Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Eine Missetat
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 445 - 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583962-2588837--07322-2588904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
D. Aismann: Eine Missetat. 446 bogenem* wie zerbrochenem Rücken und mit breiten, flachen, tellerartigen Hufen. Stolpernd und an den langen schleppenden Stricken streichelnd, spannte Lejser das Pferd ein. Dann ergriff er die schäbigen Zügel und fuhr langsam zum Tore hinaus. Er war schon in der Mitte der Straße als im Hof eine eilige Stimme „Täte, Täte" zu rufen begann. Eine große Frauengestalt, in ein dickes Tuch gehüllt, lief ihm nach, erreichte den Wagen und schob ihm etwas in die Hand. „Na, da hast du, nimm." Lejser schob sie zurück. „Uiid die Kinder", sagte er unschlüssig. Zwei große eingefallene Augen blitzten ihn zornig an. „Nu was denn, wenn die Kinderl Du brauchst nicht zu essen?" „Ich werde Arbeit bekommen, so werd' ich kaufen." „Verdreh'mir nicht den Kopf .... Kaufen . . . . Und wenn du keine Arbeit bekommst? .... Einen ganzen Tag in der Kälte nicht essen .... Wenn du umfällst, was dann?" Lejser hüstelte, dann nahm er das Stückchen Brot, das die Tochter ihm reichte und zwei Zwiebeln und trieb seine Stute an. * * * Auf der Fahrstraße lag tiefer, zäher Kot. Die Räder drangen bis zur Hälfte der Speichen in die dicke Masse, wenn der Boden ein Loch hatte, sogar bis zur Achse. Lejser schritt neben seiner Fuhre, und schob sie in kritischen Momenten mit den Schultern vorwärts, manchmal hob er auch die Räder. Das Pferd ermunterte er mit freundlichen Reden und streichelte es kitzelnd mit den Zügeln. „Np, r jo, lustiger. Wenn wir nur das Maul aufsperren, kriegen wir nichts hinein, du weist das ganz gut, Krapuntschik." Als sie auf die gepflasterte chersonsker Straße kamen, schlug Krapuntschik ein rascheres Tempo ein. Lejser kletterte auf sein Fuhrwerk, setzte sich auf den Rand und ließ die Beine baumeln. Der Nebel schwand allmählich, die Strohdächer der kleinen Häuser traten hervor und dazwischen die endlosen, an manchen Stellen eingefallenen Zäune. Der Wind blies Lejser in den Rücken und die dünnen Schneeflocken, die in der Luft umherwirbelten, setzten sich ihm in den Bart und auf die struppigen Brauen. Dann schmolzen sie auf seinem Gesicht und tropften hinunter. Lejser holte einen Sack unter dem Sitz hervor und machte sich eine Kaputze. Aber der Wind riß sie ihm sofort vom Kopfe. Er versuchte es noch einmal, aber endlich ergab er sich in sein Schicksal und legte den Sack in den Wagen zurück. Nun saß er nrit zusammengezogenen Schultern da, und ließ sich demütig von Wind und Schnee mißhandeln. Jente ist gut, dachte er zähneklappernd und klopfte mit den Stiefeln gegen den Wagen — sie hat mir Brot gebracht .... Nu, ich brauch' gar kein Brot. Kann ich essen, wenn die Kinder nichts haben... Das ist kein Brot für mich, sondern Eisen .... Aber Copyright by Fr. Hanfstaengl, München. NATHANIEL SICHEL BERLIN Esther. was? Wenn man so überlegt, kann der Mensch denn leben, wenn er nicht ißt? .... Am Jun-Kipur ißt man auch nicht, man fastet — aber es ist doch, nur ein Tag .... Tags vorher ißt man sich ordentlich satt, und dann sitzt man in der warmen Synagoge und betet .... Und manche, die sind so zart, daß sie nicht einmal das aushalten: sie müssen was riechen, so was Starkes oder in die frische Luft hinaus, spazieren gehen .... Nu, und ich habe mich gestern hungrig schlafen gelegt, und vorgestern habe ich nicht ordentlich gegessen, und es sind vielleicht schon zwei Wochen, daß ich nicht satt gewesen bin .... Und die ganze Familie ist hungrig, ist das ein Spaß, wenn das Weib und so viel Kinder hungern? Gott soll mich nicht strafen für diese Worte, aber ich begreife nicht, warum er das so macht ....... Eine halbe Stunde kam Lejser auf den Marktplatz. Auf dem breiten, unheimlich schmutzigen Platz, stand ein hoher offener Schuppen, dessen verbogenes Dach dunkel an chinesische Bauart erinnerte. In seiner Mitte befand sich ein alter, halbverschütteter, längst nicht mehr brauchbarer Brunnen. Das war der städtische Kutscherstand. Zwei Dutzend Fuhren etwa standen schon umher und fortwährend kamen noch neue. Lejäer gelang es ' für Krapuntschik einen guten windgeschützten Platz ausfindig zu machen. Als Krapuntschik stehen blieb, senkte er sofort den