Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Schalom Asch als Dramatiker
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 463 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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463 A. Coralnik: Schalom Asch als Dramatiker. 464 Gott der Rache und der furchtbaren Strafe, der die Sünden der Väter an den Kindern ahndet, der „am dritten und vierten Geschlecht" seinen Zorn für die Vergehen der ersten Generation stillt. Eine ewige, schicksalschwere Frage, die in dem alten lapidaren hebräischen Satze wie ein Verzweiflungsschrei klingt: „Unsere Eltern haben sauere Trauben gegessen, und die Zähne der Kinder werden stumpf davon"! Aber die Tragödie beginnt erst dann, wenn die Strafe den an und für sich Unschuldigen trifft, den von eigener Sünde Nichtbehafteten. Dass der Sünder selbst der Strafe verfällt, dass er, um das talmudische Wort zu gebrauchen „ertränkt wird, weil er andere ertränkte", darin ist kein Moment der Tragik vorhanden. Sehen wir nun, wie Asch das Problem auffasste. Jankel Schepschowicz, ein roher, brutaler Mensch, Sohn eines Pferdehändlers, der, wie es so oft ist, wahrscheinlich in das Gebiet des Pferdediebs hie und da sich hineinschlich, hat eine Dirne, ein innerlich und nicht blos gewerbsmässig verdorbenes Weib, geheiratet und dann ein Freudenhaus eröffnet. Kommt dadurch zu einem Vermögen. Nachdem es ihm nun besser geht, teilt er sein Haus in zwei Hälften — „oben", dort wohnt er, dort wohnt die „bürgerliche" Familie Jankel Schepschowitsch —, „unten" wohnen sie, die Sklavinnen des sündigen Gewerbes, seine Sklavinnen. Das Oben lebt vom Unten. Und Jankel selbst ist garnicht so weit vom „Unten" entfernt. Er ist nicht etwa ein Mann, der nur mit Widerwillen und Abscheu ein Gewerbe ausübt, seine Seele aber rein behält. Er ist ein Duzfreund des Zuhälters Schlajme, steht beinahe auf demselben seelischen Niveau, wie dieser Galan. Nur in einem ist er ihm voraus: er ist wohlhabend geworden und hat eine Tochter Riwkele, an der er wirklich mit der innigsten väterlichen Liebe hängt. Dieser Riwkele zuliebe will er alles tun; sie will er rein erhalten, rein und keusch. Um sie in Keuschheit zu bewahren, las st er sie nie nach „unten" gehen, verbietet ihr jeden Verkehr mit denen von „unten*. Aber er zittert immer für ihre Reinheit. Er fürchtet das Unheil. Und um es zu verhüten, lässt er eine Thora für sie schreiben, die die Schützerin der Keuschheit seines Kindes sein sollte, sozusagen ein Amulet gegen die Sünde. Aber es hilft nichts. Riwkele fühlt sich nach „unten" durch eine unheimliche Gewalt, durch die Gewalt des Blutes hinabgezogen. Und Manjka, eines der Erwerbsmädchen ibres Vaters, verführt sie, verlockt sie, zieht sie in das Net<s der Sünde, tief in die Maschen des Lasters. Schlojme und Hindi, eine der Dirnen, wollen auch heiraten, sich ein Haus — und zwar eines nach dem Muster von Jankel Schepschowitsch — gründen, und dazu brauchen sie als Zugkraft, als Anfangskapital ein noch jungfräuliches Mädchen. Riwkele wird das Opfer, das willige, all zu willige. Verdorben bis ins Mark, was man vom ersten Augenblick erkennt, geht sie, nein, taumelt sie jauchzend in die Lust und die Schande. Alles hat nichts geholfen, — nicht die Tugendwächterei des Vaters und nicht die Thorarolle. Riwkele wird zurückgebracht, aber nicht mehr als Jungfrau. „Die Mutter hat's gedurft und ich sollte es nicht!", ist ihre einzige, grausam-lüsterne Antwort auf die verzwTeiflungsvolle Frage ihres Vaters, ob sie noch