Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Das Ackerbau-Werk
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 415 - 416 (sequence 4)
- Language
- German
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- Tunis 3× ep/1048155
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415 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Ackerbau-Werk. 416 Ich möchte einige der Regein anführen, die für uns maßgebend sein müssen, um den Erfolg unseres landwirtschaftlichen Lehrwerkes zu sichern: 1. Wir können auf die Grundbesitzer von Algier und Tunis für die Unterbrinfmn unserer Zö lin^e in keiner Weise rechnen. 2. Egypten, Kanada und vielleicht Argentinien eröffnen für sie einen Ausweg. 3. Bei unseren tunesischen Schülern müssen wir die Auswanderungslust wecken. Das ist eine Notwendigkeit für die jungen Städter ebenso, wie für die, die sich der Landwirtschaft widmen. 4. In Tunis und Algier können sie sich in der Landwirtschaft nur unter dem Schutz der Alliance durch Pachterwerbungen erhalten. In Tunis und Algier haben wir nur wenige Zöglinge im Dienst französischer Besitzer. Diese bevorzugen für Vertrauensstellungen ihre Landsleute. Der Glaubensunterschied bietet häufig Anlaß zu übler Behandlung, die wiederum zur Trennung führt. Hier liegen Vorurteile vor, deren Überwindung trotz einzelner vortrefflicher Beispiele sobald nicht möglich scheint. Wir sind deshalb der Meinung, daß wir bei den jungen Leuten die Auswanderungslust zu fördern haben. Da das Auswanderungsziel Kanada oder Egypten ist, so haben wir in unser Schulprogramm den Unterricht der arabischen Umgangssprache und des Englischen eingeführt. Wir geben unseren Zöglingen Kenntnis von unserer Korrespondenz mit ihren Kameraden, die sich in Egypten oder Amerika niedergelassen haben, und lassen zahlreiche Broschüren zirkulieren, die von der Landarbeit und der Kolonisation in diesen Ländern handeln. Binnen zwei oder drei Jahren werden unsere Schüler alle oder fast alle Tunesen sein, da die aus der Türkei oder aus Bulgarien stammenden Zöglinge sich lieher nach Or Jehuda oder nach Mikwa begehen, was uns ganz willkommen sein kann. Zur Zeit sind von unseren 57 Zöglingen 36 Tunesen, 15 Türken, 4 Bulgaren, 1 Algierer, 1 Marokkaner. Arbeit, P r ü f u n g , Z e i t v e r w e n d u n g, F ü h r u n g. In unserem Internat herrscht fortgesetzt ein ausgezeichneter Geist. Alle Zöglinge sind bemüht, Fortschritte zu machen, beschäftigen sich mit ihrer Zukunft und waffnen sich für den Austritt aus der Schule. Der eine verwendet größere Aufmerksamkeit auf die Gartenpflege, weil er darin sein Brot zu finden hofft; der andere widmet sich hauptsächlich der Feldmessung, weil er nach dem Beispiel eines glückbegünstigten älteren Bruders in der Drainage und in der Bewässerung sein Fortkommen zu finden hofft. Alle sind gleichmäßig bestrebt, uns jedes Ärgernis fern zu halten. Es gilt für die größte Schande, in das Bureau des Direktors gerufen zu weiden, um dort eine Vermahnung entgegenzunehmen. Alle Zöglinge haben übrigens vor Augen, mit welcher väterlichen Fürsorge die Arbeitsamen und Vernünftigen unter ihnen in der Schule behandelt und bei ihrem Austritt untergebracht werden. Wir ermutigen sie, auf dem guten Wege durch Prämien, die wir verteilen, durch Ausflüge, die wir während der Feiertage in benachbarte Besitzungen machen. In den Monaten Juli und August, während der heißesten Jahreszeit, nehmen wir, meine Kollegen und ich, die Prüfung vor. Ich lege Wert darauf, jeden einzelnen Zögling aus jedem einzelnen Unterrichtsgegenstand zu befragen. Ich stelle ihnen auch die Aufgabe, schriftlich eine Reihe von Angaben zu machen, aus denen ich die Überzeugung gewinnen kann, ob sie aus dem Unterricht das praktische und nützliche Wissen festgehalten haben, das ihnen im späteren Leben dienen soll. Aus diesen allgemeinen Prüfungen ersehe ich auch die Methode und den Erfolg der Lehrer. Gesundheitszustand : Ich erwähnte bereits, daß ich mich über die allmähliche Abnahme der Zöglinge aus Bulgarien und der Türkei nur freuen kann. Denn diese Zöglinge, die aus einem gemäßigten Klima kommen, ertragen nur schwer die 4—5 Monate des tunesischen Sommers. Tunis hat nur zwei Jahreszeiten. Der Winter ist im allgemeinen kalt und feucht; häufige Stürme verursachen Rheuma und Grippe, diese glücklicherweise nicht bösartiger Natur. Aber der Sommer zehrt den im Winter gesammelten Gesundheitsvorrat schnell auf in dem Hauch des Sirocco und in der erdrückenden Sonnenglut. Ertr a g : Eine lange meteorologische Erfahrung in Nordafrika hat uns gelehrt, auch bei dem besten Anschein nicht auf eine gute Ernte zu rechnen, niemals uns über Wahrscheinlichkeiten auszulassen. W?ir wissen, daß wir von einem wirklichen Ertrag erst reden können, nachdem die Dreschmaschine das letzte Wort gesprochen und die Säcke angefüllt hat. Doch trotz aller üblen Erfahrungen läßt selbst der pessimistische Ansiedler sich verleiten, nach den reichlichen Regenfällen des Winters und Frühjahrs, nach dem günstigsten Stande der Vegetationsentwickelung zu Anfang Mai an einen glücklichen Ertrag zu glauben. Wenn aher in der kritischen Zeit der Kornentwickelung der Sirocco über das Getreide bläst — glücklicherweise zu spät für Hafer und Gerste — so muß der Ansiedler von seinen Hoffnungen einen großen Abzug machen. In der Zeit der Aussaat standen unsere Pächter noch unter dem Eindruck der unsagbaren Entmutigung des vorigen Jahres. Der Stand der Saaten im Frühjahr setzte sie durch seine Fülle in Erstaunen, und mit lobenswertem Eifer machten sie sich an die Erntearbeit. Das Getreidejahr 1905/06 bietet diese doppelte Eigentümlichkeit: Das Viehfutter, Stroh und Korn, hat zu unmäßigen Preisen gekauft werden müssen; die Ausgaben für die Feldarbeiten sind daher sehr erhöht worden; andererseits hat die Bekanntmachung des Zollgesetzes, das die Mehlindustrie begünstigt, die Kornpreise erhöht und beinahe alle Pächter bestimmt, diesem Getreide eine größeie Fläche zu widmen, zum Schaden des Hafers, der dem Zufall weniger ausgesetzt ist als das Korn. Unsere Bauern sind diesem Antrieb gefolgt. Gegenüber 100 Hektar Hafer haben sie mehr als 130 Hektar Korn ausgesät. In Djedeida dieselbe Beobachtung: 10 Hektar Hafer gegenüber IG Hektar Korn, und in Bejoua ist eine gleiche Fläche jedem der beiden Getreide eingeräumt wrorden. W7ährend der grüne Hafer in gewissen Fällen Erträge gebracht hat, die 25 Zentner auf den Hektar übersteigen, hat das Korn nur ein Maximum von 8 Zentner auf den Hektar hervorgebracht.