Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Schalom Asch als Dramatiker
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 459 - 460 (sequence 1)
- Language
- German
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459 SCHALOM ASCH ALS DRAMATIKER Nachdruck verboten. Meine Gnädige! Ihr Wunsch, meine Meinung über das Drama von SchaLoni Asch zu hören, kommt etwas zu spät. Jetzt — post tot discrimina rerum — über ein Stück zu schreiben, dass sshon am 19. März aufgeführt worden ist, ist, wTie soll ich sagen, ein Anachronismus. Aber Sie wollen ja gar keine Rezension, sondern eine tiefere Analyse des Werkes. Offen gestanden, bin 1 h im Grunde gegen diese Analysen. Was ein Künstler als Ganzes geschaut und nachgebildet hat, darf der Kritiker gar nicht zerzausen, zerpflücken. Aber Sie wollen es. Sit pro ratione voluntas. Wissen Sie, die Künstler sind ein oft merkwürdiges Volk. Da ist einer, der sich auf seinem Gebiete, in seinen „vier Ellenu so gut eingerichtet, so sicher eingenistet hat. Warum will er mehr als er kann? Warum zieht's ihn immer in das Unzulängliche, nicht zu Erlangende? Nehmen Sie diesen oder jenen Künstler. Der eine ist ein ganz netter Lyriker, d. h. er hat Form und Melodie, kann seiner subjektiven Empfindung eine objektive Form verleihen. Der will hinein in das Drama. Der andere kann kleine Novellen sehr fein schreiben, ohne Prätention auf Tiefe, auf Weltfragen. Dafür fehlt ihm der Sinn — da muss gerade er sich an die grössten Seelen- und Lebensprobleme heranwagen. Natürlich ereilt ihn sein Geschick — der Ikarussturz. Ich fürchte, das es unserem Asch ebenso ergangen ist. Und ich muss Ihnen gestehen, es wäre mir schade darum. Denn wir sind wirklich nicht so überreich an Talenten Ich will aber diesmal nicht über Asch als Lyriker der Skizze, der er eigentlich ist, sondern über seine dramatischen Schöpfungen sprechen u. z. hauptsächlich über sein letztes Drama. Vor etwa einem Jahre war es Asch gegönnt, das jüdische Drama dem russischen Publikum mit dem Stücke „Messianische Zeiten" vorzuführen, jetzt trat er vor einen noch weiteren, europäischen Kreis. Er hat sozusagen die Mission des Einführers der jüdischen Literatur übernommen. Das ist vielleicht für ihn die richtige Bezeichnung, die Erklärung seines Wesens. Denn jeder, der die moderne jüdische Literatur kennt, der die Laufbahn von Asch verfolgte, seine Leistungen und deren inneren Wert kennen lernte, wird sich sagen, müssen, dass Asch wohl ein. begrabter, aber bei weitem nicht der begabteste unter den jüdischen Dichtern ist. Seine Dichtungen haben Seele, aber keine tiefe und starke, Stimmungen, aber keine abgetönten, nuancierten, feinen, Rhythmus, aber einen eintönigen, wie das Summen einer Biene an einem schwülen Sommertag, Wahrheit, aber eine alltägliche, manchmal banale. Es gibt Gebiete der Kunst, die ihm unzugänglich sind, Winkel der Seele, die für Szene aus „Der Gott der Kache" von Sehalom Asch. Dritter Akt, Jankel Schcpschowitsch (Schildkraut) und Reb Elje (Herzfeld). (Spezialaufnahme für „Ost und West".) ihn unsichtbar sind. Und gerade in diesen Ecken und Winkeln hat sich die ureigene jüdische Seele eingenistet, sich verschlossen vor dem Auge der Nicht — Eingeweihten. Zu diesen Tiefen des jüdischen Lebens hat z. R Mendele- Mocher Sforim mit unmittelbarem, intuitivem Gefühl, Perez mit mehr Reflexion und klugem Verständnis sich manchmal durchgerungen, Asch besitzt den Schlüssel nicht. Ich liebe sonst Ascli's Schreibweise. Es ist so viel Naives, Gutes, Einfaches darin. Man fühlt, dass ein Naturmensch schreibt, dass er nicht über den Erscheinungen steht, sie künstlerisch gestaltet, sondern die Eindrücke an sich herannuten liisst, von ihnen getragen, geschaukelt wird. Da haben wir sein neuestes Skizzenbuch: „Das Städtelt;, das von vielen als ein Meisterwerk betrachtet wird. Ich kann mir nicht helfen: auf mich hats nicht den Eindruck einer starken, bildenden, bleibenden Kunst gemacht Es sind niedliche, stimmungsvolle Skizzen, aber kein Poem, es sind lyrische Romanzen in Prosa, kein Epos. Denn die Gestaltungskraft fehlt. Nicht das äusserliche, physiognomische erschöpft das Gestaltungselement in der Kunst. Wenn er „Reb Jecheskel" oder „Lei'le" pbysiognomiseh zeichnet, so hat er uns zwar ein Bild gezeigt, aber nur eine Photographie. Ein Künstler deutet das Bild, d. h. er sieht es nach seiner Art, er legt seine Seele hinein, indem ihm die Seele des andern offenbar wird. Asch sieht auch die Natur äusserlich. Wenn R. Mendele z. B. die Natur schildert, so fühlt man, dass in ihm ein jüdischer Gestalter spricht, ein Epiker. Er hat Bilder, die so kühn sind, weil sie einem so eigenartigen Seelengrund entstammten. Ob sie uns gefallen oder nicht — das ist eine andere Frage. Wenn wir als moderne Menschen, als Westeuropäer an Mendele herantreten, so werden wir sicherlich ebenso stutzig blicken, wie vor dem echten, alten Märchen der Galen oder der Nordmänner, Perez hat eine ga* z moderne Art zu sehen und zu schildern. Er ist ein moderner Mensch, der die Schönheit und den Rhythmus des Wortes kennt und liebt, der nach einer neuen Harmonie strebt, der die Tiefen der Seele — wie der Weltstimmung sucht, der ahnen lässt. Asch lässt nichts ahnen. Wie ein stilles, ruhiges, hinter grünem Gelände plätscherndes Bächlein zieht seine lyrische, weiche und eintönige Weise dahin, wie ein moldauanischesLied, nie aufregend, nie hinreissend. Was Asch vor allem besitzt, das ist das Gefühl für Raumseele, für die Stimmung des Ganzen, Undifferenzierten, wo der Mensch sich vor sich loslöst, eins wird mit der Natur, mit der Umgebung. Darum ist Asch ein Skizzen- V.* w#) f^j^'' ' " ~