rein und unbefleckt sei. Und da bricht für Jankel alles zusammen. Keine Zukunft, keine Hoffnung auf das Hinaufkommen — und er stösst seine Tochter hinab in die Tiefe des Lasters, nach „unten". Und auch die Thora schickt er aus dem Hause — sie darf nicht in seinem Hause bleiben — sie hat das Wunder, das er von ihr erwartete, nicht vollbracht. Gott hat sich gerächt. * * * Hat er? Wo ist die Tragik dieser Rache? Dass er dem Freudenhausbesitzer nicht gestattete, zugleich ein „Unten" und ein „Oben" zu haben, dass er am Vater strafte, was der Vater tat? „Weil du andere ertränktest, wirst du selbst ertränkt werden" — wo ist hier das Tragische? Und die Strafe hat ja Jankel selbst, nicht Riwkele betroffen. Riwkele war für das bürgerliche Leben — die Tochter einer Dirne und eines Zuhälters — nicht geschaffen, sie wollte es nicht, hat es als Last empfunden. Und Jankel selbst hat nicht innerlich seine Sünde überwunden, wozu auch der einfachste, gemeinste, Mensch in dem Momente der Seelenumwälzung fällig ist. Er wollte einfach beides — eine reine „bürgerliche" Tochter und sein altes, sündiges Gewerbe ohne Bussey ohne Sühne in Einklang bringen Er spricht zwar in einem fort von seiner Sündhaftigkeit, wir sehen aber nie seine Umkehr. Das ist nicht Gott der Rache, das ist einfach die Logik der Tatsachen, eine Logik, die kein dramatisches Motiv in sich enthält. In der „Maria Magdalena" von Hebbel hatte der alte Meister Anton Recht, den ganzen Zusammensturz seiner Weltanschauung, seines Lebenstraumes, seines Sittlichkeitsideals in einem Satz zusammenzufassen, der bitterer klingt, als die offene Empörung gegen das Leben: „Ich verstehe die Wrelt nicht mehr!" Ein kämpfender, um die Erkenntnis ringender Mensch hat den tragischen Punkt seines Lebens-erreicht. Hätte z. EL Jankel Schepschowitsch anstatt eine Thora zu schreiben, sein Haus aufgelöst, wäre er zum ehrlichen Leben zurückgekehrt, und wäre dann trotz alledem Riwkele der Schande verfallen, dann hätte er Recht zu sagen: „Gott wollte es nicht44, dann wäre er der Gerechte, Denn die Tragödie beginnt erst dort, wo die Vernünftigkeit des Seins aufhörte. Dass z. B. in einem Staate, wo d«r Strafkodex den Diebstahl mit dem Strang bestraft — wie z. B. früher in England — ein Dieb gehängt wird, ist keine Tragödie. Weder die Mitwelt noch die leidende Person selber empfinden es als eine Tragödie. Es ist grausam, ungerecht, aber nicht tragisch. Tragisch aber ist es, wenn Luise Michel, die selbstlose, maniakalisch - heilige Volkstribunin wegen Diebstahls bestraft wurde, weil sie, um Hungrige zu speisen, aus einem Bäckerladen selbstmächtig Brot nahm. «Jankel Schepscho witsch's Schicksal ist so erklärlich, so natürlich, so untragisch, undramatisch. Es wäre ein Wunder, wenn das Gegenteil sich ereignet hätte. Und ein Motiv des Wunders ist kein dramatisches Motiv. Asch hat das Problem falsch angefasst, das Motiv verdorben. Und es waren wunderschöne Motive, die im Drama hier und dort aufflackerten, um wieder verloren zu gehen. Das Motiv — „unten" und „oben". Nicht, wie manche oberflächliche Kritiker meinen, das Problem von „Vorn" und „Hinten" in Sudermanns „Ehreu. Hätte ein wahrer Dramatiker den Vorwurf von Asch in die Hände bekommen, ein jüdischer Dramatiker, er hätte dieses Motiv zum Zentrum, zur Axe des Ganzen machen müssen. Der Jude, für den das äussere Leben nur ein Schein, eine „Aeusserliclikeit" ist, die sein Inneres nicht tangiert; der Jude, der die schmutzigen Dinge der Welt betastet, ohne sie zu sehen, ohne sie seiner Seele