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Ost und West · 1907-06-01 · Heft 6 (Juni 1907) · p. Seite 383 - 384

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 6 (Juni 1907)
Article
Moderne Jargonlyrik
Date
1907-06-01
Page
Seite 383 - 384 (sequence 8)
Language
German
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383 Samuel Meiseis, Charlotten bürg: Moderne Jargonlyrik. 384 Jüdischen das Allgemein-Menschliche in den Vordergrund. Diese Erweiterung des lyrischen Stoffgebiets in der jüdisch-deutschen Literatur ist mit Genugtuung zu begrüssen. Denn eine Literatur bereichern, heisst, ihr jedesmal neue Stoffgebiete zufuhren, neue Werte schaffen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ist Rosenfeld ein Bahnbrecher. Er griff über die Grenzen des Ghetto hinaus und ins volle Menschenleben hinein. Das Schicksal wollte es, dass er auch ausserhalb des Ghetto nur Disteln und Dornen fand, die in sein Herz drangen und es bluten machten. Von Kind heit an an jüdische Schmerzen und Tränen gewohnt, glaubte er in jedem Schmerz und in jeder Träne etwas Jüdisches erblicken zu dürfen. Es gibt Leiden, die der Jude als Mensch zusammen mit Millionen andern Menschen teilt. Die grosse Tragik im Leben des Juden bildet der Zuschuss zu den menschlichen Leiden, den er vom Schicksal erhalten hat: das Judenelend. Morris Rosenfeld scheint beide Begriffe: das allgemein-menschliche und spezifisch-jüdische Elend nicht recht auseinanderzuhalten. Sonst hätte er seine Gedichtsammlung nicht unter der falschen Flagge „Lieder des Ghetto" in die Welt geschickt. Es sind Lieder, die in der Ghettosprache geschrieben sind; Lieder des Ghetto sind sie nicht. Was haben zum Beispiel die Arbeiterlieder „Die Werkstatt", „An der Nähmaschine", „Die Nachtigall zum Arbeiter", „Das Lied der Not", „Die Träne auf dem Eisen", „Was ist die Welt", „Auf dem Totengarten" — mit dem Ghetto zu schaffen? Oder wie stehen die Lieder des Lebens: „Blumen im Herbst", „In der Wildnis", „Die Erschaffung des Menschen", „Die Freiheit", „Die Not und der Dichter", „Die FriedhofsnachtieaU" — mit dem Ghetto in Zusammenhang? Nur die Lieder des Volkes — der kleinste Teil der Sammlung — stammen aus der rein jüdischen Gemütssphäre. Rosenfelds Gedichte haben aus dem Grunde, weil sie nicht spezifisch-jüdisch sind, an poetischem Wert nicht das geringste verloren. Aber man soll die Seufzer, die aus rauchgeschwängerten Fabriksräumen kommen, mit den Seufzern, die aus dumpfen Ghettomauern hervortönen, nicht identifizieren. Rosenfelds Stärke ist die Naturmalerei. Er malt keine Kabinettbilder, weil er mit einfachen Mitteln nicht zu arbeiten versteht. Er entwirft übergrosse Gemälde, in denen er einen Farbenreichtum entwickelt, dass es glänzt und schillert und funkelt von allen Seiten. Er findet für jedes Naturbild eine treffende Tonfarbe, für jeden Naturlaut einen richtigen Klangwert, Wir staunen oft, wie sich in diesem hungernden und darbenden Schneidergesellen ein solcher Natursinn entwickeln konnte, und wir fragen uns: wie gross hätte dieses Dichtertalent unter günstigen Verhältnissen werden können, wenn es unter ungünstigen so geworden ist! . . . Ein grandioses Bild von grossartiger Plastik und meisterhafter Klangmalerei ist das Gedicht „der Sturm". Wild rast der Sturm übers Meer. Tief gähnt der Abgrund der brüllenden See, aus der die Wogen hochauffliegen, als drohten sie eine Welt zu verschlingen. Gegen diesen Meeressturm setzt sich ein Schiff zur Wehr. „Es biegt sich und bäumt sich und stöhnt und ächzt". Es schnaubt der Kessel, es zischt im Kamin, es krachen die Balken, Es krachen die Masten, wild flattern die Segel, — Jetzt fliegt es vorbei an dem tötlichen Riff — Sie kämpfen und streiten und raufen und ringen Auf Leben und Tod: der Sturm und das Schiff. Jetzt muss es sich ducken, jetzt muss es sich stellen, Jetzt treibt es zurück, jetzt treibt es voraus, Jetzt ist es nur noch ein Spielzeug der Wellen, Die Wasser verschlingend und speien es aus. Es braust die See, auffliegen die Wogen, Es dampft und kocht und siedet der Grund, Blut will der höllische Sturm, der Mörder, Ein grausiger Abgrund reisst auf seinen Schlund-- Da hört man ein Jammern, ein Schreien und Weinen. — Entsetzlich die Angst und schaurig die Not — Jedwedes betet zu seinem Gotte: „Kette uns, rette uns, Herr, vor dem Tod!" Und an der Seite dieses Bildes malt er zwei Männer, die ruhig und stumm nebeneinander sitzen. Sie falten die Hände und starren schweigend den Todesgraus an. Es sind zwei russische Juden, die aus dem finstern Eussland geflohen sind und jetzt vom freien Amerika wieder nach Eussland getrieben werden. Sie resignieren: Mag brausen das Meer und heulen der Sturm und sinken das Schiff — was haben wir, die Entrechteten, die Heimatlosen, zu verlieren? Das nackte Leben, das wir besitzen, ist wahrlich des Lebens nicht wert... Ihr babt wohl Grund zum Weinen und Beten Und mögt Euch entsetzen vor jähem Tod, Habt alle ein Heim, darinnen zu wohnen, Euch jagt, übers Meer nicht die grausame Not. Doch wir sind verloren, verlassen wie Steine, Die Erde giebt uns kein Fleckchen frei, Wir fahren. Doch keiner erwartet uns drüben. Vielleicht wisset ihr, wohin fahren wir zwei? Mags brausen und brüllen und sieden und kochen, Mags stürmen und stürzen um uns her, Wir sind verlorne, verlassene Juden — Unsere brennende Wunde löscht nur das Meer. . . . Als Gegenstück zu diesem düstern Gemälde möchte ich „Die Nachtigall zum Arbeiter" anführen, ein Gedicht, worin Bosenfeld einen schönen Sommertag in den buntesten Farben malt. Freilich brechen auch in diesem Gedichte Seufzer hervor, auch hier beeinträchtigt die Tendenz den künstlerischen Wert der Dichtung. Aber die künstlerischen Werte, die sie enthält, interessieren uns umsomehr, als sie von dem Natursinn Rosenfelds beredtes Zeugnis ablegen:

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