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Ost und West · 1907-06-01 · Heft 6 (Juni 1907) · p. Seite 381 - 382

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 6 (Juni 1907)
Article
Moderne Jargonlyrik
Date
1907-06-01
Page
Seite 381 - 382 (sequence 7)
Language
German
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381 Samuel Meiseis, Charlottenburg: Moderne Jargonlyrik. 382 den Messiasglauben; die farbenreichen Traumbilder, die sich an ihn knüpften, dichtete später die lebhafte Phantasie hinzu. Das goldene Zeitalter suchten die Juden im Ghetto in der Zukunft. Und sie hatten recht. Das goldene Zeitalter war noch nicht; ein goldenes Zeitalter, das spurlos versehwinden konnte, glänzte nur wie Gold, aber es war keins. Das echte muss erst kommen. Diese Hoffnung tröstete die Juden. Mit goldenen Fäden hatte der Ghettojude sein Zionsideal umsponnen. Und der jüdische Ghettodichter Frug spinnt sie weiter. Es liegt viel Erhabenes und viel Eührendes in seinen Zionsliedern. Es sind Tränen in ihnen, die wie sonnenbestrahlte Tautropfen funkeln, und Töne, die wie liebliche Zukunftsmusik klingen. Frug hat in diesen Liedern die an den Messiasglauben anknüpfenden Sagen, Legenden und Märchen als zierliche Arabesken verwendet. Von den vielen Zionsliedern sei hier nur eins in möglichst wortgetreuer deutscher Uebertragung angeführt Es betitelt sich „Der Becher" und behandelt die alte Midraschlegende von dem Tränenbecher, der vor Gott steht und in den der Allerbarmer beim Anblick der Leiden Israels manche Träne fliessen lässt. Erst — so geht die Sage — wenn das Mass der Leiden voll ist und der Becher von Tränen überströmt, hat die Stunde der Erlösung geschlagen, ist die lange Leidensgeschichte Israels beendet. Der Becher. — „Sag, Mütterchen, ist's wirklich wahr, Was Grosspapa erzählet: Dass dort vor Gott ein Becher steht; — — — Und wenn man hier uos quälet, Und wenn aus unsrer wunden Brust Erschallen Schmerzenstöne, Lässt fliessen Gott in diesen Kelch Voll Mitleid eine Träne?" — — „Ist wahr, mein Kind!u — „Sag, Mütterchen, Ist's wahr, was ich vernommen, Dass wenn der Becher tränenvoll, Dann wird Messias kommen?" — „Jawohl, mein * Kind!" — Und eine Weil Seufzt still der kleine Sprecher, Dann fragt er leis: — „Wann, Mütterchen, Wann wird denn voll der Becher?" — Tieftraurig hebt zur Mutter er Den Blick voll bangem Sehnen: — „Ist denn der Becher bodenlos Und sickern durch die Tränen? Wir litten und wir leiden noch, Nichts füllt des Bechers Leere; Vielleicht versiegt im Lauf der Zeit Im Becher drin die Zähre?" . . . — Die Mutter schweigt und neigt das Haupt, Ihr Herz ist tief erschüttert, Und eine Träne, weich und mild, Im Mutterauge zittert. Und auf des Kindes hold Gesicht Zwei Perlentropfen fliessen. . , O guter Gott, lass in den Kelch Die Tränen sich ergiessen. Auf dem Gebiet der Satire bewegt sich Frug zwischen Höhe und Tiefe. Manchmal gelingt ihm ein vorzügliches satirisches Gedicht. Zuweilen jedoch sinkt er auf die Stufe der alten Badchonim hinunter .... Auf der Höhe seines poetischen Könnens zeigen ihn seine Balladen und Legenden. Sie verdienen die Bezeichnung: Perlen der jargonischen Literatur. * * * Frug ist ein bedeutender Lyriker. Der Abstand zwischen ihm und den jüdischen Volksdichtern ist gross. Aber man kann sich Frug ohne die jüdischen Volksdichter nicht denken. In ihm hat die jüdische Volksdichtung ihren Gipfelpunkt erreicht. Er hat für den Gedankenkreis und die Gefiihlsmomente der jüdischen Volksdichtung die richtige Kunstform geschaffen. Das erhebt ihn vom Volksdichter zum Dichter des Volkes. Ganzanders ist Morris Rosenfeld. Dieser Dichter steht — als Jargonlyriker — auf eigenen Füssen. Freilich lassen sich auch in Rosenfelds Dichtungen, namentlich in denen seinerersten Schaffenszeit, Spuren der jüdischen Volksdichtung nachweisen. Aber sie haften nicht unzertrennlich am Wesen dieses Dichters. Man kann diese Spuren verwischen, ohne dadurch ein Jota von der poetischen Empfindungsart Rosenfelds zu rauben. In der Jargonliteratur bedeutete er ein Ereignis. Zunächst seins Persönlichkeit: ein armer, hungernder, in den Sweat-Shops Frondienste leistender jüdischer Schneidergeselle erwacht eines Morgens und findet sich als Dichter berühmt. So mancher jüdische Schneidergeselle war zu etwas besserm geboren und hat es zu etwas besserm gebracht. Der alte Alexander Zederbaum hat den kühnen Sprung von der Schneiderwerkstatt zum Redaktionstisch gemacht. Dieser Schneidergeselle begründete die älteste und grösste hebräische Tageszeitung „Ha-meliz", die in Petersburg vierundvierzig Jahre lang erschien. Ausserdem gab er noch einige Zeitschriften und Wochenblätter in jüdisch-deutscher und in russischer Sprache heraus. Ein jüdischer Schneidergeselle war es, der heute die „Stütze des Wiener Burgtheaters" ist. Und ein jüdischer Schneidergeselle schrieb die „Songs from the Ghetto", die seinen Namen als Jargondichter in Amerika wie in Europa bekannt machten. Die „Lieder des Ghetto"1) hat der Dichter iu drei Teile geschieden: in die Lieder der Arbeit, die Lieder des Volkes und die Lieder des Lebens. „Alle drei Teile sind Aon einer Stimmung getragen: einem gewaltigen Schmerz, der sich empört gegen die Grausamkeit des Schicksals und der Menschen, der wild aufschreit, ohne einen Widerhall zu finden, der sich verzweifelt krümmt und endlich kraftlos zusammenbricht, um den letzten halberstickten Seufzer in. einer Flut von Tränen zu begraben" . . Rosenfeld setzt unbewusst statt des Spezifischx) Deutsch; Lieder des Ghetto von Morris Rosenfeld. Autor. Uebertragung aus dem Jüdischen von Berthold Feiwel mit Zeichnungen von E. M. Lilien. Zweite Auflage. Hermann Seemann Naehf., Berlin.

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