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Ost und West · 1907-07-01 · Heft 7 (Juli 1907) · p. Seite 447 - 448

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 7 (Juli 1907)
Article
Eine Missetat
Date
1907-07-01
Page
Seite 447 - 448 (sequence 3)
Language
German
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447 D. Aismann: Eine Missetat. 448 struppigen Kopf und schnupperte nach Heu, doch Lejscr hatte kein Heu. Er bedeckte das Pferd mit einer zerrissenen Decke, klopfte ihm freundschaftlich auf die Stirn und schritt selber unter das Wetterdach des Schuppens. Lange hielt er's da nicht aus. Der Wind drang durch alle Sparren und pfiff erbärmlich. Da war es draußen im Schneegestöber schon besser. Er kehrte zu Krapuntschik zurück und kletterte wieder auf seinen Sitz. So ist das menschliche Leben, dachte er, man braucht Arbeit und man hat keine Arbeit. Der Mensch braucht zu essen, und er hat nichts zu essen. Der Mensch kann nicht wie eine Telegraplienstange den ganzen Tag im Schnee und Wind stehen. Nu? wie soll man das verstehen? .... Ich kann es nicht verstehen .... Oder dann: Gott hat mir elf Kinder gegeben, nu, fünf davon sind gestorben und gerade die Jungen. Jungen kann man in die Lehre geben, zu einem Schneider, zu einem Klempner, später vielleicht in ein Geschäft. Und was soll man mit Mädchen machen? Wie soll man sie verheiraten?____ Nu und Jente, Gott hat mir geholfen, und ich hab' sie verheiratet, was ist mit Jente? .... Solch' eine Geschichte ist das geworden: ihr Mann wird verrückt, man sperrt ihn in's Irrenhaus, und sie kommt mit zwei Kindern und schwanger zu mir zurück .... Solche Geschäfte das .... Und wenn ihre Kinder wenigstens gesund wären — nicht einmal das .... Was? Mir allein kann ich die Wahrheit sagen, vor mir brauche ich mich nicht zu schämen: wenn Schmilek hustet, zerreißt sich alles in mir in Stücke, und wenn er weint und um Essen bittet und es ist nichts zu essen da, dann weine ich .... Ich weine, nu . . . . Ich kann mich nicht zurückhalten, ich dreh' mich um und weine .... „Du nachdenklicher Engel", schrie hinter Lejsers Rücken j 3tzt ein Fuhrmann; es wTar der rothaarige baumlange Schlomke Hitzel. — „Dich weniger breit machen, kannst du nicht, Gold." Lej;er sah sich ängstlich um und zog seine Beine ein. Hitzel schimpfte j'idisch und russisch durcheinander, stieß Krapuntschik roh in den Rücken und stellte seinen Wagen auf. Und warum soll ich nicht weinen, fuhr Lejser in seinen Gedanken fort. — Warum? Wenn Schmilek eine Lunge schon fehlt, und er so eine schreckliche Wunde am Fuß hat, die immer brennt .... Schmilek braucht Lebertran und Milch und eine gute Salbe und es ist gar nichts da ... . — Lcj .er hob den Kopf und sah sich um. Milch gab es nach Belieben. Die Milchweiber begannen gerade sich auf dem Marktplatz aufzustellen und man sah sie ganz deutlich mit ihren Kannen. Auf der entgegengesetzten Seite des Platzes glitzerten im Nebel die weiten Flügel eines vergoldeten Adlers. Das war die Apotheke. Dort gab es natürlich Salben für kranke Füße und Lebertran und alle möglichen Arzneien für die Lunge. — Ja, nu was, wenn der Herrgott nicht will, daß es für uns sein soll .... Und ich soll so nicht wissen von Schlechts, wie ich nicht weiß, warum er auf uns böse ist .... Und was wird mit uns, wenn ich zum Beispiel wirklich zusammenfall' .... Ich will essen, ich will schrecklich essen -. . ■. . — Lej^er betastete das Brot und die Zwiebeln im Gürtel, schnalzte mit der Zunge und spuckte aus. Mir ist kalt und das Wasser rinnt mir den nackten Rücken herunter .... Bin ich aus Eisen .... Ich kann krank werden .... Wenn alles so war' wie es zu sein hat, müßte ich jotzt mein Brot essen und in „England" Tee trinken oder gar einen Teller Fleischernes essen — und keine Möglichkeit. Ich will so essen, daß mir die Seele zum Leib herauskriecht, und keine Möglichkeit. Lejsers Füße wurden so kalt, daß er sie nicht begann unihcrzustampfen. Uj, uj, uj! Wie kalt, so schrecklich kalt . . . . Ich könnte doch in's „England" hineinschauen — so als wenn ich jemand suchen würde und mich dabei wärmen; aber man kann einen Kunden vergessen____ Es kommt immer so heraus, wie zum Trotz: man paßt auf wie ein Kettenhund die ganze Woche und kein Mensch kommt, und dann geht man für fünf Minuten weg, so kommen die Leute von allen Seiten... man muß schon leiden. — * * * Gegen zehn Uhr kam eine jüdische Frau in einem Männerpelz und eben solchen Stiefeln auf den Marktplatz und verlangte vier Fuhren zu einem Möbeltransport. Sofort stürzten sich an zwanzig Leute auf sie. Ein ungeheurer Spektakel begann, man hätte glauben können, daß ein Mensch buchstäblich in Stücke zerrissen wird. Lejser versuchte ebenfalls sich in das Gedränge zu mischen, wurde aber von zwei gesunden Burschen zurückgestoßen. Er wagte es nicht seinen Versuch zu wiederholen und blieb hinter den anderen stehen. Aber er hob die Hände empor und schrie atemlos: „Hier bin ich .... ich ... . ich werde fahren... ich." Schlemka Hitzel bemächtigte sich indessen kurzerhand der Frau und schleppte sie am Gürtel ihres Pelzes bis zu seiner Fuhre. „Ihr braucht nicht vier Fuhren", brüllte er. „Zwei sind auch genug. Ich und mein Kamerad .... wir machen es hintereinander." „Laßt mich los .... Ich will nicht zweimal. Das dauert lange .... Die Tage sind kurz jstzt . . . . Ich will alles auf einmal." „Was lange .... gar nicht lange .... wir fahren im Galopp .... Setzt euch auf, hopp!" „Laßt mich .... wartet." „Was warten .... Es ist keine Zeit zu warten. Die Tage sind kurz. Setz' dich, Balbuste, setz' dich auf. Ich kenn' dich, ich weiß, wo du wohnst, in der Fischgasse." „Gar nicht in der Fischgasse, in der Engen- Straße." „Ist mir ein Unglück, was, wenn du in der Engen wohnst? Also hopp, setz' dich auf, geschwind." Das allgemeine Geschrei wurde noch lauter. Alle Fuhrleute fielen über Hitzel her, und riefen, er fange wider Recht und Sitte die Kundschaft ab ... .

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