Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Die Militär-Gestellung
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 395 - 396 (sequence 3)
- Language
- German
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395 Scholem Alechem: Die Militär-Gestellung. 396 Worotiliwka. Habjich denn geträumt jene Nacht und diese Nacht und das ganze Jahr hindurch! Kurz — was soll ich Euch erzählen! — man ruft Itzig, das heißt Alterchen, noch einmal zur Gestellung. Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Ist so etwas je erhört worden von Eck der Welt zu Eck der Welt, daß ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, dreimal zur Gestellung kommen muß! Nun sieh du zu, red türkisch, red tartarisch! Was tut man da? Bin ich hingelaufen zu unserer Gemeinde, habe Gewalt geschrieen, daß zehn Juden sollen beschwören und schriftlich geben, daß sie wissen, daß Itzig ist Awrohom Jizchok, und Awrohom Jizchok ist Alterchen, und daß Alterchen und Itzig und Awrohom Jitzchok alle zusammen ein Mensch^ sind. _ Jm, ... Das Papier habe ich bekommen und bin damit nach Worotiliwka gegangen. Dort trifft mich ein Jüd Reb Jossei, und fragt mich: „Was tut Ihr hier?" Will ichs ihm doch nicht sagen — wozu auch; es ist schon besser, er weiß es nicht — sage ich ihm: „Ich habe zu tun mit einem Edelmann." — „Wegen was?" fragt jener. — „Wegen Kleie" sag ich. „Ich habe Kleie gehandelt und habe Handgeld gegeben. Nun habe ich keine Kleie und kein Handgeld; verfallen die Kuh mit dem Kalb!" — Nun gehe ich in die Militärkomrnission. Wie ich hereinkomme, treffe ich einen Schreiber. Dem gebe ich das Papier. Der liest das Papier und wird ganz wild, der Schreiber nämlich, und schmeißt mir mit Gewalt das Papier ins Gesicht, behütet und bewahrt soll man werden! „Geht zu allen Teufeln mit Euren Namen und Euren jüdischen Faxen! Ihr wollt euch nur um die Gestellung drücken, verdammte Jüden! Bei euch wird Jizchok aus Awrohom, und Itzig aus Jitzchok, und Alterchen aus Itzig. Nein, solche Stückchen gehen bei uns nicht an, solche Schachermachei!" — Nun überlege ich mir: Mit Schachermachei meint er vielleicht einen Rubel. Nehme ich einen Rubel heraus und will ihn ihm in die Hand drücken und sage leise zu ihm : Entschuldigen Sie, EuerHochwohlgeboren! Da erhebt er ein mächtiges Geschrei: „Bestechung!" .. Sind gelaufen gekommen die Schreiber, und was soll ich Euch sagen, man hat mich rausgebracht. So ein Unglück! Muß ich gerade auf einen treffen, der nicht nimmt! ... Nu, zwischen Jüden ist man nicht verloren. Ich fand einen Jüd, durch den man nimmt. Geholfen hat es, wie einem Toten Schröpf köpfe helfen, und es ist dabei geblieben, daß ich noch einen Sohn habe, der Alterchen heißt, und der soll sich stellen in Worotiliwka zum Militär. Ein gut Päckel! ich mutf stärker sein als Eisen, daß ich das Jahr überlebt habe. Freilich, wenn man zurückdenkt: Was brauchte ich Schaute Furcht zu haben? Zehnmal zur Gestellung — ich weiß, er taugt doch nicht, der Hund! Das heißt, wieso taugt er nicht? Taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. ... Und da man ihn schon zweimal ausgemustert hat ... Aber das überlegt man sich erst nachträglich. Damals, in einer fremden Stadt, ein Amt mit Leuten, die nicht nehmen — da soll man sagen! Wir haben aber doch einen großen Gott' auf der Welt! Mein Alterchen, Itzig heißt das, hat wieder einmal eine hohe Nummer gezogen, hat sich wieder gestellt. Gott hat ein Wunder getan, die Militärkommission in Worotiliwka hat wieder gesagt „nicht tauglich" und hat ihm ein weißes Billet gegeben, einen Freischein. Hatten wir schon mit Gottes Hilfe zwei weiße Billette. Nach Hause gekommen. Freude und Wonne. Eine Mahlzeit hergerichtet. Dazugerufen fast die ganze Stadt. Gejubelt bis an den lichten Tag. Mit wem brauch ich jetzt zu reden! Wer ist mir gleich? — Ein Kaiser! Jetzt wollen wir zu meinem Eisik zurückkehren, er liegt und ruht, der, dem anderen zu längeren Jahren, als Kind den Samowar über sich gestürzt hat. Nun werdet Ihr ein Stückchen hören. Ein Prophet müßte man sein. Der schöne Row, der Kronsrabbiner von Worotiliwka hatte vergessen, ihn in der Matrikerauszulöschen, den Verstorbenen nämlich; und mir wird als Schuld gerechnet, ich hätte noch einen Sohn Eisik, der sich dieses Jahr zum Militär stellen müßte. Eine Bombe war das. Was ist das für ein Unglück auf mir? Eisik ist schon lange in jener Welt, so spreche icli'zu mir, und berede mich mit unserm Rabbiner, was man tun soll. — „Die Sache ist nicht gut", sagt er. — „Wieso? sag ich. — „Sie ist nicht gut", sagt er, „weil Itzig und Eisik derselbe Name ist." — „Wieso44 sage ich, „ist Itzig und Eisik derselbe Name?" — Sagt er „Itzig ist Jizchok, Jizchok ist Issak, Issak ist Isak und Isak ist Eisik." — Gut gedreht: Kurz — was soll ich Euch sagen! — man sucht meinen Eisik, man bringt mir die Ordre, er soll sich stellen zum Militär. In meiner Stube hat sich neues Gewein erhoben. Was sag ich, Gewein? Als wäre das Heiligtum zerstört! Erstens hat meine Frau, sie soll leben, sich des Verstorbenen erinnert, die alte Wunde hat sich wieder aufgetan. Besser, sagt sie, er lebte und müßte sich jetzt zum Militär stellen, als daß sein Gebein in der Erd liegt. Zweitens hat sie Angst, vielleicht, am Ende doch, Gott soll hüten, nicht werden soll es und nicht kommen, ist es so, wie der Rabbiner sagt, daß Itzig ist Jizchok und Jizchok ist Issak und Issak ist Isak und Isak ist Eisik, und das wäre wirklich nicht gut. So sagt sie, meine Frau, sie soll gesund sein, und legt die Welt ein, die Schwiegertochter fällt in Ohnmacht, wie gewöhnlich. Ist es denn auszureden: ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein [ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, hat sich dreimal gestellt, hat zwei weiße Billette und ist noch nicht fertig. ... Habe ich die Füße in die Hand genommen und bin nach Jehupez gefahren, um mit einem richtigen Advokaten zu beraten. Meinen Sohn habe ich mitgenommen, mit ihm zu einem Professor zu gehen, um zu hören, was der Professor sagen wird, ob er tauglich ist oder nicht. Zwar weiß ich allein ganz gut, daß er nichts taugt, der Hund. Das heißt, taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht ... Und wenn ich werde hören, was der Advokat sagen wird und was der Professor sagen wird, werde ich schon ruhig schlafen können, werde nicht mehr mit der Militär-Gestellung zu tun haben. Aber es stellt sich heraus, die Advokaten und die Professoren wissen alle zusammen nichts.