Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Schalom Asch als Dramatiker
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 465 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583962-2588842--07341-2588914- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
463 A. Coralnik: Schalom Asch als Dramatiker. 466 einzuverleiben. Und dann der Konflikt zwischen dem „Aussen" und „Innen", zwischen dem „Unten" und „Oben" in seiner eigenen Seele, der Kampf dieser beiden Welten, der einmal doch anbrechen muss. Dort wäre das Dranm des jüdischen Sünders. Jankel Schepschowitsch kennt den inneren Kampf nicht. Er ist der Zuhälter geblieben mit bürgerlich - jüdischen, atavistisch - ehrfürchtigen Instinkten. * * * * Ich will nicht über die vielen technischen Schwächen des Stückes reden. Das sind Nebensächlichkeiten, auch nicht darüber, dass das Drama eigentlich eine Reihe von lose miteinander verbundenen, oft sehr schönen und poetischen Szenenskizzen — z. B. die Szene des Regens im II. Akt — ist, denn das ist kein Mangel. Ein Mangel, aber auch der Hauptmangel ist, dass wir bei diesem Stücke uns in keinem Augenblick vor der Tiefe des Lebens finden, dass wir immer an der Oberfläche vorübergehen, uns nie von der Gewalt des Gefühls oder des äusseren Geschehens ergriffen waren, dass es keinen „Ewigkeitswert" hat. Ein Deuter der jüdischen Seele — und das soll jeder jüdische Dramatiker sein — ist Asch nicht. Er kann Seelenschwingungen mitfühlen und hervorbringen, nie einen ganzen Akkord.....Das jüdische Drama wird Asch wohl kaum schaffen, aber ein Einführer ist er. Alle leichtbeschwingten, die Tiefe nicht kennenden, im Dichten spielenden Künstler sind Herolde der tieferen Kunst. Tiefe Seelen schöpfen aus der Kultur ihres Volkes: um dann darüber hinauszugehen. Der grosse jüdische Künstler wird der sein, der die Elemente der jüdischen Kultur künstlerisch refundieren wird. Sind diese Elemente vorhanden, sind sie lebensfähig, dann wird auch die ersehnte Kunst kommen Oder glauben Sie auch daran nicht, meine Gnädige? — A. Coralnik. EIN JUEDISCHES KUENSTLERPAAR IN RUSSLAND. Nachdruck verboten. Auf einer längeren Heise durch die grösseren ein Gastspiel absolvierte. Seine Frau hingegen lebte Zentren Russlands berührte ich auch die Stadt Kiew, noch unter dem Eindruck des Tages zuvor durchlebten Ein Freund, den ich von meiner Ankunft rechtzeitig Schreckens. In ihrer im besten Stadtteil gelegenen verständigt hatte, empfing mich am Bahnhof mit der ermutigenden Mitteilung, dass für jenen Tag ein Pogrom erwartet und befürchtet werde. In Kiew weiss man sehr gut, was ein solcher zu bedeuten habe, da die furchtbaren Ereignisse vom November 1905 nicht so leicht vergessen werden können. Glücklicherweise ist der zum zweiten Mal angekündigte Pogrom damals ausgeblieben. Die lokale Bürokratie sah dieses Mal keinen Nutzen aus den Schreckensszenen und liess rechtzeitig abwinken. Nachmittags wurde eine Bekanntmachung des Generalgouverneurs verbreitet, wonach er jede Ausschreitung gegen die Juden unter Anwendung aller Machtmittel verhindern wollte. Die meisten Juden beruhigten sich dabei, und abends konnte man im „Kaufmännischen Garten'% wo eine gute Musik gespielt wird, ein zahlreiches jüdisches Publikum finden, das, wie es schien, alle Schrecknisse und alle Sorgen bereits vergessen hatte. Ich muss gestehen, dass diese Sorglosigkeit, die mir beinahe wie Leichtsinn vorkam, mich nicht wenig befremdete. Aber bei ruhiger Ueberlegung musste ich mir sagen, dass die Leute schliesslich doch recht haben. Wollten sie sich unausgesetzt in der Erinnerung vergangener Schrecknisse und mit Furcht vor den kommenden plagen, so kämen sie überhaupt niemals aus dem Trübsinn heraus. Tags darauf wurde ich durch einen Freund bei einer jüdischen Künstlerfamilie eingeführt. Es ist dies der Opernsänger Oskar Kamionski und dessen Gattin, die \ erühmteKünstlerin Klara Brun-Kamionska, die beide in der Kiewer Oper die einzigen und vorzüglichsten Wagnersänger sind. Herrn Kamionski traf ich nicht an, da er gerade in jenen Tagen in der Moskauer Oper Oskar Kamionski, Kiew, Opernsänger.