Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Schalom Asch als Dramatiker
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 461 - 462 (sequence 2)
- Language
- German
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und Stimmungs dichter von sehr bedeutendem Werte, aber kein Epiker und vor allem kein Dramatiker. Denn Dramatiker sein heisst vor allem — mit Menschenseelen umgehen können, sie einander gegenüberstellen, mit dem äusseren Leben sie in Berührung und Gegensatz bringen, aus dem scheinbar Einartigen des Lebens das Vielgestaltige, tief Widersprechende herausfinden. Und wo die Differenzierungskunst anhebt, hört Asch's Kraft auf. Das haben wir an seinem ersten grösseren Drama „Messianische Zeiten" gesehen, das sehen wir in noch grösserem Masse an seinem neuen Stücke „Gott der Rache". Die „Messianischen Zeiten" sind überhaupt kein Drama, es sind keine Menschen und kein Schicksal, es sind keine Geschehnisse und Erlebnisse, die auf die Bühne gebracht wurden. Es sind Bilder, Szenen, Skizzen manchmal von schöner, wahrhaft dichterischer Stimmung umflossen, manchmal aber reizlos und ziemlich flach. Vollständiger Mangel an Handlang, und was noch schlimmer ist, an innerer Motivierung, an innerem Rhythmus. Der Grossvater, der nach Palästina sich rüstet und seine Kinder um sich sammelt, um von ihnen Abschied zu nehmen, die Söhne und Enkel, die im Laufe von drei Akten sich in kleinstädtischer Weise über Politik unterhalten und dann die Justyna, die Enkelin, die da im Garten sitzt und Zwiesprache hält mit ihrer Seele, die den Schatten von Esterka, der schönen Tochter des ..Schneiders von Opta" und Buhlin des Königs Kazimierz sieht — all das sind keine dramatischen Gestalten, nicht einmal symbolistisch gedeutet. Es ist ein Stammeln. Manchmal scheint es mir, als ob Asch sich von schönen Bildern hinreissen Hesse und als ob alte, uralte Motive in seiner Seele nachklängen. Als ich ein Kind war, stellte ich mir die Szene des Scheidens des Patriarchen Jakobs so vor. Ein steinalter Mann mit eisgrauem, langen Bart, der sich zum letzten Wege ins „Land der Väter" rüstet. Um ihn die Söhne versammelt. Reuben, der starke, brutale mit den mächtigen Händen, ein Recke mit einer gefurchten, sonnegebräunten Stirn, Simon und Levi, die „Brüder", die listigen, die Urahnen der Gelehrten und sämtlicher Lehrer, Jehuda, dessen schöne Zähne wie Milch so weiss, und seine Augen so blau — und endlich Issachar, der für mich ein Rätsel war, Issachar. der Issaschar geschrieben und Issachar gelesen, der „wie ein beladener Esel ruht zwischen den Gemarken". Oft kam er mir vor, wie ein Lastträger im Bauernkittel, mit einem Strick gegürtet und in grossen Schaftstiefeln .... Und in der weihevollen Stille erzählt Jakob die Zukunft seines Geschlechtes, . . . „Das Ende wollte er offenbaren", aber er hat die „Scheeina" erblickt und schwieg .... Dieses Bild aus der fernen Kindheit, dieses uralte Motiv haben in mir die „Messianischen Zeiten"' hervorgerufen. Und als der Traum verflog, da sah ich, wie unadäquat die Ursache meines Traumes war, wie unkünstlerisch hier das grosse Motiv bearbeitet wurde.....Aber während der Yorwurf des ersten Dramas dem inneren Wesen Asch's entsprach, die Menschen, die uns ihre Seele dort blosslegten, etwas von der Seele des Dichters selbst, das Träumerische, Weiche, Verschwommene hatten und sich manchmal zu der Höhe eines poetischen Symbols emporschwangen, ist die Idee des zweiten Dramas im vorhinein eine misslungene. Misslungen, weil der Dichter an sie nicht herangewachsen ist, sie nicht seelisch bewältigen und deshalb auch künstlerisch nicht gestalten konnte. Die Idee ist nämlich eine alte, ewige. Gott ist der