern durch die eigene Lebenskraft erreicht werden sollte. Das ist uns gelungen. Nachdem die Kolonisten mit Getreidebau begonnen und damit infolge von Wetterungunst und Heuschreckenplage Fehlschläge erlebt hatten, sind sie allmählich dazu übergegangen, ausser dem Feldbau noch einige etwas weniger vom Wetter abhängige Erwerbszweige zu treiben: Viehzucht, Geflügelzucht, Milchwirtschaft, Luzerneanbau. Dann haben sie ihre Erfahrungen zur Verbesserung der Feldwirtschaft angewendet, so dass sie heute auf festen Füssen stehen und ihr Lebensunterhalt gesichert ist. Wie immer die Schwankungen und Zufälle des Landbaues auch sein mögen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.