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Ost und West · 1907-06-01 · Heft 6 (Juni 1907) · p. Seite 393 - 394

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 6 (Juni 1907)
Article
Die Militär-Gestellung
Date
1907-06-01
Page
Seite 393 - 394 (sequence 2)
Language
German
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393 Scholem Alechem: DiegMilitär-Gestellung. 394 verstehe nicht, was Ihr für ein Rabbiner in unserm Städtchen seid. Mit Schales*) kommt man nicht zu Euch, dafür ist ein Row da, lang soll er leben — solltet Ihr wenigstens Achtung geben auf die Gestorbenen! Zu was hat man Euch und Eure Taxen? — Endlich stellt sich heraus, ich habe den schönen Row ganz umsonst heruntergemacht; denn die Geschichte mit dem Samowar war garnicht in Meseretsch passiert, sondern zu der Zeit, wo wir — nicht gedacht soll es heute werden — in Worotiliwka gewohnt haben. Das war mir ganz wie aus dem Kopf herausgeflogen. Kurz — was soll ich Euch erzählen! — ich habe mich gerührt und umgetan, Papiere her, Papiere hin — mein Awrohom Jizchok, das heißt Itzig, den man Alterchen ruft, war um sein Privileg gekommen. Das ganze Privileg war fort. Ach und Weh und Gewalt! Denkt Euch: ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ganz echt, wahrhaftig, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg — und keine Spur von einem Privileg! Nun geh und schrei um Hilfe und Erbarmen — aus! verfallen! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Geht mein Alterchen,das heisst Itzig, und zieht die höchste Losnummer 699! Die Militärkommission hat sich gewiegt vor Freude. Der Vorsitzende selbst hat ihm einen Stoß in die Rippen gegeben und hat gerufen: Bravo, Itzig, tüchtiger Junge! Die ganze Stadt hat mich beneidet. Nummer sechshundertneunundneunzig! Was für ein Glück! Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt Ihr leben! Genau als wenn ich mit dem großen Los von 200000 Rubel herausgekommen wäre! Aber unsere Jüdchen! ... Wie man ist gekommen zur Untersuchung, sind auf einmal alle wüste, finstere Krüppel geworden. Der hat den Fehler gehabt, jener hat plötzlich zu hinken angefangen, einem andern war es auf die Augen gefallen, der hat das Pfeifen bekommen, bei jenem hat sich eine Wunde aufgetan, bei wieder einem hat sich, mit Respekt zu sagen, ein Aussatz auf dem Kopf gezeigt .... Kurz — was soll ich Euch lang erzählen — man ist bis zu meines Sohnes Nummer gekommen, und mein Itzig, das heisst Alterchen, hat sich nebbig gemußt zur Aushebung stellen. Bei mir in der Stube hat sich ein Gewein erhoben, ein Gewein und Geschrei. Finsterkeit! Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt? Wo ist das erhört gewesen! Ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungs- Privileg, und kein Stückchen Privileg! Und er, das heisst mein Sohn, ist ganz gleichgültig, als ginge die ganze Sache ihn nichts an. „Was wird sein mitjKol Jisroel, wird sein mit Reb Jisroel" sagt er. Nur der Magen zittert ihm dabei. Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt!! Der Doktor betrachtet meinen Itzig, das heißt Alterchen, mißt ihn aus in der Länge und in der Breite, beklopft ihn, bekuckt ihn, dreht ihn her und hin und sagt: r„Er taugt nicht, der Hund", d. h. er taugt schon, nur zum Soldaten'taugt er nicht. Er mißt keine dritte-; Ritualfragen. halb Werschok in der Breite ... Wiedereinmal eine Freude, ein Jubel: Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt Ihr leben! Die Familie ist zusammengekommen, man hat einander „lechajim"*) zugerufen, man hat Gott gedankt, man war die Gestellung los! Aber unsere Jüdchen! ... Meint Ihr, es hat sich nicht ein Scheikez**) gefunden, der bei der Regierung angezeigt hat, ich hätte „geschmiert"? Was soll ich Euch sagen — noch nicht zwei Monate vorüber, kommt ein Papier, worin mein Itzig, das heißt Alterchen, gebeten wird, er soll noch einmal zur Gestellung in die Gouvernementsstadt kommen, zur „Revision" heißt man das. Wie gefällt Euch die Mahße? Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt! Wie heißt! zweimal zur Gestellung ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungs-Privileg! Kurz — was soll ich Euch erzählen! — wenn man zur Regierung gerufen wird, darf man nicht ausbleiben, muß man fahren. Sind wir zur Regierung gefahren. Bin ich herumgelaufen hin und her. Vielleicht hilft das Verdienst der Väter, ein gutes Wort, das, jenes. Geh, schrei! Ich erzähle einem die Geschichte — ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, und nicht einmal gesund. — Der erhebt ein Gelächter. — Und mein Sohn? — Man hat schon schönere begraben, sagt er, eine Revision ist eine Lotterie, die reine Lotterie! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Man hat meinen Itzig, das heißt Alterchen, hineingeführt zu der Regierungsrevision und hat wieder von vorn angefangen, ihn zu betrachten in der Länge und in der Breite, hat ihn wieder beklopft und bekuckt, gedreht hin und her. Was? Steins geklagt! „Taugt nicht, der Hund?" Das heißt, taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Einer hat widersprochen und gesagt „tauglich". Hat der Dokter geschrieen: „nicht tauglich". — Der sagt „tauglich", der sagt „nicht tauglich", tauglich, nicht tauglich, hin und her, bis der Gouverneur selbst sich von seinem Bänkchen erhoben hat, herankommt und sagt: „Ganz und gar nicht tauglich", das heißt, er taugt auf 99 Kapores. — Hab ich sofort weggeschickt eine Depesche nach Haus in verstellter Sprache: „Masel tow, die Ware ist für vollkommen unbrauchbar erklärt." Jetzt muß ich noch einmal zu der Zeit zurückkehren, wo ich — nicht gedacht soll es heute werden — in Worotiliwka ansässig gewesen bin, und mein Itzig, das heißt Alterchen, noch ein ganz kleines Kind gewesen ist. Kommt da eine Geschichte, etwas wie eine Revision in der Stadt. Von Stube zu Stube ist man herumgegangen und hat aufgeschrieben von jedem, Kleiü bis Groß, wie er heißt und wie alt er ist, wieviel Kinder er hat, ob Jungen oder Mädchen, und wie man sie ruft* Ist man auch zu meinem Itzig gekommen, fragen' wie man ruft ihn. Sagt meine Frau, sie solljgesund sein: „Alterchen". Jener ist zufrieden und geht und schreibt auf: „Alterchen". Genau ein Jahr nach der Militärgestellung kommt eine neue Schickung: man sucht meinen Sohn Alterchen; er soll, Gott erbarme sich, zur Gestellung kommen in *) zum Wohlsein. **} Scheusal.

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