Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Die Militär-Gestellung
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 397 - 398 (sequence 4)
- Language
- German
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397 Scholem Mechern: Die Militär-Gestellung. 398 Der eine sagt s o, und der andere sagt s o; was der eine sagt, hält der andere für falsch — meschugge könnte man werden. Der erste Advokat, den ich traf, war ein grober Kopf, ein stumpfer, trotz der großen Stirn mit einer mächtigen Glatze, wie um Lockschenteig darauf auszurollen. Er hat nicht einmal verstehen können, wer Alterchen ist und wer Itzig, und wer Awrohom Jizchok ist, und wer Eisik gewesen ist. Ich erzähle ihm noch einmal und noch einmal, Alterchen und Awrohom Jizchok und Itzig sind ein Mensch, und Eisik ist der, der den Samowar über sich gegossen hat, als ich noch in Worotiliwka gewesen bin. Wie ich meine, daß ich mit ihm fertig bin, fragt er mich eine ganz neue Frage: „Sagt nur, wer ist der älteste, Itzig oder Alterchen oder Awrohom Jizchok?" — Hat man schon so was gehört! Sag ich ihm: „Ich hab euch schon fünfzehn mal gesagt, daß Itzig und Awrohom Jizchok und Alterchen ist alles eine Person; das heißt, sein wirklicher Name ist Itzig, das heißt Awrohom Jizchok, nur rufen ruft man ihn, seine Mutter, meine ich, Alterchen. Seine Mutter hat ihn so verzogen. Und Eisik ist der, der den k Samowar über sich gegossen hat, als ich noch ein Worotiliwkaer gewesen bin." — „Und wann", fragt jener, „in welchem Jahr ist Awrohom Alterchen, ich meine Jizchok Eisik zur Militärgestellung gegangen?" — „Was schwatzt Ihr da?" frag ich, „was bringt Ihr da durcheinander Graupen und Borschtsch? Zum ersten Mal in meinem Leben treffe ich einen Jüd mit einem so goischkischen Kopf! Man sagt Euch doch, daß Jizchok und Awrohom Jizchok und Itzig und Eisik und Alterchen, das ist alles ein Mensch!" „Scha", sagt er, „schreien Sie nicht so! Was schreien Sie?" . . . Verstehen Sie eine Sprach'? Nun soll er gar nicht recht haben! . . . Kurz, ich hab selbstverständlich ausgespuckt und bin weggegangen zu einem anderen Advokaten, der war gerade ein guter Kopf, ein talmudischer Kopf war er, nur ein wenig überchochem, überklug ein wenig. Er rieb sich die Stirne und „lernte", den Text des Gesetzes lernte er, drehte sich, folgerte, zog Schlüsse, daß nach diesem und diesem Paragraphen war der Meseretscher Magistrat gar nicht berechtigt, ihn einzuschreiben. Dagegen, sagt er, ist vorhanden ein Gesetz, daß, wenn er hier eingeschrieben worden ist und dort nicht ausgeschrieben worden ist, so muß er ausgeschrieben werden; und wieder ist vorhanden eine „Kassation", daß er, wenn er hier eingeschrieben ist, und dort nicht ausgeschrieben wurde, so .... Kurz, so ein Gesetz und so ein Gesetz, so eine Kassation und so eine Kassation; er hat mir „kassassiert" den Kopf voll, und ich mußte gehen zu einem dritten, mußte ich. Da hab ich gerade angetroffen auf einen Schlemiel, ein ganz junges Advokatchen, ein funkelnagelneues, das erst vor kurzem sein „juris" beendet hat, ein sehr gutes Menschchen mit einem Züngelchen wie ein Glöckchen. Wie es scheint, lernte er sich reden, reden lernte er sich; denn wenn er sprach, merkt mans ihm an, daß ihm das Vergnügen machte, das Reden, heißt es. Also der wurde voll Begeisterung, hielt mir eine lange Predigt, so daß ich ihn unterbrechen mußte und sagen: „Alles sehr schön und fein" sehr — sag ich — „Sie haben vollständig recht, aber was nützt es mir, sag ich, daß Sie mich beweinen. Wozu beweinen Sie mich? Geben Sie mir lieber eine Eize, sag ich, was ich mit meinem Sohn machen soll, vielleicht, Gott behüte, ruft man ihn doch, vielleicht? Kurz, was soll ich Ihnen lange erzählen, ich kam endlich zu einem richtigen, wirklichen Advokaten. Das ist, verstehen Sie mich, ein Advokat von den alten Advokaten, ein Advokat, der einen Sachverhalt versteht, verstehen Sie mich. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Aleph bisThow. Er saß die ganze Zeit mit geschlossenen Augen und hörte mir zu. Dann meinte er: „Schon? Sind Sie fertig? Fahren Sie nach Hause, es ist Mumpitz, mehr als dreihundert Rubel Strafe werden Sie nicht bezahlen." — „Das ist das Ganze? sag ich, e, wenn es mit den dreihundert Rubeln getan wäre! Aber ich habe Maure für meinen Sohn, Maure hab ich!" — „Was für Sohn?" — „Was heißt, sag ich, was für Sohn? Mein Alter, Itzig heißt es." — „Was hat dies alles, sagt er, mit Itzigen zu schaffen?" — „Was heißt, sag ich, vielleicht ruft man ihn wieder einmal?" — Er hat doch, sagen Sie, ein weißes Billet?" — „Zwei, sag ich, hat er, zwei." — „In diesem Falle, sagt er, was wollen Sie denn?" — „Wollen, sag ich, will ich gar nichts, was soll ich denn wollen? aber Maure habe ich, sag ich, denn man sucht jetzt Eisiken, und Eisik ist nicht da, und Alter, Itzig heißt es, ist eingeschrieben Awrohom-Jizchok, und Jizchok — so sagt unser Herr Rabbiner — ist Issak, und Issak ist Isak, und Isak ist Eisik; könnte man, Gott behüte, glauben, daß mein Itzig, oder Awrohom-Jizchok, Alter heißt es, ist Eisik.4' — „Nun," was schadets, sagt er, was schadets? Im Gegenteil, desto besser, dann werden Sie überhaupt nicht bestraft. Er hat doch, sagen Sie, ein weißes Billet." — „Zwei, sag ich, zwei weiße. Aber die hat doch Itzig, nicht Eisik." — „Sie sagen doch, sagt er, daß Itzik ist Eisik?" — „Wer sagt das, sag ich, daß Itzig ist Eisik?" — „Sie haben es doch selbst gesagt?" — „Ich, sag ich, wie konnte ich so was gesagt haben? Wie kann ich sagen, sag ich, daß Itzig ist Eisik, wenn Itzig ist Alter, und Eisik ist der, der den kochenden Samovar auf sich umgestürzt hat, zur Zeit als ich noch ein Worotiliwkaer war, in Worotiliwka heißt es"____Er, der Advokat, wird rot wie ein Feuer und befiehlt mir, zu gehen: Entfernen Sie sich, sagt er, Sie langweiliger Ebräer, sagt er!____Verstehen Sie, was das heißt? ich bin ein langweiliger Jüd, heißt es. Haben Sie Worte? Ich] und langweilig?! Ich!...